Donnerstag, 17. August 2006

Merke: Marke

In der Bürknerstraße gibt es ein neues Geschäft: "Klötze und Schinken". Hier gibt es Kunst und mehr. Vorne wird ausgestellt und verkauft, hinten gibt es allerlei Handgefertigtes, Notizbücher, deren Deckblatt aus dem Karton eines Tetrapacks besteht, Bastelbögen für DDR-Plattenbau und den Palast der Republik, Taschen aus Filz und aus aufgetrennten Feuerwehrschläuchen, letztere garantiert wasserdicht.

Der Laden ist aus dem Prenzlauerberg hergezogen. Noch heute versprühen seine Waren den Charme von Ostberlin der Nachwendezeit, riechen nach hipper Improvisation. "Made in GDR" wurde flugs zu "made in East-Berlin" im Schatten des Fernsehturms, das roch und klang nicht mehr nach Trabi-Motor, sondern nach frischer Farbe und dem Kreischen und Surren der Bodenabschleifmaschinen.

Und in der Euphorie des Neuen entstanden neue Marken, die keine sind und doch als solche funktionieren.

Im Laden kommt es zu einem Gespräch über Marken. Robert ist ein in die Jahre gekommener Architekt und heute "auf Hartz IV". Für ihn sind Marken zu allererst Erkennungmerkmale. "Ich erkaufe mir die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Egal ob KaDeWe (Kaufhaus des Westens) oder Aldi, ich mach für den ersten Blick klar, wo ich hingehöre. Ist Dir schon mal aufgefallen, dass die wirklich guten Rapper unter den Hipsters gar keine Streifchen an den Turnschuhen tragen müssen? Sie sind es ja schließlich, die die Trends setzen. Also: mache Deine Kinder stark, und sie werden immun gegen Marken."

Klaus, Gitarrist und Hauptschullehrer, der heute mal gucken gekommen ist, was in der Nachbarschaft passiert, bevor die Schule nächste Woche wieder anfängt, sagt: "Schau Dir die reichen Leute an. Die hetzen von Termin zu Termin, die haben gar keine Zeit dafür, sich gute Sachen zu erjagen. Oft erkennen sie nicht mal, was gut ist, aber das ist eher ein Problem von Bildung und Geschmack. Also bezahlen sie für eine Marke. Im Grunde bezahlen sie damit Mister Boss dafür, dass er Stoff, Schnitt und Laden ausgewählt hat. Sie wissen, dass sie der Marke vertrauen könnten. So gesehen ist eine Marke ein Einkaufsberater und ersetzt auch Freunde, Partner, den Herrenausstatter ihres Vertrauens - und die eigene, vielleicht längere Entscheidungsfindung."

Im Bad der Stadtschreiberwohnung liegt jetzt der Inhalt meines kaputten Verbandkastens in einer weißen Schlauchtasche mit hellblauer Aufschrift "BERLINER FEUERWEHR", zusammengehalten durch einen ebenfalls hellblauen Reißverschluss. Damit mache ich jetzt allen klar, dass ich hier zur Szene gehöre. Und eins haben alle Marken gemeinsam, egal ob Ex-East-Berlin oder Strenesse: Die Preise haben sich gewaschen. Die Differenz zum Materialwert ist eben die Marke, der "Abdruck", hier: der Aufdruck.

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