Donnerstag, 4. Januar 2007

Faktor Zeit, ein Vexierbild

"Wer weiß, mit welcher Zähigkeit die Arbeiterschaft (...) um die Verlängerung der Freizeit kämpft, der könnte meinen, dass in allem Elend der Arbeitslosigkeit die unbegrenzte freie Zeit für den Menschen doch ein Gewinn sei. Aber bei näherem Zusehen erweist sich diese Freizeit als tragisches Geschenk. Losgelöst von ihrer Arbeit und ohne Kontakt mit der Außenwelt, haben die Arbeiter die materiellen und moralischen Möglichkeiten eingebüßt, die Zeit zu verwenden. Viele Stunden stehen die Männer auf der Straße herum, einzeln oder in kleinen Gruppen, sie lehnen an der Hauswand, am Brückengeländer. Wenn ein Wagen durch den Ort fährt, drehen sie den Kopf ein wenig; mancher raucht eine Pfeife. Langsame Gespräche werden geführt, für die man unbegrenzt Zeit hat. Nichts mehr muss schnell geschehen, die Menschen haben verlernt, sich zu beeilen."

An diesen Text musste ich vorhin denken, als ich auf der Suche nach einem Schuster in einer Neuköllner Nebenstraße war. So viele Menschen mit so viel Zeit! Auf mich wirkte die Szene wie ein Filmausschnitt in Zeitlupe. Natürlich wunderte ich mich über Uhrzeit (halb zwölf Uhr vormittags) und Jahreszeit, aber die Temperaturen sind mild. Muße ist gut, wenn aber keine Pläne mehr da sind ...

Da fällt mir ein, was uns Gilles Duhem, damals Quartiersmanager des Neuköllner Rollberg-Kiezes, im Sommer erzählt hat: "Es gibt hier Schulklassen, da hat nicht ein Elternteil Arbeit. Und die Kinder wissen nicht, was ein Termin ist."

Das obenstehende Zitat stammt übrigens von 1932, es ist aus dem Buch "Die Arbeitslosen von Marienthal" von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, Hans Zeisel, der ersten soziologischen Untersuchung über die Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit.

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