Montag, 27. November 2006

Die Frankfurter Küche

Gestern auf der Sonnenallee, hier hat ein teurer Küchenausstattungsladen zugemacht, ohne, dass ich es früher gemerkt hätte. Als ich jetzt hinschaue: einfach weg. Die Umgebung von Lebensmittel-, Textil- und Billighandel war wohl nicht die richtige, und Laufkundschaft gab es auch nicht. Allenfalls die Häuslesbauer aus Rudow, die mit dem Auto auf der Fahrt "in die Stadt" hier vorbeikommen.

Bauherren in Deutschland geben oft zehntausende Euro pro Küche aus. "Eine gute Küche - die Anschaffung fürs Leben", so oder so ähnlich wurden Küchen früher beworben. Dabei ist alles ganz einfach. Die praktischste Einbauchküche ist Teil der Wohnung und ihre Fronten sind weder teuer noch anspruchsvoll in der Pflege. Diese Einbau-Arbeitsküche wird dieses Jahr 80, erfunden wurde sie in Deutschland. Und das kam so:


Am Anfang war das Feuer. Im Laufe der Jahrtausende erhält es eine metallene Einfassung. Dann werden die ersten Küchenmöbel erfunden, Kästen und Schränke, ein Spülstein kommt hinzu. Für Jahrhunderte war das der Mittelpunkt der Familie: Tisch und Herd.

1926 ist Deutschland reif für die Erfindung der sogenannten Frankfurter Küche, der Mutter aller Einbauküchen. Wie für alle Erfindungen sind einige Zutaten nötig:
Vordenker, die überlegen, wie Hausarbeit einfacher geht. Vorbilder, die das Arbeitsleben neu strukturieren: Mit der Taylorisierung werden Abläufe erfasst und Fabriken entsprechend umgebaut. Vorreiter, die neue Technologien in großem Stil einführen. Vorgesetzte, die dringend Erfolge brauchen - und außerdem ein Talent: Margarete Schütte-Lihotzky. Weil sie sich selbst so nannte, nennen wir sie bei ihrem Spitznamen: Grete. Sie stammt übrigens aus Wien und ist Österreichs allererste Architektin.

Die erst 29jährige Grete plant also 1926 in Frankfurt am Main tausende von Wohnungen für den sozialen Wohnungsbau. Geld ist knapp, also soll die Kücheneinrichtung fest in der Wohnung installiert sein, praktisch und sparsam in der Herstellung. Gretes Team nimmt Maß: bei Hausfrauen, Wegen und Handgriffen - und zählt, wie oft was gebraucht wird.

Zu Hilfe kommt ihr die Einführung von Strom und Gas. Holzhacken, Feuermachen und es den ganzen Tag am Brennen zu halten ist nicht mehr nötig. Gretes Chef, Bauamtsleiter May, hat auch nichts dagegen, dass nach ihren Plänen die Küche einer wichtigen Funktion beraubt wird: dem Wohnen.

Denn trotz der Krise erhalten die unteren Schichten zum ersten Mal ein Wohnzimmer, der Esstisch wandert dorthin. Damit die Frau ihre Kinder im Blick behält, wird die Türöffnung breiter. Die Küchenmöbel, jetzt schlicht und kompakt, rücken zusammen. Sie werden so angeordnet, dass nur ein Minimum an Schritten nötig ist. Vorräte lagern in Schütten, das Licht ist immer dort, wo es gebraucht wird. Sogar ein Bügelbrett wird eingebaut. Fußleisten und eine teilweise abgesenkte Küchendecke schaffen Staub-Ecken ab, Fliesen sorgen für Hygiene. Und weil Fliegen kein Blau mögen, werden die Türen blau gestrichen.

Manche Zeitgenossen kritisieren, die Frau werde in ein Küchenlabor verbannt, wo sie in gefliestem Umfeld auf dem Gasbrenner Versuche mache. Die sind aber schnell verstummt, weil sie gemerkt haben, wie praktisch es ist, dass die Hausarbeit schneller geht, denn damals werden immer mehr Frauen erwerbstätig.

Grete baut von nun an Kindergärten und Schulhorte.

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