Freitag, 24. Oktober 2008

Werte

Geld wird weniger wert werden, damit die Schulden in den USA schwinden. Böser Satz, aber so fühlt es sich an. Dann müsste im Gegenzug Arbeit mehr wert werden. Qualifizierte Arbeit.

Ich habe mir ein Fernglas für die Dolmetscherkabine gekauft, manchmal sehen wir ohne Hilfsmittel aus großer Enfernung nicht, was vorne 'gespielt' wird.

Das Fernglas kostetet bei Conrad-Elektronik genau 9,99 Euro, made in China. Das mitgelieferte Plastiketui stank erbärmlich. Also rushte ich noch schnell zu Karstadt und fand ein Schlüsseletui mit Volumen: Ist das Fernglas zusammengeklappt, passt es perfekt rein. Kostenpunkt für das hervorragend verarbeitete Lederteil: stolze 22,50 Euro. Das Etui lag inmitten von Ware der Firma Picard, einem trotz des französischen Namens bekannten deutschen Unternehmen.

Wenn ich Kleidung kaufe, vermeide ich Saisonpulis für 18,90 Euro aus China, wo wir in Europa so wenig über die Umstände der Herstellung wissen, wie die Arbeiter entlohnt werden, was für Umweltfolgen die Produktion hat usw. Ich kaufe lieber zu den Schlussverkäufen, so kann ich mir auch teure Ware leisten, die dann mehr als eine Saison hält.

Beim Fernglas machte ich eine Ausnahme, das Gerät brauche ich nur selten, die Leistung reicht mir, und da ich dem Gegenstand keinen großen Wert zumesse - obwohl es den als optisches Instrument durchaus hat - legte ich ohne zu zögern Geld für den Dumpingpreis auf den Tisch.




















Zuhause dann die Überraschung: als ich Schlüsselring mit Kette aus dem Inneren des Etuis rausschnitt, fiel mein Blick auf ein ganz unten, diskret angebrachtes Schildchen: "Made in China". Nichts deutscher Hersteller und hoher Preis für heimische Arbeit! Der Herstellerhinweis (längst in der großen Tonne) hatte auch eine andere Herkunft suggeriert. Also haben hier die Zwischenhändler dran verdient, und nicht zu knapp.

Beim Klamottenkauf mit einer Freundin letzten August kamen wir auf den Gedanken, dass es sicher bald ein Geschäft gibt: "Not made in China". Isabelle und ich wären dort gern Kundinnen.

Die Amis können nur propagandistisch die Einhaltung von Menschenrechten fordern. In Taten haben sie ihren eigenen Markt von Waren- und Geldimporten abhängig gemacht. Inflation ist deren einziger Ausweg.

Montag, 13. Oktober 2008

Kunden arbeiten mit

Etliche Stunden verbringe ich schon am Rechner und suche Flüge. Ich mussdarf nach Sète, halb Arbeit, halb Erholung, könnte über Paris zurückreisen oder noch an der Küste bummeln. So viele schöne Alternativen! Aber mir schwirrt bald der Kopf und ich habe viele Browserfenster geöffnet, um zu vergleichen: Es gibt fünf verschiedene Anreisewege mindestens, dazu sieben Fluggesellschaften oder Suchseiten, dann noch die Bahn, eine Buslinie, und ach, welches Zugtempo hätten's denn gern, davon hängt auch die Umtauschbarkeit des Tickets im Falle von Verspätungen ab. Und überhaupt: wie lange brauche ich für den Transfer vom Flughafen zum Bahnhof? Wie ist das in Lyon, wie in Nizza? Da kenn' ich immer nur die Zielfahrt nach Cannes ...
Ich wühle mich durch Newsgroups, zum Glück kann ich die Sprache meines Reiselandes.

Im Vergleich zu früher geht hier mein freier Abend drauf. Denn Bürozeit ist Bürozeit, der Wettkampf heftig, ich muss schnell auf Anfragen reagieren. Einst saß man eine Stunde tagsüber im Reisebüro an der Ecke rum und bekam zur Not danach einen Anruf, ging dann nochmal vorbei zum Ticket abholen.

Heute streikt das System nach drei Stunden: eine geforderte Super-Ausgabe-Sicherheitskennziffer finde ich nirgendwo auf dem Plastikgeld, und nachts um elf ist auch bei der Bank keiner mehr erreichbar.

Von wegen Effizienz. Zum Glück muss ich nächste Woche nicht auch noch selbst ins Cockpit und Flugzeug lenken.
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Foto: Arbeitsplatz Nr. 3 im Sommerlicht - beim Drehbuchübersetzen oder -schreiben sehe ich am Abend wenigstens ein Ergebnis!

Sonntag, 12. Oktober 2008

Sonntagmorgen: Spamfrei

Ein Sonntag um acht in der früh: Im Briefkasten nicht ein Spam, wo sonst 15-20 Müllmails zu entsorgen wären. Die Spammer scheinen einen nine to five-Job zu haben - und anders als viele andere Arbeitnehmer ein arbeitsfreies Wochenende.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Berlin französisch

Berlin wird wieder französischer. Wir haben es mit der zweiten großen Zuwanderungswelle seit dem Widerruf des Edikt von Nantes zu tun. Beweise gefällig? Voilà ! (Bilder zum Vergrößern anklicken. Diese Serie wird fortgesetzt.)

Sonntag, 5. Oktober 2008

Fotoindiz

... während im Frühstückscafé alle Indizien für Herbst sprechen ...

Freitag, 3. Oktober 2008

Jahreszeitlos in Nordneukölln

Seit Tagen wird das Licht heller und heller, so schön, dass man allein vom Hingucken besoffen werden könnte. Ebenfalls seit Tagen balzen die Blaumeisen, und sähen nicht die Erlen auch noch so aus, als wollten sie bald blühen, würde ich mir diese Einleitung verkneifen, deren Echo mal wieder lautet: Jahreszeiten- und Wetterchaos. Während auf Schwarzwald- und Gebirgshöhen der Winter da ist, reisen Kindergarteneltern in den bunten Herbst, und kinderlose freelancer planen ihren Restsommerurlaub. Am 11.8. um 18.52 Uhr ging die Regenzeit in Berlin los, gefühlter Höhepunkt: das letzte Augustwochenende. Isabelle aus Paris hatte sich hinter vielen Büchern auf meinem Sofa verschanzt und ward verschwunden, bis sie nach Stunden einmal kurz aufsah, sich die vorbeiziehenden Regenvorhänge besah und seufzte: 11 novembre ! (An diesem tradtionellen Lese- und Zuhausebleibtag gedenken die Franzosen des Endes von WW I - und wissen oft gar nichts von 11 Uhr 11.)

Die Zeit strukturieren daher auf Schönste die beiden großen Berliner Stadtmagazine mit Ausgehtipps und Kritiken. "Neukölln rockt" stand da vor einiger Zeit sogar auf dem Titelblatt - und beschrieb einmal mehr den Wandel Nordneuköllns zum inzwischen-nicht-mehr-Geheimtipp. Doch scheint der Kiez schwer zu finden zu sein. Letztens wurden von der einen Zeitschrift fünf Gastrokritiker in die Gegend ausgesandt, um die kulinarischen Höhepunkte "Kreuzköllns" ausfindig zu machen, im aktuellen Heft schwarz auf weiß der Beweis, dass die überwiegende Mehrheit gar nicht bis Neukölln durchgedrungen ist, den Kiez also gar nicht verorten konnte. Oder haben sie die Aufgabenstellung nicht richtig gelesen? Es handelt sich bei den Kritikern allesamt um Kollegen anderer Zeitungen, vermutlich festangestellte Kollegen, deren Ergüsse man nicht moniert - oder aber es sind Kurzbesuche von Gästen in Textform, und wer wird schon am Geschenk rumkritteln?

Ansonsten ist der Kiez als wie zuvor, ein wenig zu laut in seinem Auftreten, überraschend, gebastelt, heterogen, was Alter, Herkunft und soziale Schicht angeht und stellenweise sogar schön.

Was indes auffällt: Es ist hier immer häufiger Französisch zu hören. Durch die deutsch-französische Grundschule, die seit einigen Jahren aufgebaut wird, ziehen Menschen der Frankophonie gerne in den Bereich zwischen Maybachufer und Sonnenallee, denn für den weiterführenden Unterricht ist auch die deutsch-französische Europaschule im Rollbergkiez nicht weit. Es sind weniger die schon lange in Berlin wohnenden Franzosen, die ihre angestammten Vierteln mit den entsprechenden Schulen nicht verlassen, denn Menschen aus französischsprachigen Ländern und junge Franzosen, für die der alte Westen nicht selten zu teuer ist. So wird Neukölln bunter, und das ist wunderbar so.
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Foto: Links Neukölln, rechts Kreuzberg. Kreuzkölln ist also eigentlich nur hier, auf der Brücke. Und die Natur macht wieder Frankreich-Werbung ;-)

Samstag, 27. September 2008

Berlin-Marathon

Nein, ich laufe nicht, also muss ich mir auch nicht die Frage stellen lassen, ob ich für Aids-Kinder in Afrika laufe oder für Schülerinnen auf dem chinesischen Land - beides ist unterstützenswert, aber ich kenne andere Mittel als Asphalttreten.

Seit heute am frühen Nachmittag ist am Neuköllner Rand zu Kreuzberg die Hölle los. Über den Kottbusser Damm führt nämlich die Strecke, und da ist bereits am Tag vor dem eigentlichen Ereignis alles abgesperrt, die Kinder und Skater seien auf dem Parcours schon mal unterwegs und morgen früh die Rollifahrer, wusste die Bedienung vom Café Eckbert, bei denen ich mittags bei einem Espresso die Zeitungen zu lesen versuche.

Zur Folge hat das, dass die umgehenden Straßen dicht sind. Blechkisten, soweit das Auge reicht. In den meisten sitzt nur der berühmte eine Passagier. Überwiegend Männer sind es bei meiner Stichprobe, die ca. einen Kilometer umfasst (erst ging ich, dann rollte an mir doch einiges im Schritttempo). Viele haben das Fenster auf und unterziehen ihre bumm-bumm-Boxen einem Belastungstest.

Die Straße stinkt, die Luft zerreißt neben den miteinander konkurrierenden Rhythmen auch doch das Schrapp-schrapp-schrapp der Hubschrauber, die wie die ghetto birds in LA über uns kreisen; dazu noch viel Tatü-tata in Rot-Weiss.

Zwei Stunden dauert die Belagerung insgesamt; ich flüchte rasch in die Stadtschreiberwohnung und verrammele mich dort.

Und verstehe nicht, warum so viele Leute, die ja aus der Zeitung vom Marathon erfahren haben, an einem schönen Samstagnachmittag (Schäfchenwolken!) ins Auto steigen. Und warum müssen sie auch noch hupen - das vierte Geräusch, das mit der Zeit auch immer ungehaltener wird. Als würde Hupen etwas ändern.

Oder können die vielleicht alle gar nicht lesen? Und morgen das Ganze dann nochmal! Und das soll gesund sein?

Freitag, 26. September 2008

Infekt im Zeitfenster

"Dann nutzt du ja das Zeitfenster ideal", sagt der Produktionsleiter der Firma B., "dann werd' mal wieder schnell gesund!". Noch so ein komisches Wort, das wir aus dem Amerikanischen haben: das Zeitfenster. Wo ist bitte die Zeit eine Wand, in der Fenster wären? Durchs Fenster seh ich eigentlich hinaus, hier aber soll ich im Zeitfenster etwas MACHEN. Wäre eine Zeittür nicht viel praktikabler? Oder ich nehm' gleich den Zeittunnel ...

Soit! Egal, weiter!

Mein Körper hat auf die kurze Phase zwischen zwei Jobs Anspruch erhoben und sich einen grippalen Infekt zugelegt. Daher bin ich jetzt halskratzbürstig, weil ich keine Lust hab auf Eisfüße, Triefnase und tagsüber Bett. Jetzt sitze ich wie für die Polarexpedition eingepackt auf dem Sofa und sammle die besten Hausmittelchen gegen den Sch...

Ordentlich Pfeffer in heißem Whiskey, sagte Raymund (heiß? Whiskey?), das sei eine Rosskur, aber helfe. Hab nix Hochprozentiges hier, da versuch' ich's lieber mal mit den Alfalfa-Sprossen, die er bei mir um die Ecke herstellt.

Der heiße Zwiebelsud mit Honig war wofür nochmal? Gegen Husten. Hab ich gemacht. Und auch Lindenblütentee getrunken (Danke, Britta), Umcka getröpfelt (zum Apotheker: "Ich sag' den Anfang, Sie sagen das Ende: Umcka..."). Außerdem: Badewanne (nachts halb drei, et oui, Isabelle, anders als in Paris sind viele Berliner Wohnungen groß, haben Bad- und Küchentrakt und ich kann nachts das Wasser laufen lassen), dicke Socken (die berühmten Links-Rechts-Socken, doppelwandig), Wärmflaschen, Hühnersuppe (als Vegi).

Meine beste Empfehlung gegen das, was wir umgangssprachlich 'ne Erkältung nennen, ist dies: Hörbucher. Da meine Arbeitssprache Französisch ist, höre ich hier - klick - bei litteratureaudio.com. Da finde ich viele Klassiker wieder, Literatur, Politik, Geschichte, vor allem sind Franzosen vertreten, aber auch ein wenig Weltliteratur. Es ist ein Verein, der Sehgeschädigten Zugang zur Literatur erleichtern will, der diese Dateien aufnimmt und kostenlos zur Verfügung stellt. (Mit fast - 10 Dioptrien zähl ich mich ein wenig darunter, im Bett lesen geht oft nicht, der Bügel klemmt, das Licht spiegelt in der Brille ...)

Je mehr ich höre und wiederhöre, desto begeisterter bin ich. DAS hilft gegen Erkältung! Wer kennt ähnliches auf Deutsch und Englisch? Und noch Hausmittelchen gegen Erkältung? Da verschwinde ich doch ganz gerne mal ein Weilchen, nehme mir Zeit zum Gesundwerden und bin dann mal kurz "weg vom Fenster" ... wo? Im Tunnel ...

Sonntag, 21. September 2008

Arbeitszeit

Wieder mal das leidige Thema Arbeitszeit. Ich übersetze ein Drehbuch aus dem Französischen, kam nach einer Probeseite auf ca. 60 Stunden Arbeitszeit. Netto. Nun geht es in diesem Alzheimer-Thriller über ein Thema, das ich nicht kenne, es spielt in einer Gegend, die mir fremd ist, also lese ich mich ein wenig ein. Dann formatiere ich die Datei um, die anfangs hakt. Dann koche ich Tee, dabei fällt mir auf, dass ich die Spüle mal wieder gründlich scheuern muss, morgen kommen Handwerker ...

Und als ich mittendrin bin, spüre ich, Stunden später, wie sich meine Muskeln von der Schreibtischarbeit verkürzen, Millimeter für Millimeter, da kann' ich fast zusehen dabei. Einige Stunden später sind die Füße eiskalt, ich bade, mitten am Tag. Das tut meinem Gedankenfluss und dem Text gut. Ebenso, dass ich in den Pausen immer in der Küche bin oder im Wohnzimmer oder im hinteren Zimmer am Stehpult, und mal laut, mal leise lese. Ich höre meine Stimme, sie klingt rauer als sonst, sie bleibt oft still dieser Tage, wo tief in mir drin die vielen Stimmen und Sprachen des Drehbuchs erklingen. Wichtig: Ich lese auf Deutsch, telefoniere zwischendurch - auf Deutsch, gehe ins Café, nur, um die Bedienung zu besuchen (eine Studentin von mir). Ich stelle meinen Kopf wieder ein, justiere meine Sprache neu.

Alles das muss ich zur Arbeitszeit hinzurechnen. Den Kostenvoranschlag für die Reise mit einer diplomatischen Delegation zwischendurch, die kleinen Gänge (Druckertinte ist alle) und die größeren Pausen, die der Erhaltung oder gar Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit dienen. Als Freiberuflerin erlebe ich oft: Sie sind nicht drin im Budget. Also versuche ich mich so gut es geht zu programmieren: Ich sitze am Schreibtisch, dem Cockpit, Blick geradeaus und in Routinemomenten schalte ich schon mal auf Autopilot. Ich lese ja am Ende als meine eigene Erstkorrektorin alles mehrfach durch ...

Fasten seat belt, es geht (wieder) los ...

Sonntag, 14. September 2008

Ereignis

Die Stadtschreiberin von Neukölln kommt gerade sehr wenig raus, sie schreibt. Daher sind es auch wenig Dinge aus Neukölln, über die hier derzeit berichtet wird.

Heute gab es ein Ereignis. Es klingelte. Niemand war angemeldet, es ist Sonntag, also kein übliches "Pohost-ich-komme-mit-Werbung-die-Müllabfuhr!"-Klingeln, auf das ich oft schon gar nicht mehr reagiere. Es klingelte wieder.

Endlich ging ich hin. In der Gegensprechanlage ergab sich folgender Dialog:

Ich: Hallo?
Er: Sie haben geklingelt!
Ich: Nein, Sie haben geklingelt!
Er: Ich bin oben in meiner Wohnung, da kann ich nicht bei ihnen geklingelt haben!
Sie: Ich auch, äh ... nicht!
Er: Aber sie haben doch gerade bei mir geklingelt!
Ich: Nein. Ich bin auch oben in meiner Wohnung. Ich glaube, wir hören uns über die Gegensprechanlage.
Er: Und was jetzt?
Ich: Wir hängen wieder ein.
Er: Das machen wir! Schönen Sonntag noch!
Ich: Dann war das Ganze wenigstens für etwas gut: Schönen Sonntag wünsch' ich Ihnen auch!
Er: (Klick.)
Ich: (Klick.)

Und ich dachte immer, die Gegensprechanlage blockierte alle anderen Parteien, wenn eine Verbindung zwischen unten und einer der Wohnungen hergestellt ist!
Welchen Nachbarn ich da an der Strippe hatte, weiß ich nicht. Aber es war ein netter Gruß, der mich aus der Arbeit riss. Ob das Schellemännchen das geahnt hat?

Sonst ist nichts passiert. Wirklich nichts.

Freitag, 29. August 2008

1. Neuköllner Puppentheaterfestival

Ein aktueller Tip: Von heute bis zum 31. August 2008 findet das 1. Puppentheaterfestival am Böhmischen Platz statt. Puppenspieler und Puppentheater aus Neukölln, Berlin, der Türkei, Syrien, Frankreich und Bosnien spielen für Kinder auf einer Bühne auf dem Böhmischen Platz. Abends gibt es für Erwachsene Vorstellungen im Puppentheater mit dem Namen K&K-VolkArt, das direkt gegenüber liegt.

"Was ist Heimat?" "Was ist fremd?" "Fremd in der Heimat oder heimisch in der Fremde?" In einem Stadtteil, der durch vielfältige kulturelle Hintergründe beeinflusst, von Armut, geringen Bildungschancen und Gewalt gezeichnet, aber auch von herzlichen Menschen und dem sozialen Miteinander geprägt ist, veranstaltet K&K VolkArt ein Festival, das auf Fragen kultureller Identitäten Antworten sucht – oder auch erst die richtigen Fragen finden möchte.

Für mehr Infos und das Programm bitte hier klicken.

Donnerstag, 28. August 2008

Historische Bauelemente

Was unser Nachbar "Herr Hartmut" ist, so hat dieser einen Kläffer. Einen immer schmutzigweißen Köter undefinierbarer Rasse, der jedes Türklingeln eilfertig anbellt. Dazu hat Herr Hartmut auch noch Fräulein Tochter, das bald schulreif ist - zwei Gründe, weswegen unser Bewohner im Erdgeschoss peinlich genau darauf achtet, dass die Hauseingangstür oft und lange offensteht.

Bis neulich, es war ein Julimittag zwischen drei und halb vier, ein harmloser Mittwoch noch dazu, ohne jeglichen Markt oder wochenendlichen Touristentrubel, böse Menschen durch diese stets einladend offene Tür das Haus betraten und von sehr vielen Wohnungstüren Türblätter und -knäufe abmontierten bzw. stellenweise sogar abrissen, an einem sonnenhellen, ruhigen Tag wie gesagt, vermutlich in irgendeinen Arbeitsoverall gekleidet, auf dass der Arbeitseinsatz auch schön offiziell aussehe. Die Nachbarn hier passen eigentlich immer auf, wenn hier neue Menschen ein- und ausgehen, so sehr, dass es mir manchmal zu viel ist. Hier aber ging alles so rasch vonstatten, dass von den Hausbewohnern niemand etwas mitbekam. Nicht mal Herrn Hartmuts Köter hatte angeschlagen.

Nur das Ergebnis war nicht zu übersehen. Als ich halb vier gehen und die Tür hinter mir zuziehen wollte, griff ich ins Leere. Da war anstelle des runden Knaufs nur noch ein hässliches Nichts.

Am Sonntag besuchte ich einen der Berliner Flohmärkte und sah haufenweise Türklinken, Knäufe, Schrankschilde, Türbeschläge akkurat präsentiert und was an derlei in manchen schicken Immobilien an Mobilem so vorhanden ist. Und ich erwarb, zum horrenden Preis von 10 Euro, nachstehend abgebildeten Griff.

Und ich stellte mir vor, wie diese Knäufe, Verschlüsse und Türblätter, zunächst nach Form und Stil wohlsortiert, von den Häusern auf die Märkte und dann wieder zurück in die Häuser wandern, von wo aus sie wieder ihre Reise antreten. Dabei müssen sie natürlich immer mehr durcheinander geraten, denn die Ware ist nicht sortiert und die Anzahl der gestohlenen und nachgekauften Messingdinge ist nie gleich ...

Wir Mieter der anderen Geschosse haben jetzt versucht, mit Herrn Hartmut von ganz unten ein ernstes Wörtchen zu reden. Das war wahrlich nicht einfach. Aber immer öfter klappt es und die Eingangstür wird nur kurz geöffnet für Hund und das gnädige Fräulein. So wisset, Ihr potentiellen Diebe, dass unser Haus inzwischen eine Alarmanlage hat. Und überhaupt: Die meisten historischen Türbeschläge sind gestohlen, bei uns ist fast nichts mehr zu holen! Wegbleiben!

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Andere Geschichten von und mit Herrn Hartmut (der natürlich anders heißt): hier und hier bitte klicken.

Samstag, 23. August 2008

Gentrifizierung ...

Hier beim Foto aus dem Reuterkiez fehlen am rechten Bildrand nur Komma und Fragezeichen. Und es fehlt die Antwort, bien sûr !

Samstag, 9. August 2008

Digitales

Fotografiert wird heute immer mehr digital. Die Masse der geknipsten Fotos steigt ... Die Menge bringt ihre Entwertung mit sich - das Wort "knipsen" ist beredt. Auf der anderen Seite bringt die Masse dann auch immer wieder Starbilder zutage. Die Menge der verarbeiteten Filmrollen war früher das Geheimnis der Fotografen, heute verschwindet viel "Belichtetes" rasch auch wieder im digitalen Nirwana.

Partygespräche: Einer berichtet von einer Reise mit Freunden. Es war letzten Winter, sie waren auf einer Hütte, mehrere digitale Apparate im Gepäck, "und alle Fotos sahen scheiße aus".

Bilderdurchsicht von der Party: Die Fotos sind gnadenlos. Schweiß, Hautunreinheiten, Anflüge von Grimmigkeit. Auch die Therapie Ich-knipse-viel-und-lass'-Dich-das-Ding-vergessen hilft bei manchen nicht.

Aber der Gedanke, wie es wäre, wenn ein digitaler Apparat nur schöne Bilder produzierte, die Menschen verschönerte. Ein solches Patent schüfe Milliardäre.

Montag, 4. August 2008

Blick aufs Wasser

Sonntag, 3. August 2008

It's tea time

Eine Absage der etwas anderen ABM vom Arbeitsamt

Jede Woche mindestens zwei: unaufgeforderte Bewerbungen. Seit Jahren schreiben und entwickeln wir Filme, haben auch ein paar produziert, derzeit steht aber das Entwickeln und Forschen im Vordergrund. Aber wer einmal in den Adressbüchern steht, braucht eine Musterabsage wie diese hier:


Sehr geehrter Herr Sonundso,

Sie bewarben sich unaufgefordert bei unserer Filmproduktionsgesellschaft. Wir sind eine auf Dokumentarfilm spezialisierte Firma, wie Sie nach ein wenig Recherche leicht hätten bemerken können. Bei der Herstellung von Dokumentarfilm wird nur sehr selten ein Außenrequisiteur (wahlweise: Schauspieler, Produktionsfahrer, Kostümbildner) benötigt. Weitere Recherche hätte Sie darüber in Kenntnis gesetzt, dass wir derzeit unsere Energien auf Stoffentwicklung konzentrieren und in letzter Zeit keinerlei öffentliche Fördergelder erhalten haben, ohne die in Deutschland kaum noch Filme hergestellt werden können, was auch für Fernsehproduktionen einer gewissen Größenodrnung gilt.

Ich weiß nicht, ob es mangelnde Phantasie, Branchenkenntnis oder aber der Druck des Arbeitsamtes ist, aber Ihre Bewerbung kommt mir so vor, als würde sich hier ein Werkzeugschlosser in einer Schreinerei bewerben. Sollte das Arbeitsamt Sie zu einer Mindestzahl an Bewerbungen je Monat nötigen (und damit zu Mehrausgaben, von denen ich gar nicht weiß, wer diese trägt), so dürfen Sie gerne diese Mail hier Ihrem Arbeitsamtsmitarbeiter vorlegen. Die Anzahl der in Berlin tätigen Produktionsfirmen ist recht groß, von ihnen ist eine gewisse Anzahl auch im Spielfilm aktiv, die regelmäßig Aktiven dürfte deutschlandweit die Zahl von 80-100 nicht überschreiten. Insofern ist ein Zuschütten der kleinen Firmen mit Bewerbungen nicht nur volkwirtschaftlicher Unsinn, sondern auch höchst kontraproduktiv. Heute bindet es am Sonntagnachmittag zum Beispiel meine Energie, die ich für die Aufrechterhaltung meiner Arbeitskraft dringend brauche!

Ihre Unterlagen bewahren wir bis einschließlich 8.8.08 hier auf, danach werden Sie entsorgt.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und auch Glück!
Mit freundlichen Grüßen,
- Unterschrift -


Zweiter Akt, Antwortschreiben auf Ihre Antwort vom 06.08.2008


Sehr geehrter Herr D.,

weil Sie uns darauf ansprechen: Die Produktion über die Ackerstraße wurde 2002 gedreht, 2003 bis 2005 auf Festivals gezeigt und hat dort Preise gewonnen. Sich 2008 mit Verweis “auf ihr aktuelles Projekt Ackerstraße” zu beweben kommt nicht gut.

Mein Tipp: Lesen Sie die Fachpresse! Dann wissen Sie, wer was vorbereitet. In den Produktionsnachrichten stehen sogar die Fördersummen, dann können Sie erahnen, da Sie ja Filmwirtschaftler sind, ob es zu Reenactment kommen könnte oder nicht.

Weiterer Tipp: Lernen Sie, was die formale Gestaltung eines Briefes ausmacht. In Mails gelten ausschließlich in Großbuchstaben gehaltene Worte als Schreien, die meisten von uns lesen fast nur noch Mails, übertragen zurück auf den geschriebenen Brief. Außerdem Formalien: Hinter Satzzeichen erfolgt ein Punkt, vor und nach Gedankenstrichen auch, was, wie das Wort verrät, nicht bei Bindestrichen gilt. Verzeihen Sie mir diese Korinthenkackerei, aber da Filmmitarbeiter bei sehr kleinen Produktionen mehrere Aufgaben übertragen bekommen, es also durchaus denkbar ist, dass jemand, der den Set gestaltet und fotografiert auch in der Aufnahmeleitung mitarbeitet, also mit Behörden korrespondieren muss für Drehgenehmigungen etc., schließen Sie sich durch Unkenntnis in diesem Bereich selbst aus.

Das war mein letztes Wort. Wir drehen derzeit nicht, stecken in Projektentwicklung – sicher noch für einige Zeit.
Mit freundlichen Grüßen,

- Unterschrift -

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Ich glaube, der Herr bekam vom Arbeitsamt Kurse in Englisch, Computer und Marketing bezahlt, das ging aus der Bewerbung hervor. Briefeschreiben und Bewerbungstraining wären hier angebracht gewesen. Es handelt sich um einen ausgebildeten, studierten Herrn in den Fünfzigern.

Freitag, 1. August 2008

Digital Love (II)

oder: Wie Technik unser Liebesleben verändert

Berlin, Winter 2007: Rita und Bernd sind ein Paar. Oder sind Rita und Bernd kein Paar? Manchmal weiß Rita das nicht so genau, denn Bernd kann ganz schön kurz angebunden sein, impulsiv und aufbrausend. "Vertrauen braucht Zeit!", denkt Rita, und schenkt ihrer Beziehung welche, denn die Liebe ist gar groß.

Bereits in den Wochen des Honigmonds erzählt Rita neben vielen anderen Dingen auch von früheren Lieben und Flirts. Ihr geht es darum, den Weg deutlich werden zu lassen, den sie gegangen ist, Fragen zu stellen, die dabei zutage traten, Themen aufzuwerfen, zu denen sie gerne Bernds Meinung wüsste. Bernd reagiert mit Skepsis und Misstrauen, einer emotionalen Gemengelage, die ihn auf jeden Nebensatz lauschen lässt, in dem Rita Männer vorkommen lässt.

Rita merkt recht bald, dass bei Bernd in solchen Momenten Wut hochkocht, sie versucht daher so gut sie kann, derlei Anlass zu vermeiden. Aber manchmal genügt eine Kleinigkeit, ein Buch mit Widmung aus früheren Zeiten, eine Urlaubspostkarte, die Bernd zum Ausrasten bringt. Rita versteht nicht, denn natürlich hatten beide ihre jeweiligen Vorleben, Bernd hat mehr "Verflossene" als sie. Und so kommt es alle paar Wochen zum Streit und es fallen Worte wie "Geh!" und "Wir sind getrennt!"

Dann geht Rita und sitzt wenig später am Computer, stellt sich Fragen. Dabei stimmt sie milde, dass Bernd alle Orte, die sie gemeinsam besucht und mit ihrer eigenen Geschichte belebt haben, als virtueller Reiseführer auf einer Internetseite einträgt. Dabei stimmt sie wütend, dass sie jetzt Mails von sogenannten "sozialen Netzwerken" erhält, in denen beide Mitglieder sind. "Bernd hat sein Profil geupdatet" steht da in hässlichem Neudeutsch, und dann sieht Rita, was ihr ebenso hässlich vorkommt: Wo gestern noch "in fester Partnerschaft" stand, steht heute "suche Freundschaft oder Liebe". Sie beschließt, künftig über Privates keine Angaben mehr im Netz zu machen, so hält sie es schon mit religiösen und politischen Ansichten. Bei der anderen Newsgroup, die sie aufruft, findet sie Bernd gar nicht mehr in der Liste ihrer "Freunde". Sie sucht weiter und sieht Frau B., mit der sie sich vor einem Jahr in einer Arbeitsangelegenheit so heftig zerstritten hat, dass es zum totalen Bruch kam, was selten ist in Ritas Leben. Sie sucht nun ihrerseits nach der Löschtaste, findet sie und bekommt die Bestätigung: "You deleted a friend", "sie haben einen Freund ausgelöscht!" Das Makabere an der Sache macht sie so betroffen, dass sie einen Moment lang überlegt, sich selbst überall auszutragen, zu löschen, bei XING, facebook, myspace und wie die Netzwerke alle heißen. Sie lässt es sein, denn oft kommen hier beruflich relevante Informationen rein.

Über mehrere Monate wird die Sache zwischen Bernd und Rita zum Gefühlswalzer im Dreivierteltakt, vorwärts, rückwärts und zur Seit', das kann einem mit oder ohne neue Technologien passieren. Und während am Ende Bernd sagt, Rita sei Schuld mit ihren Männergeschichten, behauptet Rita felsenfest, dass Bernd Schuld habe mit seinem Misstrauen, seiner aufbrausenden und kompromisslosen Art. Und Bernd löscht alle Spuren im Netz, die darauf schließen lassen könnten, dass es jemals eine Verbindung mit Rita gegeben hat.

Monate später resümiert Rita gelassen: "Vertrauen ist am Anfang da, oder eben nicht". Und wenn sie in schwachen Momenten dieser großen Liebe hinterhertrauert, beobachtet sie im Netz, wie Bernd sich mit seinem Net-Spitznamen und unretuschierten Fotos auf Flirtseiten und 'einschlägigen Communities' rumtreibt. Dort, wie sie jetzt weiß, war er auch schon in ihrer gemeinsamen Zeit unterwegs - oder in den Wochen, in der sie mal wieder in zwei Wohnungen getrennt am Rechner saßen.

C'est l'amour - im Jahr 2008, zumindest eine Variante davon.

Dienstag, 29. Juli 2008

Blick vom Balkon

Montag, 28. Juli 2008

Abendhimmel