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Freitag, 23. März 2007

Filmtipp in Neukölln für Sonntag, 19.00 Uhr

self STORAGE

Hohe Mieten und knapper Wohnraum sowie der Trend zu einer mobilen Lebensführung machten nicht nur in New York privat genutzte Lagerhäuser - self storages - zu einem blühenden Geschäftszweig. Der Dokumentarfilm von Ingrid Molnar aus Hamburg zeigt diese Räume und dabei unterschiedlichste Schicksale und Lebensentwürfe, kurz: Einblicke in eine sehr private Sphäre.

Der Film läuft zur Finissage der Ausstellung IDENTITÄT im Kunstraum t27: http://www.kunstraumt27.de/profil.html

Mehr zum Film hier: http://www.kunstraumt27.de/vorschau.html

Die Regisseurin Ingrid Molnar, eine Wienerin mit Wohnort Hamburg, wird anwesend sein.

Samstag, 17. März 2007

Filmtipp für morgen: "Alle Zeit der Welt"

Schaue ich vom Balkon auf die andere Uferseite, sehe ich auf Matls Balkon. Aber nur im Winter und in der Übergangssaison je nach Blattstand. Matl Findel ist Regisseur. Ich hab ihn 1989 in Paris kennengelernt, als er mit anderen Studenten der (West-)Berliner Filmhochschule dffb in Paris zu Gast an der Fémis war.

Morgen, Sonntag Abend wird einer seiner Filme gezeigt, auch gleich in der Nachbarschaft:
"Alle Zeit der Welt" läuft um 20.00 Uhr, Herstellungsjahr: 1997, Dauer: 88 min.
Mehr über den Film:
http://www.fdk-berlin.de/forumarchiv/forum98/alle-zeit.html
Ich erinnere mich, er lief damals auf dem Forum der Berlinale. Es ist ein zärtlicher, poetischer und sehr genau beobachtender Film, Berlin und ein fast emotionsloser, merkwürdiger Hund spielen die Hauptrolle. Die Stimmung der Stadt vor fast zehn Jahren wird jeder, der damals hier gelebt hat, wiedererkennen.

Ort: regenbogenKINO. Das Kino ist Teil des Kinder-, Kultur- und Nachbarschaftszentrums Regenbogenfabrik in Berlin-Kreuzberg, Lausitzer Straße 22 http://www.regenbogenkino.de/

Der Regisseur des Films wird anwesend sein.

Dienstag, 13. Februar 2007

aus dem bauch der berlinale

unredigiert - zum thema schreib ich demnächst einen artikel


dieses jahr bin ich erstmals als dolmetscherin auch für den wettbewerb dabei. ich hab eine akkreditierung mit rotem streifen drauf und komme überall rein. das ist die gute nachricht, denn morgens schaffe ich es nie, mich für karten anzustellen. geht ein dolmetschereinsatz bis gegen mitternacht, schlafe ich kaum vor drei, das adrenalin ...

indes, vom ganzen spektaktel bekomm ich nur am rande mit. menschen und filme dolmetschen, etliche stunden täglich, oft bis zu drei stunden am stück, das schlaucht. der höhepunkt war fraglos sonntag: zwei stunden film simultan ins französische, die journalisten bekommen meinen ton auf die kopfhörer, dann pressekonferenz, am abend galavorführung. im anschluss daran noch zwei filmgespräche mit dem publikum (für die sektion forum) von je 30-50 minuten, tutti quanti sechskommafünf stunden dolmetschen - und zwar ohne ablösung wie sonst in dolmetscherkabinen üblich und wie in den letzten zwei jahren gründlich (wieder) eingeübt, wo wir sonst zu zweit sind und die einzelne immer nur 20/30 minuten am stück arbeitet. das darf man gar nicht laut sagen, die gewerkschaften stünden kopf! an den anderen tagen habe ich das programm wettbewerb bzw. forum immer abwechselnd und gelegentlich dolmetsche ich für radio eins, dazu eine anfrage von france culture. plus zwei, drei produzenten mit kollegengesprächen, aber nur noch gaaaanz selten.

es ist bislang meine einsamste berlinale ever, weil ich zu fast keinen empfängen gehe, obwohl ich zum ersten mal leicht an die begehrten karten rankomme: abends kabine oder kino, morgens küchen- oder kaffeehaustisch zum vorbereiten der einsätze. für die netten, mehr oder weniger spontan anberaumten oder kommunizierten off-parties bin ich auch nicht mehr an den richtigen stellen unterwegs. da ich nicht auf dem markt rumhänge, sondern nur selten dort zu einem termin aufschlage, steckt mir niemand einladungen zu; der stimme wegen soll ich mir's eh verkneifen, mein mädchenalt wandert ohnehin langsam in zarah leander-bassregionen ab.

zeit für schminken oder die feine abendgarderobe bleibt also auch (fast) nicht. ich finde, ich sehe schneller als sonst müde aus, nämlich schon ab dem dritten tag, und fühl mich auch so, trotz regelmäßiger sechs stunden schlaf, die übliche berlinale-menge.
das größte problem meines tagesablaufs ist aber das: im zentrum der berlinale am potsdamer platz gibt es keinen einen ruhigen fleck zum batterienaufladen, oder aber ich kenne ihn nicht. von dreharbeiten her kenne ich den stress, vor allem bei fiktionalem, wo oft auch die wetterverhältnisse auch noch energie rauben. anders als hier gibt's dann viel team um einen herum, das einen auch pampert, dazu ruheräume, der weg zum nächsten stück obst ist kurz, hier ist alles aufwändig, jede(r) auf sich selbst gestellt - alle, außer die filmschaffenden der hauptsektionen natürlich, und die haben ja nochmal einen ganz anderen stress.

was auch anstrengt: ich muss meinen berufsethos umbauen. die dolmetscherabteilung der berlinale hat ganz andere prioritäten als wir filmleute. für aus filmkunst und -wissenschaft kommende ist es wichtig, den film zu kennen und sich gut vorzubereiten, um stimmungen und nuancen zu treffen, denn filmdialoge sind ja einst auch langsam geschnitzt, geschliffen und poliert worden. bei der "großen" dolmetscherabteilung dagegen sind mitunter knapp terminierte einsätze der alltag und es gibt kein video/dvd zur vorbereitung - dialogliste (continuité dialoguée) oder die liste der untertitel sind die einzigen unterlagen, die wir neben dem katalogtext erhalten. schon intressant, die schnittmenge der vorstellungen und ansprüche beider seiten selbst zu verkörpern und mit allen fasern zu fühlen, woher die missverständnisse und das unwohlsein auf beiden seiten kommen, die immer wieder unter den teppich gekehrt und mit berufsethos oder auch gelegentlicher selbstüberschätzung zugekleistert werden (wie gesagt, von beiden seiten, das hier ist kein urteil. es wird schwer werden, wenn ich nach der berlinale vorsichtig versuchen werde, meine beobachtungen jenen mitzuteilen, die's angeht).

in der arbeit schlag ich mich wacker, wobei ich natürlich sehe, dass die erfahrung nutzt und ebenso, welchen stellenwert vorbereitung hat, die ich einmal sehr gründlich machen konnte, weil es im vorfeld schon eine aufführung ohne dolmetscher gab, da war ich synchron und sehr nuanciert - während ich ein anderes mal nur wenig zeit zum einlesen hatte und keine fürs üben am objekt. da muss ich dann in der vorführung kürzen und hoffen, das sprachniveau ad hoc zu erwischen. noch ein problem: die textlisten liefern keine angaben über die jeweilige situation, in der sich die filmfiguren befinden, es ist nicht möglich, die repliken aus der untertitellisten den sprechern zuzuordnen, außerdem sind untertitel ja auch schon résumés und vieles erschließt sich nur durch das bild. je kontext kann ein- und derselbe satz sehr unterschiedliche dinge bedeuten. ich rätsele also an den möglichen varianten rum, notiere sie mir voher, entscheide dann de visu. eine unnötige erschwernis, wie mir scheint, die der qualität wie gesagt nicht zuträglich ist. es strengt an, sein können nicht uneingeschränkt zeigen zu dürfen.

in der kabine überkommt mich manchmal die erkenntnis dessen, was ich mache. aber das schiebe ich immer gleich wieder weg, ansonsten treten drei, vier repliken später fehler auf. meine müdigkeit hat auch ihr gutes: ich hab kaum lampenfieber. aber vom den zuschauern weggesperrt zu sein ist nicht schön, das ganze wird zu abstrakt.
mir fehlen die reaktionen, mir fehlt das gelächter des publikums.

die pressekonferenzen sind nicht so anstrengend wie befürchtet. wir sind mehrere, arbeitssprachen immer deutsch, englisch und französisch, ich dolmetsche nun auch aus dem englischen ins französische, hat einer einen argen akzent oder slang, hol ich mir den ton der deutschen kabine ins ohr und alles wird eben etwas zeitversetzt übertragen.
bei französischsprachigen gästen oder journalisten bin ich für die dolmetscherkollegen, die kein französisch können, die 'tongebende' kabine, das nennt man "relais". die kollegen sind sehr nett, anfangs wurde ich bestaunt als "die neue, die vom film kommt", das war schon komisch. einen neuen spruch hab ich hier auch gleich geerntet. "I have to flitz!", sagte die englisch-kollegin, und stieb von dannen.

und im vorbeirennen seh ich aus den augenwinkeln das ganze panoptikum der festivalbesucher: die filmbeamten und die guten, die stars, die nassauer und die jungen und nicht mehr ganz so jungen talente, die auf chancen hoffen, solide handwerker hier und kollegenverdränger und manipulateure dort, dann noch die breitmaulfrösche, die stillen, die opfer und die hingebungsvollen, darunter fallen auch die servicemitarbeiter, denen viel zu wenig gedankt wird. stellvertretend für alle sei hier die klofrau aus dem grand hyatt genannt, die den unpraktischen schwarzen marmor nach jedem händewaschgang wieder polieren muss. ein akt größtmöglicher nutzlosigkeit. dennoch ist dieses damenklo, vor allem die zwei schminkplätze hinter einer halbhohen wand, dann doch der einzige ort, an dem ich ab und zu in stillen dialog mit mir treten kann, durchatmen, mich wahrnehmen. anderen scheint es ähnlich zu gehen, die plätze sind gut ausgebucht.

zurück zum casting dieses dramatischen personals, es kommt mir absurder vor denn je - ich nehme diese menschen plötzlich wie einen film wahr, das ist schon komisch. die distanz der glasscheibe, hinter der ich jetzt plötzlich als dolmetscherin immer öfter sitze, trägt sicher auch das ihre dazu bei. or je suis un peu coupée du monde, bin von der welt ein wenig abgeschnitten ... inmitten des filmfestivalorkans. ich habe sogar das gefühl, die glasscheibe auch dann noch um mich herum zu haben, wenn ich wieder "draußen" bin. dass viele kabinenkollegen mit der zeit lichtscheu werden und vor konsekutiveinsätzen an der seite von weltstars angst haben, konnte ich mir früher nie erklären - nach nur einem tag in der wettbewerbskabine versteh ich, warum.

ein freund, der mich am abend sah, sagte nach einem kabinentag: "caro, du schaust nach innen!" und nach einem tag mit publikumsgesprächen, moderation und bühne: "jetzt sind deine augen wieder groß."

now, I have to flitz ...


Hintergrund: Simultandolmetscher wechseln sich alle 20 bis 30 Minuten ab. Beim Dolmetschen von Filmen, einer Art Live-Synchronisation, ist das nicht der Fall: ein Dolmetscher/eine Dolmetscherin spricht während des ganzen Films alle Rollen. Um Zeit zum Atmen zu haben, wird in den schnellen Passagen leicht gekürzt.

Der Text liegt meist in der Ausgangssprache vor, als Dialog- oder Untertitelliste, aus denen der Kontext nicht hervorgeht. Daher ist es für die Qualität der Arbeit wichtig, den Film vorab zu sehen.

Für die Übertragung sind gute Vorbereitung, Ausdauer und eine geschulte Stimme vonnöten. Der Sprecher darf dabei weder der Versuchung nachgeben zu schauspielern, noch den Text zu neutral "herunterzusprechen".


Sonntag, 22. Oktober 2006

(Wieder nichts über NK) Notizen einer Dolmetscherin

Gerade bereite ich ein Filmfestival in Süddeutschland mit vor, und zwar die meiste Zeit von Neukölln aus. Meine Gebrauchstexte schreibe ich in dieser Phase für das dortige Publikum ... Heute berichte ich aus dem Alltag eines meiner gelernten Berufe.

Es passiert auf jedem Festival mindestens ein Mal. Der ausländische Gast hat gesprochen, ich habe Notizen gemacht. Dann entsteht eine kurze Pause, ich sammle mich und lege los. Und merke es erst nach ein, zwei Sätzen: ich hab Französisch gesprochen! Das Publikum lacht, ich mit, und es geht wieder los. Diesmal auf Deutsch.

Seit dem Studium dolmetsche ich für Filmleute und auf Festivals. "Wie machst du das nur?" ist eine oft gehörte Frage. Die ich mir selbst nicht mehr stelle. Wenn ich aus dem Französischen ins Französische statt ins Deutsche übersetze, hat mich eine oftmals winzige Kleinigkeit abgelenkt. Das kann eine anspringende Lüftung sein, oder jemand, den ich kenne, verlässt das Kino. Oder ich habe eine Äußerung von Cinéast oder aus dem Publikum unterschwellig als Kritik aufgefasst. Ich bin verdammt verletzlich da vorne, auch mit jahrelanger Routine noch.

Wer dolmetschen will, muss zunächst die Sprachen sehr gut beherrschen. Und einen großen Wortschatz haben. Was ich (noch) nicht weiß, weil mir ein Thema neu sein mag, wird angelernt, Internet sei Dank gibt es heute keine Beschaffungsprobleme mehr. Manchen Gast kann ich mir im Netz bei France Culture vorab sogar anhören, mich auf Akzent und Sprechgeschwindigkeit einstellen. Das beruhigt ganz ungemein, denn alles, was ich als Vorbereitung mache, folgt dem Plan der Selbstberuhigung.

Denn im Grunde gibt es nichts Unnatürlicheres und Peinlicheres, als da vorne zu stehen und etwas zu sagen, das bereits gesagt worden ist. Ich habe Jahre gebraucht, um meinen inzwischen geliebten Nebenjob als konkrete Dienstleistung zu interpretieren. Ich muss die Fragezeichen in den Augen meiner Kundschaft sehen, sonst bin ich nicht gut. Das ist auch der Grund, weshalb ich mehr Publikumsgespräche dolmetsche als simultan in der Kabine: Die Nähe.

Daneben gilt es die sprachliche Hemmschwelle zu überwinden. Wie viele Zweisprachige habe ich die Sprachen als ein jeweils eigenständiges System gelernt, in dem sich Erklärungen und Vergleiche immer nur auf Begriffe aus der jeweiligen Sprache bezogen. Beim Dolmetschen geht es aber nicht um Synonym oder Gegensatz, sondern um die möglichst exakte Entsprechung in der anderen Sprache. Als ich 1989 zu dolmetschen begonnen habe, war mir, als müsste ich die Vokabeln beider Sprachen noch einmal lernen. Nein, nicht beide Sprachen: Die Verbindungen zwischen ihnen.

Diese Verbindungen waren in meinem Bewusstsein untergründig schon da, aber eben nicht aktiviert, nicht bewusst. Den zweiten Sprachstrom als etwas Alltägliches zu erfahren und wie auf einem Videoband zwischen "Spur 1" und "Spur 2" hin- und herzuspringen, das ist im Grunde der ganze Aufwand. Und natürlich das permanente Suchen und Notieren von Vokabeln. Manches wird in der einen Sprache nicht substantivisch, sondern als komplizierte verbale Konstruktion ausgedrückt. Oder aber es gibt diesen oder jenen Begriff in der anderen Sprache nicht - also muss ich übertragen, kurz den Kontext anreißen. Aber nur kurz, sonst bremst diese Geste und das Publikum hat zu Recht den Eindruck, Sachen zu hören, die gar nicht gesagt worden sind.

Dolmetschen ist also immer ein Abwägen. Wie gehe ich damit um, wenn ein Sprecher sich x-fach wiederholt? Was mache ich mit den fünf Adjektiven, die er oder sie so schnell runterrattert, dass ich nur drei davon behalten habe? Ich kürze geringfügig, fasse zusammen. Und wenn ich gar nicht mehr mitkomme, darf ich nachfragen. Denn auch das Jonglieren von Mikro, Stift und Stenoblock raubt Aufmerksamkeit. Ich schreibe übrigens keine Steno, sondern zeichne in eigenen Kürzeln die wichtigsten Begriffe auf. Wobei ich Sie, geneigtes Publikum, manchmal auch kurz warten lasse: Wenn der ausländische Gast fertig gesprochen hat, notiere ich oft noch den letzten Gedanken. Denn auf die Pointe will ich nicht verzichten.

Und hier ist sie: Was ist der Unterschied zwischen Dolmetschen und Übersetzen? Sie werden das nie wieder verwechseln: Übersetzer übertragen Texte, sie schreiben also. Wenn Übersetzen Handwerk ist, ist Dolmetschen Mundwerk.

Samstag, 5. August 2006

Kracher, Böller, Salven

Gestern Abend wurde mein Haus befeuert, nein: vor dem Haus meiner Stadtschreiberwohnung wurde gefeiert. Die Stadtschreiberwohung liegt idyllisch am Ufer des Landwehrkanals, dort hinaus geht auch der Austritt, der immerhin so groß ist, dass man ihn auch zu zweit betreten kann und sogar mit einem kleinen Tischchen bestückt, so dass der Austritt im Vertrag mit dem Vermieter als "Balkon" erwähnt wird. Auf dem Tischchen wohnt derzeit eine Palme. Die Palme erholt sich hier vom langen Berliner Winter. Die Spitzen der Palme sind ungeheuer piksig, deshalb kann seither kann der Austritt nur noch im langen Mantel betreten werden, was an den heißen Tagen etwas mühsam war.

Aber ich schweife ab. Gestern wurde vor dem Haus auf der anderen Uferseite nicht nur gefeiert, sondern es wurden viele Böller, Kracher und Salven in die Luft gejagt. Es klang so, als hatte jemand sein restliches WM-Pulver zu verschießen. Die Sache ging bis in die Nacht und ließ mich schlecht schlafen.

Im Halbschlaf wurden die Wellen, die der Seegang der Touristenboote an die Ufermauer wirft, immer lauter, das Wasserfläche wurde immer größer. Und die Palme auf dem Austritt wuchs und wuchs. Ich träumte von Menschen auf der anderen Seite des Mittelmeeres, die im Keller sitzen, während Salven und Bomben über ihre Köpfe fliegen. Ich träumte von Regisseur Amos Gitai aus Haifa, den ich vor Jahren mal auf der Berlinale gedolmetscht habe. Und als ich heute morgen die BERLINER ZEITUNG aufgeschlagen habe, las ich folgende Zeilen:

Warten auf die Sirenen

Der Nahe Osten erlebt jetzt seine Stunde der Wahrheit / Von Amos Gitai

Auf merkwürdige Weise setzt der Krieg für das Heranwachsen Punkt und Komma. Ich wurde 1950 in Haifa geboren, zwei Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg. In die Grundschule kam ich 1956: da herrschten die Suezkrise und der dritte arabisch-israelische Krieg. Man kann jede unserer Biografien aus der Perspektive der außenpolitischen Ereignisse im Nahen Osten beschreiben. Deshalb habe ich den Eindruck, dass sie in die intimsten Sphären jedes einzelnen eindringen.

Im Jahr nach dem Jom-Kippur-Krieg wollte ich mich nicht erinnern. Zu viele Albträume. [Gitai war 1973 in einem Rettungshubschrauber abgeschossen worden, d.R.] Ich gab das Architekturstudium auf. Ich suchte mir andere Mittel, um mit der Wirklichkeit des Nahen Ostens ins Gespräch zu kommen. Ich dachte, das Kino könne es mir leichter machen, meine Einfälle und Überlegungen auszudrücken.

In den 80er-Jahren begann ich die Trilogie, die ich gerade mit dem Film "News from Home/ News from House" beendet habe. Diese Trilogie behandelt die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern, die sich im Mikrokosmos der Bewohner eines Hauses in Jerusalem spiegeln. Seinerzeit war Scharon Verteidigungsminister, es war die Zeit des Libanon-Kriegs, und es wäre mir damals nicht in den Sinn gekommen, dass Israel vor allem ein Kriegsfilm fehlen würde. Ich musste bis in die 90er-Jahre warten - darauf, dass der Frieden langsam ein Gesprächsthema wurde. Bis mir klar wurde, dass man den Krieg auf dialektische Weise zeigen muss. Genau zu dem Zeitpunkt habe ich den Film "Kippur" gedreht.

Zu viele Kriegsfilme zeigen distanzierte, ästhetisierte Bilder. Dabei ist der Krieg per definitionem Unordnung und Bruch. In einer Situation wie der des Jom-Kippur-Kriegs ist die gesamte Gesellschaft mobilisiert. Ich wollte diese chaotische Seite, das Verschmelzen und die Verwirrung der ersten Tage am Beispiel von Staus einfangen, in denen sowohl Zivilfahrzeuge als auch Militärlastwagen oder Lieferwagen mit Eiskrem stehen.

Der Nahe Osten erlebt jetzt seine Stunde der Wahrheit. Ich glaube, wir werden gezwungen uns zu entscheiden, ob wir uns eine Form der Koexistenz vorstellen können oder nicht. Ich hoffe, dass diese Debatte friedlich geführt werden wird und nicht kriegerisch. Wir müssen andere Wege finden, miteinander zu sprechen oder geteilter Meinung zu sein, aber keinesfalls auf so mörderische Art und Weise wie jetzt.

In diesen Tagen in meiner Geburtsstadt Haifa zu sein, den Bombenalarm und die Einschläge der Granaten zu hören, ist eine alles andere als intellektuelle Erfahrung. Es bedeutet ganz im Gegenteil physisch zu erfahren, wie sehr das Dasein eines Bewohners des Nahen Ostens doch Teil eines großen regionalen Rituals ist, das darin besteht, in regelmäßigen Abständen das Blut seines Volkes zu vergießen. Die einzige Frage, die sich aufdrängt, lautet: Warum? Wie viele Opfer, wie viel Zerstörung werden hier noch nötig sein, bis man versteht, dass dieser Totentanz keinen Sinn macht?

Der Konflikt zeigt wenigstens eines: dass der Nahe Osten sich in der letzten Zeit auf dem Weg der Beruhigung und der Versöhnung befand. Tragisch ist, dass die Extremisten jedes Mal ebenso regelmäßig wie vorhersehbar zuschlagen, wenn es in Sachen Frieden vorangeht - sie machen mit Gewalt alles wieder rückgängig. Man muss nur einige Jahre zurückdenken, um sich dessen bewusst zu werden: Genau in dem Moment, als Itzhak Rabin den Tsahal den Befehl gegeben hatte, sich aus Jenin und Nablus zurückzuziehen, begannen die Attentate auf Busse in Tel Aviv. Die Terroristen interpretieren jeden Fortschritt in Richtung Frieden als Zeichen der Schwäche - und als Gelegenheit, die eigene Macht zu demonstrieren, indem sie Israel treffen. So reiben sie das Lager der moderaten Israelis auf. Momentan haben weder Israelis noch Palästinenser Zeit, sich der täglichen, menschlichen Dinge anzunehmen, die hier wie überall in der Welt geregelt sein wollen, Probleme der Rente oder des Mindestlohns. Der Konflikt verhindert absolut jede soziale Entwicklung.

Hüten muss man sich vor dem Vermischen des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern einerseits und den Zusammenstößen zwischen Israel und den arabischen Ländern andererseits. Das Erste ist der Hauptkonflikt, weil die Erde beiden Völkern gehört und weil wir einen Weg fürs Zusammenleben finden müssen. Für uns linke Israelis ist der Krieg, den wir gerade erleben, politisch besonders komplex. Seit Jahren versuchen wir mit Artikeln, Büchern oder Filmen zu beweisen, dass der Konflikt durch den Rückzug aus den besetzten Territorien gelöst werden könnte. Nun hat sich Israel aus dem Gazastreifen und Libanon zurückgezogen, und genau hier haben jetzt die Hisbollah zugeschlagen. In dem Teil der Golan-Höhen, die noch immer besetzt sind, ist es hingegen ruhig. Wir wissen, was die israelische Rechte sagen wird: Rückzug war nicht die Lösung. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass Israel sich nicht nur weiter zurückziehen sollte, sondern dass die friedliche Koexistenz mehr ist als ferne Hoffnung: Sie wird sich ergeben. Aber bis dahin gibt es für den Kampf gegen die Hisbollah keine politisch korrekte Lösung. Kann man wirklich durch Diplomatie und Moderation eine ungebändigte religiöse Organisation befrieden, die sich so perfekt auf eine irrationale Ideologie stützt?

Der Konflikt im Nahen Osten ist deshalb besonders, weil er vollständig gefilmt wird. Es ist der Konflikt, der am meisten in den Medien vorkommt - die Lieblingsfernsehserie der Welt. Eine endlose Serie, bei denen die Guten und die Bösen regelmäßig die Rollen tauschen. In diesem Zusammenhang Kino zu machen ist eine schwierige Herausforderung: Man muss sich ständig für eine Perspektive entscheiden, trotz Sturm rational bleiben, trotz der ganz individuellen Sorgen.

Gleichzeitig Filmemacher und Bürger zu sein hat etwas Schizophrenes, aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das Kino nicht die Rolle der Abendnachrichten übernehmen soll, sondern dass es die Aufgabe hat, die Vereinfachungsmechanismen der Medien außer Kraft zu setzen. Am Ende soll Kino nicht Hass schüren, sondern die gegenseitige Verständigung nähren.

Amos Gitai ist der renommierteste israelische Filmregisseur. In seinen Arbeiten hat er sich immer wieder mit den Gründungsmythen des israelischen Staates befasst. Sein Kunst-/Film-Projekt "News From Home" kommt am 7. September in die deutschen Kinos.