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Montag, 7. Juli 2014

Not Berlin's hippest 'hoods

Dear Investors, please deconsider buying a house or a flat in our area. It's definitely NOT a nice, vibrating or cool spot of Berlin. There are many poor and aggressive people living here and the police doesn't always react in a comprehensive way. Here you see an ID-control which went bad for dubious reasons.

Neukölln/Kreuberg are not Berlin's hippest 'hoods.

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Film: YouTube

Samstag, 17. Juli 2010

Programmhinweis

Das Heimatjournal des rbb berichtet über Nord-Neukölln! Erstsendung ist heute, Samstag, um 19.00 Uhr, die Wiederholung wird am kommenden Montag, dem 19.7. um 9.45 Uhr ausgestrahlt. 

Der Titel der Sendung ist ein wenig reißerisch - Neukölln-Nord: Vom Problemkiez zum In-Bezirk.






Die Stadtschreiberin von Neukölln führt in einem der Beiträge durch ihren Kiez. Die Bilder stammen aus dem Beitrag und wurden im Café "heroes", Friedelstraße. 49, gedreht.

Dienstag, 30. Oktober 2007

Rolle der Presse

Eben las ich im Spiegel und in anderen Medien Artikel über das geplante Gesetz zur Telekommunikationsüberwachung. Die Verbindungsdaten von Journalisten sollen wie die (fast) aller Bürger sechs Monate lang gespeichert werden und im Prozessfall zugänglich sein.

Dazu ein Gedanke, der leider nur ein Bonmot ist und vielleicht für eine Glosse taugt: Da ja Geistliche weiterhin in ihrer Kommunikation geschützt sind, sollte man eine Religion der Presse ausrufen - es gehört ohnehin starker Glaube dazu, Journalisten noch als vierte Macht im Staate zu sehen.

Donnerstag, 10. Mai 2007

Deutsch-französische Fernsehblödeleien

... Insider-Witze, für die andren: Sorry!

Okay, okay, ich erklär' sie doch.

Ich war neulich bei RFI, dem französischen Auslandsradio, und wurde interviewt. Jemand beschwerte sich darüber, dass letztens mal wieder der Franzose, der im Tatort vorgekommen ist, wie üblich Koch, Weiberheld, Weinkenner usw. hätte sein müssen. Das mit dem Klischeefranzosen verteidigte Søren Schumann, ein rbb-Arte-Mann, augenzwinkernd, müsse so sein, weil das Progamm ja schließlich “t’as tort" heißt :-)
(Tatort, sehr französisch ausgesprochen, klingt wie: Du bist im Unrecht).

... und der Arte-Beauftragte sei der “bof tracté” (B'e'of-trag-té-r), konterte prompt der Redakteur des Radios ... (Das 'e' wäre hier das umgedrehte 'e', das als stummes 'e' oft nicht gesprochen wird.)
Ein Bof ist ein Kumpel, der Schwager eigentlich (beau frère), aber auch irgendwie ein Looser, ein Rumhänger. Tracté heißt so viel wie "flugblattisiert", das Wort gibt's irgendwie auch nicht, aber man meint, es zu verstehen. Also derjenige, der mit den Slogans anderer zugetextet wurde vielleicht.

Ohne doppelten Wortsinn, il y a le “mengengerüst” comme néologisme en Allemand - das Wort "Mengengerüst" ist für das ponderierte Zustandekommen der Arte-Programminhalte unter TV-Franzosen ein angenommenes deutsches Wort, was der neuen “Programmgrille” entspricht, von der die deutschen Kollegen sprechen, la grille des programmes: die Programmstruktur.

Was für 'ne Grille!

Samstag, 5. Mai 2007

Zum Weinen oder zum Lachen?

In den letzten 40 Jahren hat der Output der Medien enorm zugenommen. Ein Mehrfaches an Zeitschriftentiteln liegt an den Kiosken auf, Privatsender, aber auch die privaten, dritten und special interest-Programme bieten ein um ein vielfaches größeres Angebot an tönenden und bewegten Bildern an als einst. Auch in den letzten 15 Jahren ging es mit der Entwicklung trotz Internet weiter bergauf - während paradoxerweise die Zahl der Journalistinnen und Journalisten deutlich zurückgegangen ist.

Da nimmt es nicht wunder, dass mindere Ereignisse hervorragend gefeatured werden, also eine hohe Medienpräsenz genießen. Zum Beispiel der morgige Weltlachtag, den 1998 eine Lachgruppe in Indien ausgerufen haben soll, in einem Land also, das wir in den westlichen Gesellschaften meistens erst einmal mit Armut assoziieren.
"Nicht viel zu lachen" haben offenbar unsere modernen Gesellschaften. Verhaltensforscher vermelden nun seit Jahren immer zum ersten Sonntag im Mai, eben jenem Weltlachtag, dass die absolute Lachmenge der Individuen rapide gesunken sei. Lachten wir vor 40 Jahren angeblich noch 18 Minuten durchschnittlich, so seien es heute nur noch lächerliche 6 Minuten. Gute Nachrichten muss man eben so oft wie möglich wiederholen, und so trägt ein herzerfrischendes "Lach' mal wieder!" nun jeden Mai zum Großrauschen der Medien bei. Zu dessen Legitimierung müssen Sprichworte hinhalten: "Lachen ist gesund!", heißt es - das meinten schon die Ärzte in der Antike, das Lachen nämlich gut für die Leber sei, und in ihr wohnten nun einmal die Gefühle.

So machen uralte Weisheiten heute frisches Geld - und verstopfen leider auch die Medien, in denen vieles, was in der Gesellschaft wirklich brennt oder echte gute Nachrichten sein könnten, kaum noch verhandelt wird. Lächerlich!

Montag, 30. April 2007

Filmtipp: Die Revolution wird nicht im TV übertragen

Der irisch-venezolanische Dokumentarfilm “Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen” - oder auch "Chavez - Inside the Coup" - wird am 4.5.2007 in Berlin-Neukölln gezeigt.

Dieser Film ist ein in Deutschland kaum gezeigtes brillantes Stück politischen Dokumentarfilms, ein Glücksfall des Zufalls, der an der Regie beteiligt war. Der Film erhielt u.a. den Preis “Georges de Beauregard” beim Dokumentarfestival FIDMarseille.

Venezuela, 2002 - Präsident Hugo Chávez regiert seit vier Jahren und verspricht mehr Demokratie, mehr Bildung, eine Landreform und die Umverteilung der Gewinne des viertgrößten Ölexporteurs der Welt zugunsten der armen Bevölkerung. Aber er hat starke Gegner in der Wirtschaftselite und so kommt es am 11. April 2002 zum Putsch.
Chavez wird verschleppt, der Kampf um die Macht entbrennt. Durch einen Zufall ist das Filmteam um Donnacha O’Briain genau zu diesem Zeitpunkt im belagerten Präsidentenpalast und dokumentiert die dramatischen Ereignisse der folgenden Stunden und Tage.

Der vielfach ausgezeichnete Film stellt mit seiner "Heldenerzählung" auch die Frage nach der Objektivität der Kamera: "Welche Wirklichkeit bildet sie ab?"

"Chavez - Inside the Coup", R: Kim Bartley und Donnacha O'Briain Eng/Span. mU, Irland, 2003, 72 Min.

Freitag, 4. Mai 2007, 19.00 Uhr, im kunstraum t27, Thomasstraße 27, 12053 Berlin-Neukölln, www.kunstraum, Eintritt ist frei.

Samstag, 24. März 2007

Überdeutsch

Jetzt noch 'ne kleine Runde bashing gegen uns selbst, gegen uns Wortverkäufer, Journalisten, Dolmetscher und Übersetzer. Woher diese Angriffigkeit an diesem schönen Sonnabend nach Donnern am Donnerstag und einem halb freien Freitag? Vermutlich, weil mein Rechner zickt und ich in der Wartezeit auf Erklärung alte Dossiers ausmiste, dabei viele schöne Projekte sehe, aus denen nichts wurde, Themen, die unbearbeitet blieben. Und dann in den Medien Halbgares höre, schlecht gesprochen, langweilig verpackt, lausig getextet.

Nein, keine Namen. Nur Worte:

Das Desaster ist vorprogrammiert. - Klar, etwas ist programmiert, damit es später auch klappt, also VOR streichen.
Man kann viel in den Film hineininterpretieren. - Ach ja? Lieber Filmkritiker am Mikrophon, ich wüsst' gern Deine Meinung. Also bitte "ich" statt "man". Dann hätte ich gern Deine Version gewusst. In gute Werke können Leser ihre Sichtweise hineinlegen, das ist bekannt. Und das heißt dann Interpretation, nicht Hineininterpretation.
Die Positionen nähern sich aneinander an. - Okay, dann freu'n wir uns über die Aneinanderannäherung.

Das ist einfach too much. Überinterpretiert. Überdeutsch also.

Manche Leute machen auch einfach zu viel im Job. Und sind dann nicht mehr gut.

Freitag, 23. März 2007

Alle Wetter, Uli!

Der Moderator vom Lokalsender Charlottenburg, aufgegangen im rbb, Herr Uli Zelle, erfand bei der Weißbärenreportage angesichts blauen Himmels den Spruch: "Wir haben Knutwetter!" Alle Wetter, Uli. Das hat uns gerade noch gefehlt, wie die vielen Jahrzente lang das Kaiserwetter.

Wenn sich nur halb so viele Leute für die Klimawende intressieren würden wie für den zotteligen Wicht, um dessen Herkunftsregion es doch geht ...

Donnerstag, 22. März 2007

"Ber"

Das Wort “ber" ist mittelhochdeutsch und aus ihm wurde "Bär", was "der Starke/Tapfere" bedeutet. Genau ein solcher macht nun, dass Berlin kopfsteht. Und das Tier muss jetzt ganz tapfer sein.

Schon auf der BERlinale sah ich etliche Schriftzüge auf den Plakatwänden mit "Welcome Knut" drauf und war dankbar, dass ein Kollege aus Paris sie mir erklären konnte. Dann schickten alleinstehende Freundinnen aus New York Links mit Fotos. Jetzt weiß es jedes Baby: Eine schneeweiße Miniausgabe des Berliner Wahrzeichens lebt seit Dezember im Berliner Zoo.

Seit die Teddies aus Kindertagen im Pappkarton fürs Sentimentale verschwunden sind, hat kaum ein Pelzmini ausgewachsene deutsche Herzen derart hoch schlagen lassen. Es ist, als hätte diese Gattung hierzulande eine andere Bedeutung. Vielleicht stimmt das sogar, die Welt verdankt Deutschland immerhin die Spielzeugvariante des Raubtiers, den Teddy Bear! In unseren Breiten wachsen indes nur selten welche auf - und werden dann als durch die Gegend marodierende Exemplare allenfalls zu 'Problembären', wie der Braunbär vergangenes Jahr, den am Ende die Kugel aus der Flinte ereilte, weil er den Menschen zu nahe kam. Vermutlich hielt er sich selbst für einen solchen.

Dieses Schicksal wird nun auch für Knut diskutiert. Es sei gegen seine Bärennatur, ihn von Menschenhand großziehen zu lassen, wo seine Mutter ihn verstoßen hat. In freier Natur wäre er gestorben - sagen die einen. Seine Mutter hätte ihn DORT aufgezogen - die anderen. Mancher Tierschützer würde dieses Eingreifen des Menschen jetzt gern "korrigieren". Denn das Tier müsste ausgewachsen jedes Mal ganz schrecklich leiden, wenn sein Pfleger es allein im Käfig zurücklässt. Er wisse ja nicht, dass er kein Mensch ist. Und für eine lebenslange WG sei das Tier einfach zu gefährlich. Da klingt fast wie Hohn, dass Starfotografin Annie Leibovitz ihn zu Wochenanfang für eine Tierschutzkampagne fotografiert hat.

Der Bär scheint unser liebstes Tier zu sein, gerade, weil wir ihn nur aus der Ferne sehen können. Umso kompakter wird er in unserer Wahrnehmung, wenn er morgens jetzt fast täglich auf der Titelseite der BLÖD abgebildet ist mit seinen tapsigen Pfötchen und viel süßer ist als die brust- und pofreien Schönheiten sonst. Und wenn wir uns Knutberichte ausschneiden, wie die Bäckerin in der Ohlauer Straße neulich, über "Seine erste feste Nahrung". Ein Bär, das hat etwas vital Elementares, das wissen wir spätestens seit der "Bärenmarke" auf der typisch deutschen "Kaffee(-und-Kuchen")-Tafel.

Und so wurde Knut(schi), das weiße Tierchen, das so aussieht wie ein Signet seiner Art, das sich aber auch bewegt, frisst, kackt, in wenigen Wochen zum kollektiven TV-Tamagotchi der kinderlosen Generation mit prekären Kulturjobs. Und den jetzt ermeucheln? UNSEREN Knut?

Sogar die Weltpresse steht Kopf. In Paris springen die kanadischen Korrespondenten wegen des vermeintlichen Bärentötungskomplotts ins Flugzeug, noch bevor ihre Berliner Rechercheure (in aller Bescheidenheit: wir) den Wahrheitsgehalt dieser 'news' überprüft haben. Währenddessen brechen im Zoo Telefonleitungen und die Webseite zusammen. Bis jetzt ist nur klar, dass Bärli morgen seinen ersten offiziellen Pressetermin hat. Rendez-vous 07:30 A.M. im Zoo ...

Das ist mir zu früh. Ich könnte mir den Luxus eines Taxis leisten, Sender zahlt ja. Dann käme wahrscheinlich ein Benz - und damit wär’ ich immer noch beim Thema, denn wahrscheinlich hat sich das Wort "Benz" aus dem alten Wort "Beran" weiterentwickelt. Und aus dem wurde auch das mittelhochdeutsche "Ber" ... Der Deutschen liebstes Kind, jetzt wissen wir’s, ist der Bär.

P.S.: Der rbb hat jetzt sogar einen Knut-Weblog, da schreibt der Bär noch höchstpersönlich ...

Dienstag, 13. Februar 2007

aus dem bauch der berlinale

unredigiert - zum thema schreib ich demnächst einen artikel


dieses jahr bin ich erstmals als dolmetscherin auch für den wettbewerb dabei. ich hab eine akkreditierung mit rotem streifen drauf und komme überall rein. das ist die gute nachricht, denn morgens schaffe ich es nie, mich für karten anzustellen. geht ein dolmetschereinsatz bis gegen mitternacht, schlafe ich kaum vor drei, das adrenalin ...

indes, vom ganzen spektaktel bekomm ich nur am rande mit. menschen und filme dolmetschen, etliche stunden täglich, oft bis zu drei stunden am stück, das schlaucht. der höhepunkt war fraglos sonntag: zwei stunden film simultan ins französische, die journalisten bekommen meinen ton auf die kopfhörer, dann pressekonferenz, am abend galavorführung. im anschluss daran noch zwei filmgespräche mit dem publikum (für die sektion forum) von je 30-50 minuten, tutti quanti sechskommafünf stunden dolmetschen - und zwar ohne ablösung wie sonst in dolmetscherkabinen üblich und wie in den letzten zwei jahren gründlich (wieder) eingeübt, wo wir sonst zu zweit sind und die einzelne immer nur 20/30 minuten am stück arbeitet. das darf man gar nicht laut sagen, die gewerkschaften stünden kopf! an den anderen tagen habe ich das programm wettbewerb bzw. forum immer abwechselnd und gelegentlich dolmetsche ich für radio eins, dazu eine anfrage von france culture. plus zwei, drei produzenten mit kollegengesprächen, aber nur noch gaaaanz selten.

es ist bislang meine einsamste berlinale ever, weil ich zu fast keinen empfängen gehe, obwohl ich zum ersten mal leicht an die begehrten karten rankomme: abends kabine oder kino, morgens küchen- oder kaffeehaustisch zum vorbereiten der einsätze. für die netten, mehr oder weniger spontan anberaumten oder kommunizierten off-parties bin ich auch nicht mehr an den richtigen stellen unterwegs. da ich nicht auf dem markt rumhänge, sondern nur selten dort zu einem termin aufschlage, steckt mir niemand einladungen zu; der stimme wegen soll ich mir's eh verkneifen, mein mädchenalt wandert ohnehin langsam in zarah leander-bassregionen ab.

zeit für schminken oder die feine abendgarderobe bleibt also auch (fast) nicht. ich finde, ich sehe schneller als sonst müde aus, nämlich schon ab dem dritten tag, und fühl mich auch so, trotz regelmäßiger sechs stunden schlaf, die übliche berlinale-menge.
das größte problem meines tagesablaufs ist aber das: im zentrum der berlinale am potsdamer platz gibt es keinen einen ruhigen fleck zum batterienaufladen, oder aber ich kenne ihn nicht. von dreharbeiten her kenne ich den stress, vor allem bei fiktionalem, wo oft auch die wetterverhältnisse auch noch energie rauben. anders als hier gibt's dann viel team um einen herum, das einen auch pampert, dazu ruheräume, der weg zum nächsten stück obst ist kurz, hier ist alles aufwändig, jede(r) auf sich selbst gestellt - alle, außer die filmschaffenden der hauptsektionen natürlich, und die haben ja nochmal einen ganz anderen stress.

was auch anstrengt: ich muss meinen berufsethos umbauen. die dolmetscherabteilung der berlinale hat ganz andere prioritäten als wir filmleute. für aus filmkunst und -wissenschaft kommende ist es wichtig, den film zu kennen und sich gut vorzubereiten, um stimmungen und nuancen zu treffen, denn filmdialoge sind ja einst auch langsam geschnitzt, geschliffen und poliert worden. bei der "großen" dolmetscherabteilung dagegen sind mitunter knapp terminierte einsätze der alltag und es gibt kein video/dvd zur vorbereitung - dialogliste (continuité dialoguée) oder die liste der untertitel sind die einzigen unterlagen, die wir neben dem katalogtext erhalten. schon intressant, die schnittmenge der vorstellungen und ansprüche beider seiten selbst zu verkörpern und mit allen fasern zu fühlen, woher die missverständnisse und das unwohlsein auf beiden seiten kommen, die immer wieder unter den teppich gekehrt und mit berufsethos oder auch gelegentlicher selbstüberschätzung zugekleistert werden (wie gesagt, von beiden seiten, das hier ist kein urteil. es wird schwer werden, wenn ich nach der berlinale vorsichtig versuchen werde, meine beobachtungen jenen mitzuteilen, die's angeht).

in der arbeit schlag ich mich wacker, wobei ich natürlich sehe, dass die erfahrung nutzt und ebenso, welchen stellenwert vorbereitung hat, die ich einmal sehr gründlich machen konnte, weil es im vorfeld schon eine aufführung ohne dolmetscher gab, da war ich synchron und sehr nuanciert - während ich ein anderes mal nur wenig zeit zum einlesen hatte und keine fürs üben am objekt. da muss ich dann in der vorführung kürzen und hoffen, das sprachniveau ad hoc zu erwischen. noch ein problem: die textlisten liefern keine angaben über die jeweilige situation, in der sich die filmfiguren befinden, es ist nicht möglich, die repliken aus der untertitellisten den sprechern zuzuordnen, außerdem sind untertitel ja auch schon résumés und vieles erschließt sich nur durch das bild. je kontext kann ein- und derselbe satz sehr unterschiedliche dinge bedeuten. ich rätsele also an den möglichen varianten rum, notiere sie mir voher, entscheide dann de visu. eine unnötige erschwernis, wie mir scheint, die der qualität wie gesagt nicht zuträglich ist. es strengt an, sein können nicht uneingeschränkt zeigen zu dürfen.

in der kabine überkommt mich manchmal die erkenntnis dessen, was ich mache. aber das schiebe ich immer gleich wieder weg, ansonsten treten drei, vier repliken später fehler auf. meine müdigkeit hat auch ihr gutes: ich hab kaum lampenfieber. aber vom den zuschauern weggesperrt zu sein ist nicht schön, das ganze wird zu abstrakt.
mir fehlen die reaktionen, mir fehlt das gelächter des publikums.

die pressekonferenzen sind nicht so anstrengend wie befürchtet. wir sind mehrere, arbeitssprachen immer deutsch, englisch und französisch, ich dolmetsche nun auch aus dem englischen ins französische, hat einer einen argen akzent oder slang, hol ich mir den ton der deutschen kabine ins ohr und alles wird eben etwas zeitversetzt übertragen.
bei französischsprachigen gästen oder journalisten bin ich für die dolmetscherkollegen, die kein französisch können, die 'tongebende' kabine, das nennt man "relais". die kollegen sind sehr nett, anfangs wurde ich bestaunt als "die neue, die vom film kommt", das war schon komisch. einen neuen spruch hab ich hier auch gleich geerntet. "I have to flitz!", sagte die englisch-kollegin, und stieb von dannen.

und im vorbeirennen seh ich aus den augenwinkeln das ganze panoptikum der festivalbesucher: die filmbeamten und die guten, die stars, die nassauer und die jungen und nicht mehr ganz so jungen talente, die auf chancen hoffen, solide handwerker hier und kollegenverdränger und manipulateure dort, dann noch die breitmaulfrösche, die stillen, die opfer und die hingebungsvollen, darunter fallen auch die servicemitarbeiter, denen viel zu wenig gedankt wird. stellvertretend für alle sei hier die klofrau aus dem grand hyatt genannt, die den unpraktischen schwarzen marmor nach jedem händewaschgang wieder polieren muss. ein akt größtmöglicher nutzlosigkeit. dennoch ist dieses damenklo, vor allem die zwei schminkplätze hinter einer halbhohen wand, dann doch der einzige ort, an dem ich ab und zu in stillen dialog mit mir treten kann, durchatmen, mich wahrnehmen. anderen scheint es ähnlich zu gehen, die plätze sind gut ausgebucht.

zurück zum casting dieses dramatischen personals, es kommt mir absurder vor denn je - ich nehme diese menschen plötzlich wie einen film wahr, das ist schon komisch. die distanz der glasscheibe, hinter der ich jetzt plötzlich als dolmetscherin immer öfter sitze, trägt sicher auch das ihre dazu bei. or je suis un peu coupée du monde, bin von der welt ein wenig abgeschnitten ... inmitten des filmfestivalorkans. ich habe sogar das gefühl, die glasscheibe auch dann noch um mich herum zu haben, wenn ich wieder "draußen" bin. dass viele kabinenkollegen mit der zeit lichtscheu werden und vor konsekutiveinsätzen an der seite von weltstars angst haben, konnte ich mir früher nie erklären - nach nur einem tag in der wettbewerbskabine versteh ich, warum.

ein freund, der mich am abend sah, sagte nach einem kabinentag: "caro, du schaust nach innen!" und nach einem tag mit publikumsgesprächen, moderation und bühne: "jetzt sind deine augen wieder groß."

now, I have to flitz ...


Hintergrund: Simultandolmetscher wechseln sich alle 20 bis 30 Minuten ab. Beim Dolmetschen von Filmen, einer Art Live-Synchronisation, ist das nicht der Fall: ein Dolmetscher/eine Dolmetscherin spricht während des ganzen Films alle Rollen. Um Zeit zum Atmen zu haben, wird in den schnellen Passagen leicht gekürzt.

Der Text liegt meist in der Ausgangssprache vor, als Dialog- oder Untertitelliste, aus denen der Kontext nicht hervorgeht. Daher ist es für die Qualität der Arbeit wichtig, den Film vorab zu sehen.

Für die Übertragung sind gute Vorbereitung, Ausdauer und eine geschulte Stimme vonnöten. Der Sprecher darf dabei weder der Versuchung nachgeben zu schauspielern, noch den Text zu neutral "herunterzusprechen".


Donnerstag, 28. Dezember 2006

Der Fühlgutfaktor

"I feel good" sagt James Brown in den Archivaufnahmen - und der Journalist des ZDF heute-Journals gibt die Worte des "Godfather of Soul" wieder mit "Ich fühle mich gut". Dem Jazzmusiker war anlässlich seines Todes am 24.12.2006 ein kurzes Portrait in den Nachrichten gewidmet, und ohne, dass es der Redaktionsleitung aufgefallen wäre, wurde an Heiligabend falsches Deutsch zur Hauptsendezeit ausgestrahlt.

Die wörtliche Übertragung des Zitats fällt unter den Begriff "Synchrondeutsch" - früher hätte man wohl ohne zu zögern gesagt: "Es geht mir gut". Aber die immer schneller übersetzten und synchronisierten Programme nordamerikanischer Provenienz, dazu die Einflüsse von Werbe- und Gruppensprachen und nicht zuletzt die Verbreitung des Englischen als lingua franca der Wirtschaft haben unser Sprachgefühl verändert.

I feel good - auch die ARD bringt diesen Ausdruck, wenn sie Kanzlerin Merkel am Tage ihrer Wahl auf der eigenen Webseite so wiedergibt: "Lächelnd, aber unaufgeregt wie gewohnt, nahm sie Wahlergebnis und Glückwünsche entgegen. "Ich fühle mich gut", war das, was sie nach ihrem Triumph zu sagen hatte."

Angelas Ausspruch “war in 2005" - oder ließ sie ihn "im Jahr 2005" vom Stapel? Oder einfach nur: "Das war 2005" - inzwischen ist die gute Gefühlslage möglicherweise nicht mehr so eindeutig. Sind wir uns da sicher? “Nicht wirklich!” ... (not really). Oder: "Das erinnere ich nicht!" (I don't remember that).

Autoren von Filmsynchronisationen müssen sich kurz fassen, wenn die englische Vorlage kurz ist. Sie sind gehalten, am besten sogar lippensynchrone Übertragungen zu finden. So hören wir "in Deutsch" immer häufiger Ausdrücke, die "in english" durchaus korrekt sind - und auf Deutsch für viele immer seltener falsch klingen.

Paradoxerweise gelangt Synchrondeutsch sogar in die geschriebene Sprache. Immer häufiger fallen seit einigen Jahren in der deutschen Sprache Bindestriche weg, die im anglophonen Raum wenig gebräuchlich sind. Das ist genauso Ausdruck derselben Verunsicherung wie die inflationäre Zunahme falscher Apostrophs (wie sie auf Englisch durchaus richtig sind), "Moni's Schnellimbiss" beispielsweise.

Nett ist auch die "Baguette- and Croissanteria", eine Mischung von vier Sprachmustern (das implizite "Baguetteria" wäre der deutsche Beitrag), gesehen in der Berliner Kochstraße. Aber das ist ein anderes Thema.

Der Inhaber des Geschäfts ist übrigens türkischer Herkunft - und das Ladenschild sein persönlicher Beitrag zur internationalen Völkerverständigung unweit des "Checkpoint Charly" der ehemaligen Mauer.

Hoher Fühlgutfaktor also :-)

Sonntag, 19. November 2006

Die Mädchenkammer (ein Kurzfilm)

TEXT: So sieht in Paris das typische Stadthaus des ausgehenden 19. Jahrhunderts aus.

BILD: Echtfoto, das über eine Kontrastverstärkung immer mehr zur Schwarz-weiß-Zeichnung mutiert, gerät in Veränderung ...

TEXT: Konzipiert vom Baron Georges-Eugène Hausmann, der auch das Musterbuch für die einheitlichen Fassaden der französischen Hauptstadt zeichnete.

BILD: Musterbuch-Alternativen, noch immer schwarz-weiß, werden von Hand mit buntem Ärmel gezeichnet, dann sieht man immer mehr vom Mann bis zum Portrait. Das den Kopf hebt und auf der Straße die Fassade hochschaut.

TEXT: Der Balkon der Beletage wird bei besonders schönen Exemplaren von Karyatiden getragen. Wesen, die nur dazu da sind, das Leben, den Alltag aufrechtzuerhalten.

Das Pendant zum männlichen Karyatid ist die "bonne à tout faire", das Mädchen für alles. Auch sie hat in der Architektur Hausmanns ihre Spur hinterlassen, jedoch ganz oben unter der Dachjuché: Die Chambre de bonne.

BILD/TON: Karyatide hält einen Balkon in die Höh. Auf den ein Dienstmädchen tritt zum Ausschütteln des Staubtuchs. Sie trägt ein weißes Schürzchen. Kamerafahrt die Fassade hoch. Reinfahrt durch Gaubenfenster.

TEXT: Die Mädchenkammer ist klein und spartanisch möbliert. Ein Ort zum Schlafen und zum Verstauen der Kleidung, oft gibt es hier nur eine penderie, eine Kleiderstange, und eine einfache Waschgelegenheit.

BILD/TON: Bett, Tisch und Stuhl. Ablagen. Penderie hinter Vorhang. Kleine Kommode mit Wasserkrug und -schüssel. Koffer hinter der Tür oder oben auf einem Brett.

Und einen Ort, um den Koffer zu verstauen.

Denn das Mädchen kam meist vom Lande, stand als "gute Seele" der Herrin des Hauses (maîtresse de maison) bei und kam nur hoch, um zu schlafen.

BILD/TON: Die Mamsell im ländlichen Kostüm und wie die Stadt sie gemach, gemach verschickifiziert. Am Ende auf der Treppe ... die endlos ist. Hier beginnt der historische Exkurs.

TEXT: Nachdem die Bediensteten eine Zeitlang in einer Kammer neben der Küche geschlafen hatten, verbannte sie der Baron unters Dach, damit die Familie unter sich sein kann.

Unterm Dach ist noch nah genug, um diese Vertreter der einfachen Klassen zu kontrollieren. Denn in eigenen Vierteln hätte man sich ja zusammenrotten und Revolution machen können. Davor hatte der Baron Angst. Deswegen ist er auch weniger für die Chambre de bonne als für die Boulevards berühmt: breite Straßen, die er auf den Fundamenten der einstigen Mauern, der Bollwerke, anlegen ließ.

BILD/TON: Die Armen aus dem Viertel rotten sich zusammen, werfen Steine, bauen Barrikaden, verschanzen sich in kleinen Gässchen hinter Wegbiegungen, kommen durch Nebensträßchen von hinten und umkreisen das Militär. Die Zeichnung wird immer kontrastreicher bis hin zur schwarz-weiß-Darstellung. Die bunte Hand von Hausmann reißt das Papier mit einem Ruck durch, reißt eine Straße ins Gassengeflecht, pflastert sie links und rechts mit Haussmann-Häusern.
Das Ganze vor dem akustischen Hintergrund der Bonne, die die Treppe hochsteigt, wovon optisch auch etwas im Bild übrigbleibt. Dann wird sie wichtiger, ihre Tür mit draufschablonierter Ziffer, geht auf, dahinter Wasserkrug, Schürze, die auf die Kommode gelegt wird.

TEXT: Auch heute noch gibt es solche Kammern. Und auch heute kommen deren Bewohner von weit her.

BILD/TON: In der Bewegung weg von der Kommodenplatte: Hinter dem Wassserkrug hängen Postkartenmotive von Paris, die immer moderner werden, am Ende sieht man "La défense". Jemand steckt einen Blumenstrauß in den Wasserkrug ...

TEXT: Eins ist neu: in ihnen findet mehr statt als nur das nächtliche Ausruhen.
Hier wohnen Studenten, die auf Prüfungen lernen, auch mal einen Topf Pasta mit Fertigsauce kochen, das ist dann Luxuscamping. Oder die auch mal Freunde zu Besuch haben, dann wird es sehr rasch sehr eng.

BILD/TON: Erst solitäres, dann gemeinsames Lernen, Platz machen fürs Kochen, Bücher auf ein Bord in luftiger Höh', Beine einziehen, Tisch an die Wand klappen, Stuhl wegklappen, Gäste sitzen auf dem Bett, dann Essen, dann Feiern: einer spielt Gitarre.

TEXT: Und auch lauter, was die Nachbarn en détail mitbekommen, die Wände sind dünn.

BILD/TON: Puppenhaus-Draufsicht: In der Mitte jene Mini-Party, drumherum dreht einer das Radio lauter, ein anderer setzt sich Ohrenschutz wie vom Bau auf, ein Dritter macht das Licht an, er schlief wohl schon, der Vierte greift zum Besenstil.

TEXT: Oder es wohnen Arbeitsmigranten hier, Männer und Frauen mit oder ohne Aufenthaltspapieren.

BILD/TON: Mann und Frau, die sich nacheinander reinschleichen, sich vorher umschauen, drinnen leise sind.

TEXT: Andere Besucher des Stockwerks wollen auch nicht bemerkt werden. Sie wohnen eigentlich unten, zumindest einer der beiden, sie kommen aber ab und zu hoch um ...
Du "cinq à sept" heißt das amouröse Stelldichein nach der Arbeit, wofür sich die Dienstbotenetage hervorragend eignet.

BILD/TON: ... die auch reinschleichen, aber gemeinsam, sich unterwegs küssen. Dann eindeutig. Und auf einem alten Nachttischchen steht ein 50er-Jahre-Wecker, auf dem die Zeit vergeht.

TEXT: Oft wohnen in den Zimmerchen aber nur die Erinnerungen der Bewohner aus den unteren Stockwerken.

BILD/TON: Pappkarton blättert sich wie von Zauberhand selbst auf, desgleichen die Fotoalben. Über allem thront die Spinne und schaut nach dem Rechten. Zuckt zusammen: laut!

TEXT: Komfort gibt es hier oben übrigens kaum. Die Sommer sind heiß, die Winter kalt, das Klo ist für alle da und Badezimmer - Fehlanzeige.
Sommer: Sonne und das typische laute Knacken der Zinkdächer!

BILD/TON: Runterschwenk auf Fenster: Winter und Wind: Elektroheizung! Toilette turque / Steh-Klo & Point d'eau dans le couloir / Handstein im Flur.

TEXT: Ein eigenes Waschbecken gilt hier oben seit guten alten Zeiten als Luxus.

BILD/TON: Rückblende: Wasserkrug und -schüssel.

TEXT: Dennoch sind die Preise gepfeffert. Für 10 Quadratmeter werden nicht selten um die 400 Euro gefordert. Nicht genug für manchen Investor. Deshalb werden die Zimmerchen jetzt auch immer öfter umgebaut - in großzügige Dachwohnungen.

BILD/TON: Baulärm, Wände bekommen Risse, Stücke brechen raus, dahinter wird eine schicke Designerwohnung sichtbar.

TEXT: Adieu, chambre de bonne!

Freitag, 17. November 2006

Und es werde Licht...


Drei Wochen Winterblues-Prävention im Selbstversuch


"Der schwarze Vorhang, der draußen über die riesige Einöde gefallen ist, hat sich auch drinnen auf unsere Seelen gelegt." Albert Cook (von der Antarktis)

1. Tag
Der goldene Herbst ist lang schon verglüht, in den Geschäften quält sich die Kundschaft an Nikolaus und Schokolebkuchen vorbei. Heute früh ist es so grau, dass ohne Deckenlampe in der Buffetschublade die Silberlöffel nicht zu finden sind. Fast kaffeeschwarz ist an einigen Stellen auch die Wolkendecke, unter der Berlin am späten Vormittag verschwindet.

Jetzt wird das Licht jeden Tag spürbar weniger. Im Winter ist es hier nur halb so lange hell wie im Sommer. Dann geht die Stadt Berlin immer kollektiv auf Polarexpedition. Scheint die Sonne zur Abwechslung doch mal, trifft sie ab Mitte Dezember mit einem Einfallwinkel von 14 Grad auf, weshalb die meisten Straßen im Schatten liegen. Wenigstens kommt die Sonne überhaupt ab und zu durch und es geht Berlin nicht wie einem Bergdorf im Tirol, das den Winter über völlig ohne sie auskommen muss, weshalb man jetzt erwägt, große Spiegel auf die Berge zu montieren, so jedenfalls die Frühstückszeitung.

Nein, dieses Jahr soll mir nicht vor Lichtmangel die Stuckdecke auf den Kopf fallen. Es muss was passieren. Eine Reise in den Süden scheidet aus, ich hab in Berlin zu tun. Selbst dann bleib ich hier, wenn Flugbenzin noch steuerfrei ist, was die Regierung sicher auch bald ändern wird.

2. Tag
Welche Möglichkeit gibt es noch, dem Winterblues zu entkommen? Jeder Zehnte hat hierzulande "SAD", was nicht nur traurig klingt, sondern dekliniert "saison-abhängige Depression" heißt.

Da fällt mir Greta ein, eine Freundin aus Schweden. Nein, SAD heißt nicht auch noch das neue Ikearegal, die Ablösung vom 60-cm-Billy. Und ich denke jetzt auch nicht an schwarz-gebrannten-Kartoffelschnaps-und-ab-zum-Winterschlaf-hinter-den-Ofen. Greta hat mir schon vor Jahren von Lampen erzählt, die Tageslicht imitieren und einen gut durch die freudlosen Wochen des Winters bringen sollen. Um nicht der ewigen Winterstarre zu verfallen, gehe ich ins Kaufhaus. In der Lampenabteilung erübrigt sich jede weitere Frage: ein heller Lichtkegel lugt keck zwischen Schreibtischlampen hervor.

Die Tageslichtlampe hat die Form einer Mattscheibe, wie ein hochkant gestellter Fernseher, aber im Format 16:9. Anders als bei einer Neonlampe tut mir ihr Licht nicht in den Augen weh. Schmerzhaft ist dafür der Blick aufs Preisschild: 129 Piepen nach einem Preisnachlass von 70 Euro. Und das Gerät hilft wirklich gegen Winterblues? Nach kurzem, heftigem Zaudern ist klar: Wer sich der Wissenschaft widmen will, darf materielle Opfer nicht scheuen.

3. Tag
Am Morgen renne ich reichlich verspätet durch dicken Nebel. Am Vormittag quälen mich Skrupel wegen des unüberlegten Lampenkaufs. Was für eine Summe, in D-Mark-Zeiten hätte ich das nie getan! Ist es überhaupt erwiesen, dass Kunstlicht hilft? Außerdem hat das Teil bestimmt die schlechteste Energie-Effizienzklasse, etwa V wie "viel"!

Und ich beschließe, durch ein Lichttagebuch Ablass zu tun.

Die Stunde der Tageslichtlampe kommt erst zur Teezeit. In der Büroküche steht ein kleiner Bistrottisch; wenn die Lampe draufsteht, ist der Tisch zu einem Drittel voll. 20 bis 40 Minuten hat Greta gesagt, am besten morgens, und man setzt sich mit 45 bis 55 cm Abstand vor die Lichtquelle. Das geht sogar ohne Schutzbrille, denn die UV-Strahlen werden rausgefiltert. Ich schmeiße das Dingen an - und das Radio fängt an zu knistern. Nein, die Leuchte ist irgendwie doch entstört, denn etwas Feinjustierung später jubilieren die Engel hell und klar etwas vom Licht der Vernunft. Bin ich jetzt im Himmel oder auf Erden? Vermutlich downtown Berlin, denn diese Verbindung erscheint mir zu logisch für andre Gefilde. Und hier gilt besonders: Dunkle Zeiten waren immer auch dumme Zeiten.

Zweite Beobachtung nach dem Erstkontakt im Kaufhaus: Die Lampe leuchtet flimmerfrei und hell. Sehr hell. Direkt reinschauen ist nicht gerade angenehm. Und vor allem langweilig. Indirekt genüge auch, so Greta. Also lese ich. Und vergesse die Lampe. Immerhin strahlt sie so hell, dass ich jetzt 10.000 Lux abbekomme, was verglichen mit einem wintertrüben Tag - der bietet bei einem langen Spaziergang 1.000 Lux - eine ganze Menge ist. Aber immer noch deutlich weniger als echtes Sommersonnenlicht: An einem langen Sommertag kann der menschliche Körper bis zu 100.000 Lux "einfangen".

Als ich 30 Minuten später wieder auf normale Zimmerbeleuchtung umschalte, kommt die mir allerdings wie Kerzenlicht vor. Kein Wunder, die 60-Watt-Birne bringt gerade mal 40 Lux ... Nach kurzer Zeit sind im Auge die "Stäbchen", die Rezeptoren für die Dunkelheit, wieder aktiv. Bis dahin sieht die Küche so grau aus, als wäre sie voller Nebel.

4.Tag
Heute muss ich früh am Morgen für den Job aufs Flugzeug. In Berlin wabert das kalte Grau durch die Straßen, die Wolken hängen auf der Höhe des zweikommafünften Stockwerks. Die Straße ist menschenleer, ein Sonntag ohne Sonne. Auf dem Weg zur Bushaltestelle scheint mir, als mische sich in den Nebel Rauch, und wirklich, da brennt ein Dachstuhl. Hätte ich nicht gerade besonders aufmerksam die grauen Wolken betrachtet, wegen örtlich wirksamer Windströmungen wäre mir der Brand nicht am Geruch aufgefallen, denn der Wind zog den Rauch in die Höhe. Ich rufe die Feuerwehr an, und als ich mit dem Bus um die Ecke fahre, höre ich schon das Martinshorn.

Tapfer arbeitet sich eine Stunde später das Flugzeug die Wolkenstraße hinauf. Wir fahren über keinen historisierend-kleinteiligen Straßenbelag, nicht über mittelalterliches Katzenkopfpflaster, das fühlt sich an wie DDR-Asphalt in Reinform, immer mal wieder eine Adolf-Platte, dazwischen Dehnfugen aus Bitumen made in Leuna: rissig, löchrig, genauso wie die Adiplatte. Mir ist flau im Bauch.
Von einer Sekunde auf die andre ist das alles vergessen: LICHT! Ein riesiger Horizont, der von oben weiß strahlt, als wäre er indirekt beleuchtet, breitet sich im strahlendhellen Himmel aus.

Ach, Sonne!

6. Tag
An der Universität Oslo, so steht es heute in der Zeitung, wurden Hamster mit Winterblues beobachtet: Sie sind ängstlich, depressiv, hocken still am Käfigrand, statt neue Territorien zu erkunden. Allerdings sind sie auch appetitlos. Das soll bei Menschen anders sein. So jedenfalls mein Hausarzt Hans, den ich anrufe: "Winterblues führt beim Menschen zu vermehrtem Appetit nach Süßem und Kohlehydraten. Die Lichttherapie kann das genauso bremsen wie Schläfrigkeit und Lethargie, andere Symptome von SAD. Von wirklich schwerer Winterdepression sind nur 1-2 % der Bevölkerung betroffen, die leichte Form haben, und die Statistik stammt aus den USA, fast 20 % der Bevölkerung mindestens einmal erlebt. Je größer die Entfernung vom Äquator, desto mehr Menschen leiden an Winterdepression."

Nun frage ich nach den skandinavischen Lampen. Darauf Hans: "Die Lichttherapie ist noch relativ jung, weil die chronobiologischen Zusammenhänge erst in den 80er Jahren bekannt wurden. Das über die Augen aufgenommene Licht wird von speziellen Rezeptoren eingefangen und die Information über die Sehbahnen in das Gehirn weitergeleitet, von wo aus Nervensystem und Stoffwechsel gesteuert werden. Licht und das Schlafhormon Melatonin wirken entgegengesetzt: Im Winter wird durch Lichtmangel mehr von dem Hormon ausgeschüttet, die Lampe wirkt dem entgegen."
Bei den Olsoer Hamstern war übrigens aufgefallen, dass deutlich mehr weibliche Tiere unter dem Lichtmangel litten als männliche. Na denn.

7.-9. Tag
Derzeit bin ich keine gute Probandin im Selbsttest, was an der vielen Arbeit liegt und daran, dass es immer wieder stundenlang sonnig ist. Als Freiberuflerin kann ich theoretisch Pausen machen, wann ich will. Dieser Tage folge ich regelmäßiger als sonst dem Licht. Heute scheint die Sonne zum ersten Schnee des Winters. Der leuchtet so klar und rein wie sonst nur die Wolken hinterm Bullauge des Flugzeugs.
Seit ich die Lampe habe, reagiere ich auf Licht viel aufmerksamer. Die echten hellen Stunden genieße ich bewusster als früher. Und manchmal schaue ich vom Arbeitszimmer in den klaren Nordhimmel, als wär's der Schirm der Lampe, setze die Brille ab für ungefilterten Lichteinfall und träume.

10. Tag
Im Zoo, am Abend. Im Aquarium ist noch viel los. Bei den Korallenfischen herrscht Schummerlicht, obwohl es draußen schon dunkel ist, ein Zoomitarbeiter erklärt, warum: "Der plötzliche Lichtwechsel würde doch die Tiere erschrecken!" Greta ist aus Stockhom da, als Biologin weiß sie, dass seit Ende der 20er Jahre die Wirkung von Licht auf Pflanze und Tier bekannt sind. Der Banker John Ash Ott hatte damals in Chicago Filmaufnahmen von Pflanzen gemacht, ihr Wachstum dokumentiert und den Zeitraffer populär gemacht. Wie vieles gerieten die damalige Erkenntnis, dass, was bei der Pflanze offenbar wirkt, auch beim Menschen nicht wirkungungslos bleibt, durch Krieg und Kalter Krieg in Vergessenheit. Inzwischen habe die Industrie das Phänomen für sich entdeckt. Schichtarbeiter hätten bei Nachteinsätzen mit einer "Tageslicht-Lampendecke" eine wesentlich geringere Fehler- und Unfallquote, erzählt mir Greta.

11. Tag
Als ich aufwache, ist um mich herum alles dunkel. Mit kleinen Schritten taste ich mich vorwärts - und stolpere über Anmachholz. Ich höre, wie Steine aufeinander geschlagen werden. Funken fliegen, ein Reisigspan flammt auf. Wenig später brennt das Feuer in der Höhle. Wir sind zu viert. In der Ecke liegen Heuhaufen, darauf Felle. Alle nähern sich langsam dem Feuer. Da erkenne ich Hans, den Arzt. Er fängt auch gleich an zu erklären: "Im Winter ist das Nahrungsangebot knapp, die feindliche Außenwelt bietet wenig. Deshalb laufen die Stoffwechselfunktionen auf Sparflamme, und das Melatonin hilft dabei. Das Schlafhormon wirkt beruhigend und hemmt die Libido. In Laborversuchen wurde gezeigt, dass Menschen ohne jedes Tageslicht in einen 25-Stunden-Rhythmus reinkommen, das ist der natürliche menschliche Rhythmus. Unsere Anpassung an die 24 Stunden geschieht allein über das Licht..."
Jetzt wache ich wirklich auf, diesmal von meinem eigenen Gelächter.

14. Tag
Immer wieder reißen mich lange Arbeitstage auswärts aus der Testphase. Und ich fange an zu zweifeln, ob die Lampe etwas bewirkt oder ob es an meinem Lebenswandel liegt, dass ich nichts spüre.
Stattdessen geschieht heute Morgen ein Wetterwunder, die Sonne kitzelt mich aus dem Bett! "Aufstehen, du Schlafmütze, es ist Tag!" - wie im Bilderbuch. Aber wie immer in Berlin kommen am Ende des Vormittags, gegen elf, die dicken Wolken.
Genau davor hatte mich, als ich noch woanders studierte, ein Dozent aus Berlin gewarnt, die vorherrschende Winterfarbe hier sei grau: "Morgens grau, mittags hellgrau, nachmittags dunkelgrau." Ohne nachtschwarzen Kaffee lief jahrelang nichts.

Zu Abend esse ich heute im Schein der Tageslichtlampe. Mich nervt, dass ich nach den Stunden, die ich am Rechner verbracht und in den Monitor geguckt habe, nun schon wieder in ein Viereck schaue. Auch ist das Teil wirklich zu hell, auf jeden Fall für mich mit meinen stark kurzsichtigen Augen. Also lese ich Zeitung, die Lichtfläche nehme ich aus den Augenwinkeln wahr, so ist sie gut zu ertragen.

15. Tag
Etwas hat mich zum nachtaktiven Hamster werden lassen, ich konnte gestern Abend gar nicht mehr aufhören zu arbeiten. Schlief erst in den frühen Morgenstunden ein, verbrachte den halben Vormittag im Bett. Könnte es sein, dass das Licht vom Vorabend daran schuld ist? Ab jetzt werde ich mit der Lampe frühstücken, wie Greta es geraten hatte.

Jetzt schneit es in Berlin, im Vergleich zum Münsterland aber nur leicht. Dort hatte Tief Torsten vor drei Tagen sämtliche Schneemassen mehrerer Wochen auf einmal runterschüttet, die für hunderte von Quadratkilometern gedacht waren, und viele Strommasten knickten unter der Last. Eine Region ohne Strom. Zubettgehen mit der Sonne, Aufstehen mit den Hühnern, kein Wunder, dass die Menschen früher im Winter nur halb so viel gearbeitet haben wie in der hellen Jahreszeit.
Heute halten wir uns im Schein von Schreibtischlampen bei 100 bis 500 Lux künstlich wach und haben den Bezug zum Rhythmus der Natur verloren. Und die durchschnittliche Schlafensdauer seit Erfindung der Glühbirne sank von 10 auf weniger als sieben Stunden. Kein Wunder, dass die innere Uhr ständig verstellt ist.

16. und 17. Tag
Am Wochenende fahre ich zu Freunden. Ein großer Nachteil der Lampe wird deutlich: sie ist zu groß fürs Handgepäck.

18. Tag
Der Schnee ist geschmolzen, dafür leuchtet der Winterhimmel wieder. In der hellsten Stunde des Tages gehe ich auf den Markt. Wintersonne ist kostbar, so lehne ich mich auf dem Weg an einen Baum und schließe die Augen. Ich fühle mich wie eine Pflanze, meine Gesichtshaut betreibt "Photosynthese". Schön wär's - aber der menschliche Körper braucht Licht genauso wie die Pflanze, denn es kurbelt die Vitamin D-Produktion an, und Vitamin D, so Hausarzt Hans, ist wichtig für Immunsystem und stabile Knochen.

So muss ich an ein Foto denken, das ich als Kind in einer Zeitschrift gesehen habe. Moskau, der rote Platz, die Moskoviten genießen die ersten Sonnenstrahlen des Jahres, lauter Fellmützen und rosig schimmernde Wangen, die ins Licht gehalten werden. Das mit dem Vitamin D kann die Tageslichtlampe nicht, denn das bewirken allein die UV-Strahlen. Natürliches Licht regt auch die Produktion von Endorphinen an. Wie schön, dass ich morgen darauf nicht verzichten muss, denn diese körpereigenen "Glückshormone" entstehen auch dank der Tageslichtlampe.

19. Tag
Heute habe ich im Internet einen Dämmerungssimulator als Wecker entdeckt. Er ist kugelrund und imitiert den Sonnenaufgang: erst schummerlichtet er wie ein Sonnenaufgang, dann wird er immer heller, damit das Licht einen nach einer halben Stunde ganz natürlich zum Aufstehen motiviert. Und noch was hab ich im Internet entdeckt: Die Webcam von Europas nördlichster Fischfabrik. An der Außenmauer angebracht, bietet sie nicht nur den Überblick über an- und abreisende Arbeiter, Werksdirektoren und Touristen, sondern auch über die Landschaft, die "Vindstyrke" wird auch angezeigt. Und vor allem das Licht. Manchmal schaue ich jetzt morgens nach, ob es im Norden um zehn Uhr schon hell ist, sehe mir Sonnenaufgänge zu einer Tageszeiten an, wo sich schon der Mittagessenshunger regt - und wenn ich mich nach langer (französischer) Mittagspause wieder an den Tisch setze, hol ich mir ein neues Kamerabild und sehe: Nacht. So gemein es ist, irgendwie tut es mir gut zu sehen, dass andre mit noch weniger Licht auskommen müssen.

21. Tag
Die Lampe kommt mir jetzt nicht mehr zu hell vor, vielleicht hab ich einfach den für mich richtigen Lichteinfallwinkel von 30 - 45 Grad entdeckt, als fiele Licht durch ein echtes Fenster. Mein zweites Frühstück überstrahlt jetzt immer die Elektrosonne, in die ich auch immer wieder kurz reinschaue, was wichtig sei, so Greta. Ich freue mich immer auf das Highlight des Tages. Auch Jetlags hilft das Licht zu kurieren! Für mich ist dieses Dingen die zweitwichtigste Erfindung in Sachen Kunstlicht, seit Thomas Alva Edison 1879 der Welt die Glühbirne schenkte.
Gerade gibt sich die wetterliche Trübsal wieder alle Mühe, uns am Nachmittag schon die Nacht zu bescheren. Aber das kratzt mich nicht. In einem stummen Zwiegespräch sag' ich zum Himmel: "Da kannst du dich anstrengen, wie du willst, du tust ja nur so, als ob die Welt gleich unterginge. Da oben ist es ganz hell, das weiß ich genau, ich hab's heute schon gesehen!"

Résumé: Ich bin zwar ärmer geworden durch den Lampenkauf, dafür ist meine Küche um ein Bullauge mit unverbaubarem Himmelsblick reicher. Ich habe einen Großbrand verhindert und achte viel mehr auf die hellen Stunden als zuvor, bin sogar zur Sonnenanbeterin geworden. Ich trinke kaum noch Kaffee - und bleibe ohne Winterblues in Berlin. Und bald ist es jeden Tag schon wieder etwas länger hell.

Der Blick in die nördliche Nacht z.B. hier: http://www.northcapeonline.com/ oder http://nordkapp.tv/index.php?id=196096/ oder http://www.webcamsinnorway.com/webcams.php
Mehr Licht, sagte der alte Geheimrat Goethe: Gibt's heutzutage im Fachhandel und in jedem gut sortierten Kaufhaus.

Sonntag, 22. Oktober 2006

(Wieder nichts über NK) Notizen einer Dolmetscherin

Gerade bereite ich ein Filmfestival in Süddeutschland mit vor, und zwar die meiste Zeit von Neukölln aus. Meine Gebrauchstexte schreibe ich in dieser Phase für das dortige Publikum ... Heute berichte ich aus dem Alltag eines meiner gelernten Berufe.

Es passiert auf jedem Festival mindestens ein Mal. Der ausländische Gast hat gesprochen, ich habe Notizen gemacht. Dann entsteht eine kurze Pause, ich sammle mich und lege los. Und merke es erst nach ein, zwei Sätzen: ich hab Französisch gesprochen! Das Publikum lacht, ich mit, und es geht wieder los. Diesmal auf Deutsch.

Seit dem Studium dolmetsche ich für Filmleute und auf Festivals. "Wie machst du das nur?" ist eine oft gehörte Frage. Die ich mir selbst nicht mehr stelle. Wenn ich aus dem Französischen ins Französische statt ins Deutsche übersetze, hat mich eine oftmals winzige Kleinigkeit abgelenkt. Das kann eine anspringende Lüftung sein, oder jemand, den ich kenne, verlässt das Kino. Oder ich habe eine Äußerung von Cinéast oder aus dem Publikum unterschwellig als Kritik aufgefasst. Ich bin verdammt verletzlich da vorne, auch mit jahrelanger Routine noch.

Wer dolmetschen will, muss zunächst die Sprachen sehr gut beherrschen. Und einen großen Wortschatz haben. Was ich (noch) nicht weiß, weil mir ein Thema neu sein mag, wird angelernt, Internet sei Dank gibt es heute keine Beschaffungsprobleme mehr. Manchen Gast kann ich mir im Netz bei France Culture vorab sogar anhören, mich auf Akzent und Sprechgeschwindigkeit einstellen. Das beruhigt ganz ungemein, denn alles, was ich als Vorbereitung mache, folgt dem Plan der Selbstberuhigung.

Denn im Grunde gibt es nichts Unnatürlicheres und Peinlicheres, als da vorne zu stehen und etwas zu sagen, das bereits gesagt worden ist. Ich habe Jahre gebraucht, um meinen inzwischen geliebten Nebenjob als konkrete Dienstleistung zu interpretieren. Ich muss die Fragezeichen in den Augen meiner Kundschaft sehen, sonst bin ich nicht gut. Das ist auch der Grund, weshalb ich mehr Publikumsgespräche dolmetsche als simultan in der Kabine: Die Nähe.

Daneben gilt es die sprachliche Hemmschwelle zu überwinden. Wie viele Zweisprachige habe ich die Sprachen als ein jeweils eigenständiges System gelernt, in dem sich Erklärungen und Vergleiche immer nur auf Begriffe aus der jeweiligen Sprache bezogen. Beim Dolmetschen geht es aber nicht um Synonym oder Gegensatz, sondern um die möglichst exakte Entsprechung in der anderen Sprache. Als ich 1989 zu dolmetschen begonnen habe, war mir, als müsste ich die Vokabeln beider Sprachen noch einmal lernen. Nein, nicht beide Sprachen: Die Verbindungen zwischen ihnen.

Diese Verbindungen waren in meinem Bewusstsein untergründig schon da, aber eben nicht aktiviert, nicht bewusst. Den zweiten Sprachstrom als etwas Alltägliches zu erfahren und wie auf einem Videoband zwischen "Spur 1" und "Spur 2" hin- und herzuspringen, das ist im Grunde der ganze Aufwand. Und natürlich das permanente Suchen und Notieren von Vokabeln. Manches wird in der einen Sprache nicht substantivisch, sondern als komplizierte verbale Konstruktion ausgedrückt. Oder aber es gibt diesen oder jenen Begriff in der anderen Sprache nicht - also muss ich übertragen, kurz den Kontext anreißen. Aber nur kurz, sonst bremst diese Geste und das Publikum hat zu Recht den Eindruck, Sachen zu hören, die gar nicht gesagt worden sind.

Dolmetschen ist also immer ein Abwägen. Wie gehe ich damit um, wenn ein Sprecher sich x-fach wiederholt? Was mache ich mit den fünf Adjektiven, die er oder sie so schnell runterrattert, dass ich nur drei davon behalten habe? Ich kürze geringfügig, fasse zusammen. Und wenn ich gar nicht mehr mitkomme, darf ich nachfragen. Denn auch das Jonglieren von Mikro, Stift und Stenoblock raubt Aufmerksamkeit. Ich schreibe übrigens keine Steno, sondern zeichne in eigenen Kürzeln die wichtigsten Begriffe auf. Wobei ich Sie, geneigtes Publikum, manchmal auch kurz warten lasse: Wenn der ausländische Gast fertig gesprochen hat, notiere ich oft noch den letzten Gedanken. Denn auf die Pointe will ich nicht verzichten.

Und hier ist sie: Was ist der Unterschied zwischen Dolmetschen und Übersetzen? Sie werden das nie wieder verwechseln: Übersetzer übertragen Texte, sie schreiben also. Wenn Übersetzen Handwerk ist, ist Dolmetschen Mundwerk.

Samstag, 21. Oktober 2006

Der Apparat

Der vor 50 Jahren gestorbene Bert Brecht forderte, der Rundfunk solle als Kommunikations-, nicht nur als Distributionsapparat genutzt werden. Das war in den 30er Jahren.

Mehr als siebzig Jahre Lärm später - erst kamen die Bomben, dann die Dauerbeschallung - ist Brechts Traum wahr geworden. Fast. Das Netz funkt zurück, in den Sendeanstalten geht die Angst vor der Entmachtung um. Zu Recht.

Nicht nur via Netz und Quote, auch sonst ist der User/Leser/Zuschauer plötzlich wichtiger geworden. Indes, die neue Zeit findet zunächst überwiegend in den Printmedien statt. Was wir als Zwischenstadien erleben, ist zugegebenermaßen manchmal etwas unappetitlich, ich denke an die BILD-Leserreporter, die Promis im Urlaub auflauern, auf dass deren Glanz auf sie abfärbe.

Aber selbst Journalisten wie Johan Hufnagel, stellvertretender Chefredakteur der französischen Libération, die einst wie die taz als Kollektiv anfing, Hufnagel also schwört schon seit 1995 auf sein "Forum", das Lesern mehr Raum als andere Zeitungen für Meinungsäußerung anbietet.
Inzwischen veröffentlicht Hufnagel auch Fotos, die Leser von diversen Ereignissen geschossen haben. Und verteidigt dies so: "Wir bringen sonst nur Bilder aus Paris, denn in der Provinz haben wir kaum Korrespondenten. Und es stimmt einfach nicht, über einen nationalen Aktionstag mit Demos nur die Ausschreitungen abzubilden und nicht das, was die meisten Menschen erlebt haben: fröhliche, farbenprächtige Demos mit witzigen Slogans zum Beispiel."

Das Phänomen wird "Bürgerjournalismus“ genannt, die Medien reflektieren dessen Ausmaße bislang eher mit einem abwertenden Unterton (siehe Tagesspiegel vom 13.9.06). Anders 'lese' ich diese Tatsache: Nicht nur Privatpersonen, auch Zeitungen haben ihren WebLog. In Deutschland, erzählen sich Medienwissenschaftler, werde die WebLog-Parallelausgabe des Trierischen Volksfreund häufiger angeklickt als die Zeitung selbst. Hintergrund: Die Redakteure stellen auch ihre Cutouts hier ein, kommentierten mit Meinung, und genau das werde gesucht: Meinung, nicht formatierte Info, die oft einer nicht kenntlichen Verlegermeinung folge. Soweit die Medienwissenschaftler.

Das Output des geneigten Publikums wird auch vom Hörfunk aufgenommen. Samstags sendet Inforadio (rbb) die Sendung "Druck und Blog", ein fester Programmplatz, in dem in der "Presseschau" zur Weltpolitik aus WebLogs ztitiert wird. Hier kommen zur besten Haushaltssendezeit (13.45 Uhr) aber auch Fachleute zu Wort, die über die Veränderung der Medien durchs Zurückfunken nachdenken: Die Deutungshoheit der Wirklichkeit sei das erste, was die Medien einbüßten, habe ich gerade noch gehört, als ich zufällig auf die Sendung gestoßen bin.

Die "Bürgerjournalisten" genannten Laien werden immer mehr Output liefern. Wie können die etablierten Medien kontern? Auf den gestern zuende gegangenen Münchener Medientagen, die eine Kollegin besucht hat, sei das Credo gewesen: Die Journalisten müssen noch mehr arbeiten. Man ging unhinterfragt davon aus, dass Journalisten die bessere Qualität abliefern würden. Die freien Journalisten im Saal kommentierten das indes so: "Wir arbeiten längst mehr, da ist keine Luft mehr drin. Wir brauchen nach einem Jahrzehnt reeller Honorareinbußen endlich wieder eine bessere Bezahlung." (Danke, Annette.)

Es scheint die alte Frage nach Henne und Ei zu sein. Wer hat das Geld, wer zahlt für Qualität (oder doch nur für Masse) und wo fließt es hin?

Kommenden Montag wird Libération möglicherweise nicht ausgeliefert. Die Druckereien blockieren, denn sie haben seit dem Sommer kein Geld gesehen. Die Zeitungskrise ist ein anderer Aspekt unseres veränderten Umgangs mit Informationen. Und sie bedroht zu allererst die Kleinen. Fortsetzung folgt.


@ Marwan: Vielleicht solltest du die taz doch nicht abbestellen, schreib lieber der Redaktion, was dich nervt.

Dienstag, 26. September 2006

Lesetipp Hörfunk: Brotlose Künstler

Heute nur einen Lesetipp, der kein Programmtipp mehr ist, weil das Radiofeature gestern am Abend lief:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/zeitfragen/538632/

Download des Manuskripts rechts unter "Links zur Sendung".

Bonne journée !

C.

Dienstag, 19. September 2006

(In München) Hochprozentiges

München, ein fünf-Sterne-Hotel in Hofbräuhaus-Nähe. Illustre Gäste genießen den Apéritif an der Bar, darunter eine berühmte Brillenherstellerin, die so heißt wie ihre Brillen, ein bekannter Koch, der nicht so heißt wie sein Restaurant (und überhaupt, war da nicht gerade was mit Koks?) Dazu Zeitungsschreiber, Moderatoren, Lokalprominenz - muss man nicht alle kennen. Aus Frankreich eingeladen: Der Kellermeister. An seiner Seite: Die Stadtschreiberin von Neukölln, im Kostümchen zur Dolmetscherin verkleidet. Junger Cognac als Drink mit Ginger Ale.

Die Abendgesellschaft zieht jetzt in einen der Salons des Hotels um. Heute abend wird Cognac verschiedener Altersklassen kredenzt, und immer hat er etwa 40 % Alkoholgehalt. Ältere Produkte der Marke, also Cognac im Hochpreissegment, verkauft sich zu einem hohen Prozentsatz ... nach Asien. Dass Asiaten aufgrund ihrer anderen Gene Hochprozentiges nicht so gut vertragen sollen, hält man hier für eine Zeitungsente. Im Gegenteil, die konsumierten doch recht fröhlich, und überhaupt, dort seien jetzt die reichen Leute, sagt der Kellermeister. Garnelen auf Zitronencreme mit Gemüse der Saison.

Je weiter das Diner voranschreitet, desto länger haben die Eaux de Vie, die gereichten Weindestillate, aus denen der Cognac komponiert wurde, in Holzfässern gelagert. Je höher der Anteil an jungen Eichenfässern, desto dunkler wird insgesamt die Farbe. Dazu kommen bernsteinfarbene Reflexe, sie werden mit dem Alter intensiver.
Der Marketingchef: "Wir bekommen in der Zeitschrift Soundso einen langen Artikel über unser Weingut selbst, ja, natürlich haben wir für später dann auch einige Einrückungen terminiert." Gemeint ist Werbung (quelques insertions par derrière). Und alle genießen den Zander auf Senfmousseline.

Nun kommt der Cognac aus den ältesten Eaux de vie. Er wird in einer besonders aufwändigen Schmuckflasche kredenzt, die zu gestalten weitaus länger gedauert hatte, als den Blend der Cognacmischung zu kreieren. Das sei ein Cognac für Leute, die manches links liegen ließen, weil es zu billig sei, sagt einer der Weinhändler vom Insider-Tisch: "Es gibt zwei Sorten Kunden, die einen suchen nach Qualität und diejenigen, die unsicher sind, entscheiden nur nach dem Preis: Wenn etwas zu billig ist, kaufen sie es nicht. Und von denen gibt es immer mehr." Als weiterer Kaufanreiz wird die Menge des Produktes knapp gehalten.
Wenn man das Cognacglas schwenkt, fließt die fast schon zähe Flüssigkeit langsam ins Glas zurück, auch an der Fließgeschwindigkeit erkennt man das Alter. Dabei teilen sich die Tropfen, die hinabfließen, als wären es Beine. Legs heißen sie auch auf Englisch, Tränen auf Deutsch. Oder Kirchenfenster, weil sie die Form von gotischen Fenstern beschreiben. Das Bernstein im Glas könnte auch 'akazienfarbig' genannt werden oder 'tiefes Gold'. Nougatparfait an Erdbeeren in Vanilleschaum.

Sonntag, 10. September 2006

(von Neukölln nach Köln) Der Applaus war verhalten

Subjektive Beobachtungen in Schumachers Heimatstadt Kerpen

Schweigend verfolgen die Gäste auf Großleinwänden das Autorennen, im Sommerlicht des italienischen Monza drehen die Fahrer ihre Runden. Lange vor der 65. Rennminute hat die Spannung nachgelassen. Der Fernsehkommentator sagt eben: "Michael Schumacher schwitzt ganz schön", da quietschen die Reifen etwas lauter. Der Wagen von Alonso, dem Vorjahresieger, bricht aus der Bahn, mit drei Schrecksekunden Verzögerung geht ein Schrei durch die american sportsbar, als wäre er aus einem Mund. Diese Reaktion auf das Ausscheiden des Gegners wird heute in der Kerpener Bar der einzige Augenblick sein, in dem bei Schumachers Fans die Gefühle hochkochen.

Wir sind im Industriegebiet von Kerpen-Sandorf, eine halbe Autostunde von Kölns Zentrum entfernt. Hier, in Schumis Heimatort, liegt laut Prospekt "das einzigartige Kart & Event-Center". Es besteht aus Leichtbauhallen, Freifläche und, zumindest heute, einem vollen Parkplatz Die dazugehörige american sportsbar ist eine Art überdimensioniertes Reiterstübchen. Sie schwebt wie festgeklebt an der Hallendecke über der 6000 m2 großen Indoor-Bahn. Alles hier, von der Außenrennstrecke (710 Meter) über das Museum bis hin zum Restaurant ist im Privatbesitz des siebenmaligen Formel 1-Weltmeisters. Nur eine Stunde später wird der Champion nach mehr als 90 Siegen in 15 Jahren seinen Ausstieg aus dem aktiven Rennsport verkünden.

Nur ein knappes Dutzend Frauen ist unter den 150 Gästen der Bar, die mit vielen typischen Objekten der amerikanischen Massenkultur plus diversen Schumacher-Devotionalien ausgestattet ist. Das jüngste der weiblichen Wesen, Anka aus den Niederlanden, wird nächste Woche sechs. Sie findet Autorennen toll, weil sie mit ihrem Papa oft mitdarf. Was sie später mal werden will? "Mama", lautet die ernüchternde Antwort. Dann fachsimpelt sie weiter mit Daddy Erich über das Rennen, als wäre sie eine erfahrene Sportjournalistin.

Wer allerdings wie ich zum ersten Mal in seinem Leben einen solchen Wettkampf verfolgt, fragt sich, was das Spannende an der Sache ist. "Stell' Dir vor, Du fährst eines der schnellsten Autos der Welt und dann auch noch im Wettkampf", sagt Maxence, Fernsehjournalist aus Montréal. "Das bedeutet Adrenalin, Technik und Taktik pur. Das hat einen besonderen thrill."

Ja, schnell sind sie schon mit ihren 300 Stundenkilometern. Ich lerne neue Vokabeln. Wenn sie zur Strafe aussitzen müssen, wie es heißt, dürfen sie nur mit 100 Stundenkilometern durch die Kurven rasen. Kurven und Brücken nennt man Schikanen, die Fahrer halten in Boxen, wo man sie neu betankt und Reifen wechselt. Schiedsrichter sind hier die Kommissare, und wie das mit dem wenig Flügel fahren ist, hat mir leider niemand erklären können.

Irgendwann, ich habe vor lauter Neuem nicht gemerkt, wann, fährt Schumacher auf Position eins. Der thrill, von dem der Journalistenkollege aus Übersee spricht, bleibt mir weiter fremd. Kann etwas Sport genannt werden, bei dem es nur auf Reaktionsgeschwindigkeit ankommt? Beim ersten Zusehen entzieht sich mir alles Taktische an der Sache. Um mich herum schauen die Fans versonnen bis selbstvergessen auf Leinwände und Monitore. Etliche tragen rote Anzüge, als säßen sie selbst in der Höllenmaschine. Die Kellner flitzen agil durch den Raum und fragen in immer kürzer werdenden Abständen nach, ob man nicht noch etwas bestellen möchte. Neben mir hat es sich Ankas Papa Erich jetzt gemütlich gemacht, ein dunkelhaariger Mann in den Vierzigern, und erklärt mir im netten, holländischen Akzent, warum Alonsos Ausscheiden heute gut für Schumacher sei. Dessen Punktrückstand verkürze sich von zwölf auf zwei Punkte, und bei den drei Rennen, die noch ausstünden, verbesserten sich Schumis Chancen auf den achten Weltmeistertitel.
"Aber ich dachte, er will aufhören?" - "Am Ende der Saison, wenn überhaupt", sagt Erich. Noch geben sich alle nach außen zuversichtlich, hoffen, dass die Gerüchte ein Fehlalarm waren, aber der Holländer klingt so, als glaube er sich selbst nicht. Schumacher führt das Rennen weiter an.

Oder ist es die Todesgefahr, die den Sport so interessant macht? Die Arena des Rennens in Monza ist soweit nicht entfernt von den Arenen in Rom, wo es dermaleinst auch auf Leben und Tod ging. In jedem Fall geht es hier um Primärreize: Die höchste Geschwindigkeit, die größte Kraft. Eine Sache für echte Männer. "Entspannte männliche Körperhaltung" bescheinigt auch gerade der Kommentator einem der Fahrer. Gibt es eigentlich auch Rennfahrerinnen?
Selbst in der Bar, die eingerichtet ist wie ein kalifornisches diner, nichts als Primärreize: Rot sind die Barhocker und die riesigen Abluftrohre, das Kunstleder der Bänke ebenso wie die historischen Getränkeautomaten von Coca Cola. Diese Farbe, die hier alles überstrahlt, ist auch die von Ferrari, Vodafone und Marlboro, als hätte der Rennfahrer Marken und Rennstall (meist) nach der Farbe ausgesucht. Und Geld scheint auch ein Primärreiz zu sein. Um knapp 2400 € würde Michael Schumacher jede Minute reicher, rechnet Erich vor. Nein, genauso hat er es nicht gesagt. Aber ich vermag in dem Kontext das Wort ‘verdienen’ nicht zu schreiben, es sei denn so: Hier verdient einer selbst im Schlaf noch Geld.

Als das letzte Viertel des Rennens beginnt, fährt Schumacher kurz in die Box. Neben mir werden Sekunden gezählt. Das Tanken dauere um die sieben bis neun Sekunden, inklusive Ein- und Ausfahrt 25 Sekunden, erklärt der Holländer. Als der Fahrer weiterrast, jubeln alle kurz: Der Deutsche hat seine Position behauptet. Verhaltener Applaus. "Jetzt kann nur noch die Defekthexe eingreifen", sagt der Fernsehkommentator lakonisch.

Ich setze mich für ein Weilchen ans Fensterband oberhalb der Indoor-Strecke, von wo aus eine Familie ihren Teenagern beim Kurvendrehen zusieht. “Wenn Michael Schumacher jetzt aufhört, wird er öfter hier sein können”, sagt der Vater zu seinem Sohn im Grundschulalter. “Den Teufel wird er tun, dann müsste er ja in Deutschland mehr Steuern zahlen”, meint darauf die Frau. “Was sind Steuern?”, will der Junge wissen. “Geld, das man von seinem Einkommen abgibt, damit Straßen gebaut und Lehrer bezahlt werden können”, erklärt der Vater. “Ach so ... “, sagt der Filius und scheint enttäuscht.

An der Wand hängen Fotos von Schumacher als Kind. Man rätselt, wie alt er jeweils darauf war. “Die Bahn hat früher seinen Eltern gehört”, berichtet der Vater. Der Jugendtrainingsleiter wird uns das im Museum wenig später anders erzählen: Die Eltern Schumacher hätten beim Verein angeheuert, der die Bahn betrieb, der Vater als Bahnenwart, die Mutter betrieb den Kiosk. Den Verein gibt’s wohl immer noch, die Bahn am neuen Ort heißt jetzt nach Michael Schumacher. Und während wir hier oben dem deutschen Ausnahmesportler beim Siegen zusehen, halten unten wieder zwei Reisebusse mit neuen Kart-Fahrern, einer kommt sogar aus Frankreich. Sie zahlen je nach Gruppengröße für eine halbe Stunde um die 30 Euro pro Person. Die (jungen) Männer überwiegen, aber hier fahren Frauen und Mädchen, sogar eine Bahn für die ganz Kleinen gibt es. Über die Zahl der gefahrenen Stunden per annum schweigt die Direktion indes vornehm.
An der Seite eines Großelternpaares besichtigen wir das Museum, das in falschem Deutsch als “die Welt der Schumacher’s” auf dem Gelände beworben wird. Hier stehen acht Formel-1-Wagen, dort in dunkleren Boxen Fahrzeuge aus seiner Kindheit und Jugend - und dazwischen hängt das Foto von Michael Schumacher als Vierjährigem bei seiner Erstlingsfahrt auf einem von Vater S. eigenhändig motorisierten Kettkar. Im Museum kommt Ralf Schumacher praktisch nicht vor. Der Bruder steht hier nur ab und zu mit auf dem Foto. Das Plural "Schumacher's" scheint unangemessen, und das Hirn sucht nach Vorlagen in der griechischen Tragödie zum Thema großem und kleinem Bruder und Erfolg. Vielleicht kommt die spannende Geschichte ja erst noch?

Kurz nachdem wir in seine Bar zurückkehren, geht Michael Schumacher in Monza als erster durchs Ziel. Aber anders als in Italien ebbt der Applaus der Fans in Kerpen-Sandorf überraschend schnell ab. Wenig später, Schumacher steht auf dem Siegertreppchen im Theaternebel (oder qualmt Alonsos Auto etwa noch immer?), beobachtet die Fernsehkamera einen der Ferrari-Manager dabei, wie er Tränen trocknet. Als sich der Champion auf Englisch und Deutsch bei Fans und Familie für die jahrelange Treue bedankt, haben zwei Drittel der Gäste Schumachers Bar schon verlassen. Die Fernsehkommentatoren kommentieren, die Kellner räumen auf, in Italien spritzt jetzt der Rennfahrer Champagner ins Publikum.

Nicht einmal eine Stunde, nachdem Michael Schumacher sein Karriereende angekündigt hat, sitzen nur noch fünf Menschen in der american sportsbar. Ein Kellner besprüht mit blauem Fensterreinigungsmittel die Tische. Maxence, der kanadische Journalistenkollege, checkt per Handy in Kanada die offizielle Aussprache Schumachers in seinem Sendegebiet: "C'est Schumach-heure ou Schmach-air?" (Schumach-Stunde oder Schumach-Luft? Letzeres.)
Und während die kleine Anka an der Hand ihres Vaters Erich fröhlich die Treppe in Richtung Erdgeschoss hinunterhopst, drehen unten auf den Kart-Bahnen die Touristen weiter ihre Runden.

Samstag, 5. August 2006

Kracher, Böller, Salven

Gestern Abend wurde mein Haus befeuert, nein: vor dem Haus meiner Stadtschreiberwohnung wurde gefeiert. Die Stadtschreiberwohung liegt idyllisch am Ufer des Landwehrkanals, dort hinaus geht auch der Austritt, der immerhin so groß ist, dass man ihn auch zu zweit betreten kann und sogar mit einem kleinen Tischchen bestückt, so dass der Austritt im Vertrag mit dem Vermieter als "Balkon" erwähnt wird. Auf dem Tischchen wohnt derzeit eine Palme. Die Palme erholt sich hier vom langen Berliner Winter. Die Spitzen der Palme sind ungeheuer piksig, deshalb kann seither kann der Austritt nur noch im langen Mantel betreten werden, was an den heißen Tagen etwas mühsam war.

Aber ich schweife ab. Gestern wurde vor dem Haus auf der anderen Uferseite nicht nur gefeiert, sondern es wurden viele Böller, Kracher und Salven in die Luft gejagt. Es klang so, als hatte jemand sein restliches WM-Pulver zu verschießen. Die Sache ging bis in die Nacht und ließ mich schlecht schlafen.

Im Halbschlaf wurden die Wellen, die der Seegang der Touristenboote an die Ufermauer wirft, immer lauter, das Wasserfläche wurde immer größer. Und die Palme auf dem Austritt wuchs und wuchs. Ich träumte von Menschen auf der anderen Seite des Mittelmeeres, die im Keller sitzen, während Salven und Bomben über ihre Köpfe fliegen. Ich träumte von Regisseur Amos Gitai aus Haifa, den ich vor Jahren mal auf der Berlinale gedolmetscht habe. Und als ich heute morgen die BERLINER ZEITUNG aufgeschlagen habe, las ich folgende Zeilen:

Warten auf die Sirenen

Der Nahe Osten erlebt jetzt seine Stunde der Wahrheit / Von Amos Gitai

Auf merkwürdige Weise setzt der Krieg für das Heranwachsen Punkt und Komma. Ich wurde 1950 in Haifa geboren, zwei Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg. In die Grundschule kam ich 1956: da herrschten die Suezkrise und der dritte arabisch-israelische Krieg. Man kann jede unserer Biografien aus der Perspektive der außenpolitischen Ereignisse im Nahen Osten beschreiben. Deshalb habe ich den Eindruck, dass sie in die intimsten Sphären jedes einzelnen eindringen.

Im Jahr nach dem Jom-Kippur-Krieg wollte ich mich nicht erinnern. Zu viele Albträume. [Gitai war 1973 in einem Rettungshubschrauber abgeschossen worden, d.R.] Ich gab das Architekturstudium auf. Ich suchte mir andere Mittel, um mit der Wirklichkeit des Nahen Ostens ins Gespräch zu kommen. Ich dachte, das Kino könne es mir leichter machen, meine Einfälle und Überlegungen auszudrücken.

In den 80er-Jahren begann ich die Trilogie, die ich gerade mit dem Film "News from Home/ News from House" beendet habe. Diese Trilogie behandelt die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern, die sich im Mikrokosmos der Bewohner eines Hauses in Jerusalem spiegeln. Seinerzeit war Scharon Verteidigungsminister, es war die Zeit des Libanon-Kriegs, und es wäre mir damals nicht in den Sinn gekommen, dass Israel vor allem ein Kriegsfilm fehlen würde. Ich musste bis in die 90er-Jahre warten - darauf, dass der Frieden langsam ein Gesprächsthema wurde. Bis mir klar wurde, dass man den Krieg auf dialektische Weise zeigen muss. Genau zu dem Zeitpunkt habe ich den Film "Kippur" gedreht.

Zu viele Kriegsfilme zeigen distanzierte, ästhetisierte Bilder. Dabei ist der Krieg per definitionem Unordnung und Bruch. In einer Situation wie der des Jom-Kippur-Kriegs ist die gesamte Gesellschaft mobilisiert. Ich wollte diese chaotische Seite, das Verschmelzen und die Verwirrung der ersten Tage am Beispiel von Staus einfangen, in denen sowohl Zivilfahrzeuge als auch Militärlastwagen oder Lieferwagen mit Eiskrem stehen.

Der Nahe Osten erlebt jetzt seine Stunde der Wahrheit. Ich glaube, wir werden gezwungen uns zu entscheiden, ob wir uns eine Form der Koexistenz vorstellen können oder nicht. Ich hoffe, dass diese Debatte friedlich geführt werden wird und nicht kriegerisch. Wir müssen andere Wege finden, miteinander zu sprechen oder geteilter Meinung zu sein, aber keinesfalls auf so mörderische Art und Weise wie jetzt.

In diesen Tagen in meiner Geburtsstadt Haifa zu sein, den Bombenalarm und die Einschläge der Granaten zu hören, ist eine alles andere als intellektuelle Erfahrung. Es bedeutet ganz im Gegenteil physisch zu erfahren, wie sehr das Dasein eines Bewohners des Nahen Ostens doch Teil eines großen regionalen Rituals ist, das darin besteht, in regelmäßigen Abständen das Blut seines Volkes zu vergießen. Die einzige Frage, die sich aufdrängt, lautet: Warum? Wie viele Opfer, wie viel Zerstörung werden hier noch nötig sein, bis man versteht, dass dieser Totentanz keinen Sinn macht?

Der Konflikt zeigt wenigstens eines: dass der Nahe Osten sich in der letzten Zeit auf dem Weg der Beruhigung und der Versöhnung befand. Tragisch ist, dass die Extremisten jedes Mal ebenso regelmäßig wie vorhersehbar zuschlagen, wenn es in Sachen Frieden vorangeht - sie machen mit Gewalt alles wieder rückgängig. Man muss nur einige Jahre zurückdenken, um sich dessen bewusst zu werden: Genau in dem Moment, als Itzhak Rabin den Tsahal den Befehl gegeben hatte, sich aus Jenin und Nablus zurückzuziehen, begannen die Attentate auf Busse in Tel Aviv. Die Terroristen interpretieren jeden Fortschritt in Richtung Frieden als Zeichen der Schwäche - und als Gelegenheit, die eigene Macht zu demonstrieren, indem sie Israel treffen. So reiben sie das Lager der moderaten Israelis auf. Momentan haben weder Israelis noch Palästinenser Zeit, sich der täglichen, menschlichen Dinge anzunehmen, die hier wie überall in der Welt geregelt sein wollen, Probleme der Rente oder des Mindestlohns. Der Konflikt verhindert absolut jede soziale Entwicklung.

Hüten muss man sich vor dem Vermischen des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern einerseits und den Zusammenstößen zwischen Israel und den arabischen Ländern andererseits. Das Erste ist der Hauptkonflikt, weil die Erde beiden Völkern gehört und weil wir einen Weg fürs Zusammenleben finden müssen. Für uns linke Israelis ist der Krieg, den wir gerade erleben, politisch besonders komplex. Seit Jahren versuchen wir mit Artikeln, Büchern oder Filmen zu beweisen, dass der Konflikt durch den Rückzug aus den besetzten Territorien gelöst werden könnte. Nun hat sich Israel aus dem Gazastreifen und Libanon zurückgezogen, und genau hier haben jetzt die Hisbollah zugeschlagen. In dem Teil der Golan-Höhen, die noch immer besetzt sind, ist es hingegen ruhig. Wir wissen, was die israelische Rechte sagen wird: Rückzug war nicht die Lösung. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass Israel sich nicht nur weiter zurückziehen sollte, sondern dass die friedliche Koexistenz mehr ist als ferne Hoffnung: Sie wird sich ergeben. Aber bis dahin gibt es für den Kampf gegen die Hisbollah keine politisch korrekte Lösung. Kann man wirklich durch Diplomatie und Moderation eine ungebändigte religiöse Organisation befrieden, die sich so perfekt auf eine irrationale Ideologie stützt?

Der Konflikt im Nahen Osten ist deshalb besonders, weil er vollständig gefilmt wird. Es ist der Konflikt, der am meisten in den Medien vorkommt - die Lieblingsfernsehserie der Welt. Eine endlose Serie, bei denen die Guten und die Bösen regelmäßig die Rollen tauschen. In diesem Zusammenhang Kino zu machen ist eine schwierige Herausforderung: Man muss sich ständig für eine Perspektive entscheiden, trotz Sturm rational bleiben, trotz der ganz individuellen Sorgen.

Gleichzeitig Filmemacher und Bürger zu sein hat etwas Schizophrenes, aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das Kino nicht die Rolle der Abendnachrichten übernehmen soll, sondern dass es die Aufgabe hat, die Vereinfachungsmechanismen der Medien außer Kraft zu setzen. Am Ende soll Kino nicht Hass schüren, sondern die gegenseitige Verständigung nähren.

Amos Gitai ist der renommierteste israelische Filmregisseur. In seinen Arbeiten hat er sich immer wieder mit den Gründungsmythen des israelischen Staates befasst. Sein Kunst-/Film-Projekt "News From Home" kommt am 7. September in die deutschen Kinos.

Ein Jahr Neukölln oder: Wie ich zur Stadtschreiberin wurde

Das ist also der Blog der Neuköllner Stadtschreiberin. Auf modernem Deutsch steht der Begriff für eine Auszeichnung und eine besondere Ehre. In der Regel mit einer Geldsumme dotiert, darf der/die jeweilige Stadtschreiber/in, der von einer Jury ausgewählt wird, ein Jahr im Stadtschreiberhaus (oder bescheidener: in der Stadtschreiberwohnung) residieren und arbeiten. Es wird mehr erhofft als erwartet, dass er/sie diese Erfahrung in die jeweilige Arbeit einfließen lässt.

Heute, am 5.8., bin ich als Stadtschreiberin in meiner Neuköllner Wohnung aufgewacht. Ich erhalte weder Preisgeld noch mietfreies Wohnen, es wird aber gern gesehen, wenn ich meinen Blick auf die Kommune, deren Stadtschreiberin ich bin, nicht nur werfe, sondern Eindrücke und Einblicke in Texte einfließen lasse.

Vielen Dank für Ihr Vertrauen - ich nehme die Aufgabe an und werde versuchen, den hohen Erwartungen zu genügen. Zum geeigneten Zeitpunkt, vielleicht so nach einem Jahr, werde ich mir eine/n Nachfolger/in suchen.

Caroline E.