Vor 21 Jahren war ich Studentin - und blutjunge Anfängerin in den Medien. Ich hatte ein Jahr zuvor mein Praktikum beim SFB absolviert, wo ich für die aktuelle Redaktion eingeteilt war, aber mindestens die halbe Zeit ein Stockwerk darunter, in der Feature- und Hörfunkredaktion, verbracht hatte. Im Jahr des Mauerfalls schickte ich dann zunächst Rundfunkbeiträge aus meiner Studienstadt Paris. Und im Herbst fuhr ich dann wieder nach Berlin - zu den Hörspieltagen. Wir saßen tagelang im Literaturhaus in der Fasanenstraße, hörten, diskutierten, stritten. Soweit war alles wie im Vorjahr, nur, dass dieses Mal plötzlich auch die Kollegen vom Rundfunk der DDR dabei waren. Danach aßen wir alle miteinander.
Später am Abend stieg ich mit einer Kollegin ins Auto, wir fuhren gemeinsam nach Kreuzberg, wo ich bei einem Maler untergekommen war. Die Kollegin machte das Radio an - es folgten Beschreibungen von Grenzern, es ging um Passierscheine von Ost nach West und Grenzübergangsstellen. Unsaubere Atmo, schlecht gepegelt, der Text war unglaubwürdig, wir machten dieses Hörspiel aus, hatten genug von Feature, Hörspiel und Co.
Dann schlug ich bei dem Maler auf. Die Wohnung war leer, nur ein Zettel lag auf dem Küchentisch: "Sind am Grenzübergang Heinrich Heine-Straße. Die Mauer ist auf!"
Wie ich dorthin kam, ob der Maler nochmal zurückkam und was dann geschah, ich weiß es nicht mehr. Filmriss. Ich weiß nur noch, wie ich an der Grenze stehe und weine und lache zugleich. Meine erste große Liebe hatte hinter der Grenze gelebt, als Ost-/West-Kind zähle ich zu den wenigen meiner Generation, die regelmäßig "drüben" waren. Für mich war Deutschland immer eins mit zwei Teilen.
Später war ich noch am Brandenburger Tor, am Tag danach ohne Mindestumtausch bei meiner Cousine Bettina in der Linienstraße. Die waren aber auch grad unterwegs ...
Berlin war euphorisch in diesen Tagen, unglaublich, peinlich, phantastisch und phantasielos zugleich, doch, ja: Wenn so vielen Menschen nach so vielen Jahren der Trennung nur "Wahnsinn!" einfällt, ist das phantasielos! Und die Tatsachen sprengten ja auch zugleich die Grenzen alles bis dato Vorstellbaren. Und ich, die ich meine Pappenheimer hüben und drüben kannte, war euphorisch und hatte zugleich düstere Vorahnung über düstere Vorahnung, kurz: ich fühlte mich plötzlich schrecklich alt.
Es würde lange dauern, bis die verlorene Zeit aufgeholt sein würde, das war mir klar. Die Menschen hatten sehr unterschiedliche Sozialisationen erfahren: im Westen war die größtmögliche Selbstentfaltung möglich - aus östlicher Perspektive die ewige Selbstdarstellerei -, im Osten zählten eher die inneren Werte - aus westlicher Perspektive das ewig Verhuschte ... um nur dieses eine Beispiel zu nennen.
In der Phase des Zusammenwechsens befinden wir uns noch immer. Ohne diese Nacht würde ich heute nicht in Berlin leben, und unter dem Strich überwiegt eindeutig das Positive. Aber mit mehr Bildung, Achtsamkeit, Kultur und Gerechtigkeit wären viele Schäden an Menschen, Seelen und Gütern zu vermeiden gewesen. Ich nenne da nur durch die Wende zerstörte Altstädte oder Altstadtteile durch die gedankenlose Übernahme westdeutscher Baugesetze.
Und so stand ich da mit meinem Wissen in der bewussten Nacht, ein Grünschnabel, der sich im Eiltempo gereift fühlte und sehr einsam inmitten der Menschenmassen. Die Deutschen in Ost und West waren sich fremd geworden in den Jahren der Trennung, und sie hätten Kulturdolmetscher gebraucht, Vermittler oder einfach nur viel, viel Zeit, einander unaufgeregt die jeweilige Geschichte mit den jeweiligen Begriffen zu erzählen. Denn die gemeinsame deutsche Sprache hatte sich auch verändert, zum Teil die Worte, aber vor allem die Art des Argumentierens, die Hierarchien in der Mitteilung, die Fähigkeiten, Zwischentöne zu hören. Die gemeinsame deutsche Sprache, die gemeinsame Geschichte trennte die Deutschen in Ost und West.
In jener Nacht fielen mir als Historikertochter sehr bald auch die anderen neunten November ein und ich wusste, dass Deutschland ein Problem haben würde mit diesem historischen Ereignis. In logischer Folge reihen sich die Termine aneinander, 1918, 23, 38 und 89 - und da den Deutschen das Jubeln doch meist misslingt, hätte ich es angemessen gefunden, den 9.11. zum deutschen Gedenktag zu machen.
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Foto von September 1989,
an der Dresdener Straße (?)
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Dienstag, 9. November 2010
Sonntag, 3. August 2008
Eine Absage der etwas anderen ABM vom Arbeitsamt
Jede Woche mindestens zwei: unaufgeforderte Bewerbungen. Seit Jahren schreiben und entwickeln wir Filme, haben auch ein paar produziert, derzeit steht aber das Entwickeln und Forschen im Vordergrund. Aber wer einmal in den Adressbüchern steht, braucht eine Musterabsage wie diese hier:
Sehr geehrter Herr Sonundso,
Sie bewarben sich unaufgefordert bei unserer Filmproduktionsgesellschaft. Wir sind eine auf Dokumentarfilm spezialisierte Firma, wie Sie nach ein wenig Recherche leicht hätten bemerken können. Bei der Herstellung von Dokumentarfilm wird nur sehr selten ein Außenrequisiteur (wahlweise: Schauspieler, Produktionsfahrer, Kostümbildner) benötigt. Weitere Recherche hätte Sie darüber in Kenntnis gesetzt, dass wir derzeit unsere Energien auf Stoffentwicklung konzentrieren und in letzter Zeit keinerlei öffentliche Fördergelder erhalten haben, ohne die in Deutschland kaum noch Filme hergestellt werden können, was auch für Fernsehproduktionen einer gewissen Größenodrnung gilt.
Ich weiß nicht, ob es mangelnde Phantasie, Branchenkenntnis oder aber der Druck des Arbeitsamtes ist, aber Ihre Bewerbung kommt mir so vor, als würde sich hier ein Werkzeugschlosser in einer Schreinerei bewerben. Sollte das Arbeitsamt Sie zu einer Mindestzahl an Bewerbungen je Monat nötigen (und damit zu Mehrausgaben, von denen ich gar nicht weiß, wer diese trägt), so dürfen Sie gerne diese Mail hier Ihrem Arbeitsamtsmitarbeiter vorlegen. Die Anzahl der in Berlin tätigen Produktionsfirmen ist recht groß, von ihnen ist eine gewisse Anzahl auch im Spielfilm aktiv, die regelmäßig Aktiven dürfte deutschlandweit die Zahl von 80-100 nicht überschreiten. Insofern ist ein Zuschütten der kleinen Firmen mit Bewerbungen nicht nur volkwirtschaftlicher Unsinn, sondern auch höchst kontraproduktiv. Heute bindet es am Sonntagnachmittag zum Beispiel meine Energie, die ich für die Aufrechterhaltung meiner Arbeitskraft dringend brauche!
Ihre Unterlagen bewahren wir bis einschließlich 8.8.08 hier auf, danach werden Sie entsorgt.
Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und auch Glück!
Mit freundlichen Grüßen,
- Unterschrift -
Zweiter Akt, Antwortschreiben auf Ihre Antwort vom 06.08.2008
Sehr geehrter Herr D.,
weil Sie uns darauf ansprechen: Die Produktion über die Ackerstraße wurde 2002 gedreht, 2003 bis 2005 auf Festivals gezeigt und hat dort Preise gewonnen. Sich 2008 mit Verweis “auf ihr aktuelles Projekt Ackerstraße” zu beweben kommt nicht gut.
Mein Tipp: Lesen Sie die Fachpresse! Dann wissen Sie, wer was vorbereitet. In den Produktionsnachrichten stehen sogar die Fördersummen, dann können Sie erahnen, da Sie ja Filmwirtschaftler sind, ob es zu Reenactment kommen könnte oder nicht.
Weiterer Tipp: Lernen Sie, was die formale Gestaltung eines Briefes ausmacht. In Mails gelten ausschließlich in Großbuchstaben gehaltene Worte als Schreien, die meisten von uns lesen fast nur noch Mails, übertragen zurück auf den geschriebenen Brief. Außerdem Formalien: Hinter Satzzeichen erfolgt ein Punkt, vor und nach Gedankenstrichen auch, was, wie das Wort verrät, nicht bei Bindestrichen gilt. Verzeihen Sie mir diese Korinthenkackerei, aber da Filmmitarbeiter bei sehr kleinen Produktionen mehrere Aufgaben übertragen bekommen, es also durchaus denkbar ist, dass jemand, der den Set gestaltet und fotografiert auch in der Aufnahmeleitung mitarbeitet, also mit Behörden korrespondieren muss für Drehgenehmigungen etc., schließen Sie sich durch Unkenntnis in diesem Bereich selbst aus.
Das war mein letztes Wort. Wir drehen derzeit nicht, stecken in Projektentwicklung – sicher noch für einige Zeit.
Mit freundlichen Grüßen,
- Unterschrift -
_________________________________________
Ich glaube, der Herr bekam vom Arbeitsamt Kurse in Englisch, Computer und Marketing bezahlt, das ging aus der Bewerbung hervor. Briefeschreiben und Bewerbungstraining wären hier angebracht gewesen. Es handelt sich um einen ausgebildeten, studierten Herrn in den Fünfzigern.
Sehr geehrter Herr Sonundso,
Sie bewarben sich unaufgefordert bei unserer Filmproduktionsgesellschaft. Wir sind eine auf Dokumentarfilm spezialisierte Firma, wie Sie nach ein wenig Recherche leicht hätten bemerken können. Bei der Herstellung von Dokumentarfilm wird nur sehr selten ein Außenrequisiteur (wahlweise: Schauspieler, Produktionsfahrer, Kostümbildner) benötigt. Weitere Recherche hätte Sie darüber in Kenntnis gesetzt, dass wir derzeit unsere Energien auf Stoffentwicklung konzentrieren und in letzter Zeit keinerlei öffentliche Fördergelder erhalten haben, ohne die in Deutschland kaum noch Filme hergestellt werden können, was auch für Fernsehproduktionen einer gewissen Größenodrnung gilt.
Ich weiß nicht, ob es mangelnde Phantasie, Branchenkenntnis oder aber der Druck des Arbeitsamtes ist, aber Ihre Bewerbung kommt mir so vor, als würde sich hier ein Werkzeugschlosser in einer Schreinerei bewerben. Sollte das Arbeitsamt Sie zu einer Mindestzahl an Bewerbungen je Monat nötigen (und damit zu Mehrausgaben, von denen ich gar nicht weiß, wer diese trägt), so dürfen Sie gerne diese Mail hier Ihrem Arbeitsamtsmitarbeiter vorlegen. Die Anzahl der in Berlin tätigen Produktionsfirmen ist recht groß, von ihnen ist eine gewisse Anzahl auch im Spielfilm aktiv, die regelmäßig Aktiven dürfte deutschlandweit die Zahl von 80-100 nicht überschreiten. Insofern ist ein Zuschütten der kleinen Firmen mit Bewerbungen nicht nur volkwirtschaftlicher Unsinn, sondern auch höchst kontraproduktiv. Heute bindet es am Sonntagnachmittag zum Beispiel meine Energie, die ich für die Aufrechterhaltung meiner Arbeitskraft dringend brauche!
Ihre Unterlagen bewahren wir bis einschließlich 8.8.08 hier auf, danach werden Sie entsorgt.
Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und auch Glück!
Mit freundlichen Grüßen,
- Unterschrift -
Zweiter Akt, Antwortschreiben auf Ihre Antwort vom 06.08.2008
Sehr geehrter Herr D.,
weil Sie uns darauf ansprechen: Die Produktion über die Ackerstraße wurde 2002 gedreht, 2003 bis 2005 auf Festivals gezeigt und hat dort Preise gewonnen. Sich 2008 mit Verweis “auf ihr aktuelles Projekt Ackerstraße” zu beweben kommt nicht gut.
Mein Tipp: Lesen Sie die Fachpresse! Dann wissen Sie, wer was vorbereitet. In den Produktionsnachrichten stehen sogar die Fördersummen, dann können Sie erahnen, da Sie ja Filmwirtschaftler sind, ob es zu Reenactment kommen könnte oder nicht.
Weiterer Tipp: Lernen Sie, was die formale Gestaltung eines Briefes ausmacht. In Mails gelten ausschließlich in Großbuchstaben gehaltene Worte als Schreien, die meisten von uns lesen fast nur noch Mails, übertragen zurück auf den geschriebenen Brief. Außerdem Formalien: Hinter Satzzeichen erfolgt ein Punkt, vor und nach Gedankenstrichen auch, was, wie das Wort verrät, nicht bei Bindestrichen gilt. Verzeihen Sie mir diese Korinthenkackerei, aber da Filmmitarbeiter bei sehr kleinen Produktionen mehrere Aufgaben übertragen bekommen, es also durchaus denkbar ist, dass jemand, der den Set gestaltet und fotografiert auch in der Aufnahmeleitung mitarbeitet, also mit Behörden korrespondieren muss für Drehgenehmigungen etc., schließen Sie sich durch Unkenntnis in diesem Bereich selbst aus.
Das war mein letztes Wort. Wir drehen derzeit nicht, stecken in Projektentwicklung – sicher noch für einige Zeit.
Mit freundlichen Grüßen,
- Unterschrift -
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Ich glaube, der Herr bekam vom Arbeitsamt Kurse in Englisch, Computer und Marketing bezahlt, das ging aus der Bewerbung hervor. Briefeschreiben und Bewerbungstraining wären hier angebracht gewesen. Es handelt sich um einen ausgebildeten, studierten Herrn in den Fünfzigern.
Samstag, 26. Mai 2007
NK-/Xberg-Parlando zum Thema Essen
Die sommerliche Stadtlandschaft von Nord-Neukölln hat sich, verglichen mit den letzten Jahren, stark verändert. Zumindest direkt an der Grenze zu Kreuzberg. Cafés und Restaurants stellen Tische und Stühle vor die Tür, auch an die Uferseite, auf den Bürgersteig, für den Wasserblick. Es sind wesentlich mehr Spaziergänger unterwegs, junge Leute, aber auch Touristen. Der Landwehrkanal ist nicht mehr die trennende Grenze. Auf der Ohlauer Brücke steht wieder Carsten, der Schauspieler, mit seinem Eiswagen, ab und zu besucht von seiner Frau und der inzwischen 5-monatigen Tochter.
Auf dem Landwehrkanal sind wie jeden Sommer die Sight-seeing-Schiffe unterwegs, aber sie fahren derzeit meistens nur in eine Richtung. Der Bootssteg an der Kottbusser Brücke ist Mitte April teilweise ins Wasser gebröckelt - und nun wird nicht nur hier saniert, an der ganzen Uferkante könne es jederzeit losbrechen, so das Ergebnis einer Untersuchung. Einst, als die Stadt sich an der Stelle der Stadtbefestigungen und der Schlachtfelder einen Bahnring und einen Kanal baute, um die Versorgung der Stadt auch mit Baumaterial zu erleichtern, war an solchem gespart worden. Aufwändige Bauarbeiten zur Befestigung des Kanals stehen bevor, die bis zu 200 Bäume kosten wird.
Sonst weiß ich nichts Neues aus NK, wie Neukölln immer häufiger genannt wird, oder aber "Kreuzkölln" wegen der von 'drüben' langsam in den unseren Bezirk diffundierenden Bevölkerung. Nur Kreuz(X)berg ist weiterhin in den Schlagzeilen. Nein, kein erster Mai mit seinen "Deeskalationswürstchen" für zwei Euro, auch keine "Kübel" auf Edelrestaurants wie in den 80er Jahren. McDonald eröffnet hier eine Filiale. Der Schnellbräter, der am Kreml und in der verbotenen Stadt in Beijing vertreten ist (für Peking verbürge ich mich höchstpersönlich), McDo also hatte in Xberg bislang noch keine Niederlassung.
Das ist nun anders und die Kommentatoren der Gazetten überschlagen sich. Es ist nicht das ungesunde Essen allein, das aufregt, derlei "können" auch viele Schnellimbissbuden. Die Lebensmittelindustrie mit ihren Abholzungen in Schwellenländern, die Sojaplantagen, die Massenaufzucht von Schlachtvieh, die Arbeitsbedingungen in den Restaurants werden hier wieder diskutiert. Das ist neu, Kreuzberg mit seiner Alternativkultur hatte das Thema längst ad acta gelegt. In der Kantine der Regenbogenfabrik, eines der alternativen Projekte, das vor ziemlich genau 25 Jahren mit einer Hausbesetzung begann, sieht man die Sache weiterhin gelassen: 'Außer Touris und ein paar verzweifelten Kids aus veganen WGs, die sich dort aus Protest treffen werden', bliebe der Ort sicher leer.
Eigentlich habe ich bislang nur übers Essen geschrieben. Und bin geneigt, dem einen Schlenker hinzuzufügen. Und von Gesprächen zu berichten, die vorhin auf einer Parkbank am Landwehrkanal geführt wurden. Daran beteiligt: Drei Akademiker von um die Mitte Dreißig/Anfang vierzig. Sie sitzen hier bei Carstens wunderbarem Eis, weil die Caféterrasse am Ufer für sie zu teuer ist. Sie leben von Lektoraten, gelegentlichen Jobs im gelernten Beruf, Re-writing - und hoffen auf eine Perspektive an der Uni. Deshalb verdingen sie sich dort als akademische Tagelöhner, unterrichten zum Teil seit 10 Jahren und bei ewig unklaren Perspektiven. Nun erwägen sie, mit anderen zusammen zu streiken. Aufhänger ist die Mindestlohndebatte. Was wollen sie? Nichts als den Mindestlohn - 7 Euro 50 für jede effektiv gearbeitete Stunde.
Lehrbeauftragte an deutschen Hochschulen erhalten (im geisteswissenschaftlichen Bereich) das gleiche Geld wie vor 40 Jahren: Um die 40 Mark. Ca. 20 Euro für die gehaltene Einzelstunde, der oft sechs, acht Stunden Vor- und Nachbereitung gegenüberstehen. Wer dann noch Bücher selbst kauft, weil die Berliner Bibliotheken "sparen" müssen und auch sein Fahrgeld selbst zahlen muss, steht am Ende mit einem Euro je Arbeitsstunde da. Ein Streik wäre da kein enormer Verlust. Nur für die Unis: an Berliner Hochschulen kommen inzwischen 30 Prozent der Angebote von freien Mitarbeitern.
Erst kommt das Fressen, dann die Moral - mir geht's genauso. Einen Tag die Woche zahlt der Staat mir genau das, was mich "mein Schreibtisch" an genau diesem Tag kostet, also die Miete für mein Arbeitszimmer, das Telefon, die Abschreibung des Rechners, die Druckertinte. Mehr nicht. Die anderen Lehrbeauftragten, sie wohnen in ein- bis anderthalb Zimmerwohnungen in billigen Kreuzberger und Neuköllner Wohnungen, fahren zu Monatsende auch mal Taxi oder geben Zehlendorfer Gören Musikunterricht. Oder Leuten vom Potsdamer Platz Privatunterricht in Wirtschaftschinesisch - für 60 Euro die Stunde.
Die Einführung des Mindestlohns führte bei den Lehrbeauftragten, rechnet man für jede gehaltene Einzelstunde einen ganzen Arbeitstag, zu einem Honorar von 1.440 Euro (im kürzeren Sommersemester); derzeit gezahlt werden für zwei Semesterwochenstunden und 12 Wochen um die 500 Euro. (Im längeren Wintersemester wären es 1.920 statt 680 Euro.)
Und hier sind wir nur beim sozialen Mindestlohn, den auch Ungelernte beanspruchen, noch nicht bei Entlohnungen, die Studium und Berufserfahrung berücksichtigen.
Wundert sich in Deutschland noch einer über PISA? Bon appétit !
Auf dem Landwehrkanal sind wie jeden Sommer die Sight-seeing-Schiffe unterwegs, aber sie fahren derzeit meistens nur in eine Richtung. Der Bootssteg an der Kottbusser Brücke ist Mitte April teilweise ins Wasser gebröckelt - und nun wird nicht nur hier saniert, an der ganzen Uferkante könne es jederzeit losbrechen, so das Ergebnis einer Untersuchung. Einst, als die Stadt sich an der Stelle der Stadtbefestigungen und der Schlachtfelder einen Bahnring und einen Kanal baute, um die Versorgung der Stadt auch mit Baumaterial zu erleichtern, war an solchem gespart worden. Aufwändige Bauarbeiten zur Befestigung des Kanals stehen bevor, die bis zu 200 Bäume kosten wird.
Sonst weiß ich nichts Neues aus NK, wie Neukölln immer häufiger genannt wird, oder aber "Kreuzkölln" wegen der von 'drüben' langsam in den unseren Bezirk diffundierenden Bevölkerung. Nur Kreuz(X)berg ist weiterhin in den Schlagzeilen. Nein, kein erster Mai mit seinen "Deeskalationswürstchen" für zwei Euro, auch keine "Kübel" auf Edelrestaurants wie in den 80er Jahren. McDonald eröffnet hier eine Filiale. Der Schnellbräter, der am Kreml und in der verbotenen Stadt in Beijing vertreten ist (für Peking verbürge ich mich höchstpersönlich), McDo also hatte in Xberg bislang noch keine Niederlassung.
Das ist nun anders und die Kommentatoren der Gazetten überschlagen sich. Es ist nicht das ungesunde Essen allein, das aufregt, derlei "können" auch viele Schnellimbissbuden. Die Lebensmittelindustrie mit ihren Abholzungen in Schwellenländern, die Sojaplantagen, die Massenaufzucht von Schlachtvieh, die Arbeitsbedingungen in den Restaurants werden hier wieder diskutiert. Das ist neu, Kreuzberg mit seiner Alternativkultur hatte das Thema längst ad acta gelegt. In der Kantine der Regenbogenfabrik, eines der alternativen Projekte, das vor ziemlich genau 25 Jahren mit einer Hausbesetzung begann, sieht man die Sache weiterhin gelassen: 'Außer Touris und ein paar verzweifelten Kids aus veganen WGs, die sich dort aus Protest treffen werden', bliebe der Ort sicher leer.
Eigentlich habe ich bislang nur übers Essen geschrieben. Und bin geneigt, dem einen Schlenker hinzuzufügen. Und von Gesprächen zu berichten, die vorhin auf einer Parkbank am Landwehrkanal geführt wurden. Daran beteiligt: Drei Akademiker von um die Mitte Dreißig/Anfang vierzig. Sie sitzen hier bei Carstens wunderbarem Eis, weil die Caféterrasse am Ufer für sie zu teuer ist. Sie leben von Lektoraten, gelegentlichen Jobs im gelernten Beruf, Re-writing - und hoffen auf eine Perspektive an der Uni. Deshalb verdingen sie sich dort als akademische Tagelöhner, unterrichten zum Teil seit 10 Jahren und bei ewig unklaren Perspektiven. Nun erwägen sie, mit anderen zusammen zu streiken. Aufhänger ist die Mindestlohndebatte. Was wollen sie? Nichts als den Mindestlohn - 7 Euro 50 für jede effektiv gearbeitete Stunde.
Lehrbeauftragte an deutschen Hochschulen erhalten (im geisteswissenschaftlichen Bereich) das gleiche Geld wie vor 40 Jahren: Um die 40 Mark. Ca. 20 Euro für die gehaltene Einzelstunde, der oft sechs, acht Stunden Vor- und Nachbereitung gegenüberstehen. Wer dann noch Bücher selbst kauft, weil die Berliner Bibliotheken "sparen" müssen und auch sein Fahrgeld selbst zahlen muss, steht am Ende mit einem Euro je Arbeitsstunde da. Ein Streik wäre da kein enormer Verlust. Nur für die Unis: an Berliner Hochschulen kommen inzwischen 30 Prozent der Angebote von freien Mitarbeitern.
Erst kommt das Fressen, dann die Moral - mir geht's genauso. Einen Tag die Woche zahlt der Staat mir genau das, was mich "mein Schreibtisch" an genau diesem Tag kostet, also die Miete für mein Arbeitszimmer, das Telefon, die Abschreibung des Rechners, die Druckertinte. Mehr nicht. Die anderen Lehrbeauftragten, sie wohnen in ein- bis anderthalb Zimmerwohnungen in billigen Kreuzberger und Neuköllner Wohnungen, fahren zu Monatsende auch mal Taxi oder geben Zehlendorfer Gören Musikunterricht. Oder Leuten vom Potsdamer Platz Privatunterricht in Wirtschaftschinesisch - für 60 Euro die Stunde.
Die Einführung des Mindestlohns führte bei den Lehrbeauftragten, rechnet man für jede gehaltene Einzelstunde einen ganzen Arbeitstag, zu einem Honorar von 1.440 Euro (im kürzeren Sommersemester); derzeit gezahlt werden für zwei Semesterwochenstunden und 12 Wochen um die 500 Euro. (Im längeren Wintersemester wären es 1.920 statt 680 Euro.)
Und hier sind wir nur beim sozialen Mindestlohn, den auch Ungelernte beanspruchen, noch nicht bei Entlohnungen, die Studium und Berufserfahrung berücksichtigen.
Wundert sich in Deutschland noch einer über PISA? Bon appétit !
Montag, 15. Januar 2007
sie fragen sich, ob sie wollen sollten, wenn sie dürfen würden
Die Bedenkenträger im Berliner Senat zweifeln, ob Wolf Biermann gut genug sei für eine Ehrenbürgerwürde der Stadt. Eine würdelose Debatte. Unser Ehrengedenken muss besonders nach den Braunen Jahren widersprüchlich sein dürfen.
Biermann ist der Inbegriff eines Intellektuellen. Er hat verletzt, bewegt, sich geirrt, war mimosenhaft, hatte Recht, war laut. Er ist unbestritten ein großer Sprachzauberer. Und einer der besten Köpfe, die wir haben, trotz seiner Stimme, über die gestritten werden kann.
Die Bedenkenträger fragen sich, ob sie wollen sollten, wenn sie dürfen würden.
Die Berliner sehen das entspannter, sie sind quer durch alle Parteien dafür, so die repräsentativen Umfragen. Politiker, macht doch mal wieder, was wir wollen!
Biermann ist der Inbegriff eines Intellektuellen. Er hat verletzt, bewegt, sich geirrt, war mimosenhaft, hatte Recht, war laut. Er ist unbestritten ein großer Sprachzauberer. Und einer der besten Köpfe, die wir haben, trotz seiner Stimme, über die gestritten werden kann.
Die Bedenkenträger fragen sich, ob sie wollen sollten, wenn sie dürfen würden.
Die Berliner sehen das entspannter, sie sind quer durch alle Parteien dafür, so die repräsentativen Umfragen. Politiker, macht doch mal wieder, was wir wollen!
Mittwoch, 6. Dezember 2006
Heute!
Mittwoch, 20.Uhr, Friedelstraße 54
Stadtsoziologe Andrej Holm spricht über "Ghettochic und linke Trendsetter: Gentrification in Neukölln?"
Stadtsoziologe Andrej Holm spricht über "Ghettochic und linke Trendsetter: Gentrification in Neukölln?"
Sonntag, 15. Oktober 2006
(Paris) Die Bannmeile brennt
Vor bald einem Jahr begannen in Paris die Revolten in den Vorstädten: Jeden Tag brachten die Nachrichten Bilder von brennenden Autos und Supermärkten, Berichte über Straßenschlachten und Tote. Die "Banlieue" (wörtlich übersetzt: "Bannmeile") wird wohnblocksweise fast ausnahmslos von Migranten bewohnt. Und ihre arbeitslosen, unterbezahlten, schlecht oder oft gar nicht ausgebildeten Jugendlichen und jungen Erwachsenen forderten den Staat zu einer Art Bürgerkrieg heraus.
Vor sechs Jahren habe ich für Arte in Mantes-la-Jolie gedreht, einem jener Vororte, in dem es vor 12 Monaten heiß herging. 2000 hatten wir dort drei junge Muslima portraitiert, die damals gerade ihr Abitur gemacht haben. Sie wollten studieren, und zwar gesellschaftlich relevante Fächer wie Wirtschaft und Jura.
Frühsommer 2005 schrieb ich Arte. Wir wollten mit der Kamera nachsehen gehen, was aus den jungen Damen und ihren Hoffnungen auf die Zukunft geworden ist. Mitte Oktober 2005 dann die Antwort: " ... leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir an Ihrem Angebot nicht interesiert sind. Für Arte sind die Pariser Vororte in der nächsten Zeit kein Programmschwerpunkt. Zum Thema "Migration" haben wir außerdem schon einige Filme für 2006 programmiert."
Wenige Tage später, am 27. Oktober 2005, brachen in den französischen Vorstädten die heftigsten Jugendkrawalle seit Jahrzehnten aus. Drei Wochen lang schauten die Medien auf die franösische Banilieue. Und heute?
Vor sechs Jahren habe ich für Arte in Mantes-la-Jolie gedreht, einem jener Vororte, in dem es vor 12 Monaten heiß herging. 2000 hatten wir dort drei junge Muslima portraitiert, die damals gerade ihr Abitur gemacht haben. Sie wollten studieren, und zwar gesellschaftlich relevante Fächer wie Wirtschaft und Jura.
Frühsommer 2005 schrieb ich Arte. Wir wollten mit der Kamera nachsehen gehen, was aus den jungen Damen und ihren Hoffnungen auf die Zukunft geworden ist. Mitte Oktober 2005 dann die Antwort: " ... leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir an Ihrem Angebot nicht interesiert sind. Für Arte sind die Pariser Vororte in der nächsten Zeit kein Programmschwerpunkt. Zum Thema "Migration" haben wir außerdem schon einige Filme für 2006 programmiert."
Wenige Tage später, am 27. Oktober 2005, brachen in den französischen Vorstädten die heftigsten Jugendkrawalle seit Jahrzehnten aus. Drei Wochen lang schauten die Medien auf die franösische Banilieue. Und heute?
Freitag, 13. Oktober 2006
Neue Berliner Ökonomie (Theorie)
Wie leben wir heute, wie wollen wir morgen leben? Ich komme viel rum und weiß: Alltag und Lebensgefühl sind an den verschiedenen Orten Europas zum Teil extrem unterschiedlich. Entsprechend ausdifferenziert auch die Wünsche: die einen wollen (endlich/wieder/für immer) mehr bekommen, die anderen nichts (oder nicht mehr) verlieren.
Das Land verbindet augenscheinlich eins: Angst vor der Zukunft. Da verwendet ein Ökonom in einem Zeitungskommentar den Begriff "Gefahrentarife" und summiert auf, welche Festkosten sich bei eventueller Entlassung durch (bald inkrafttretende) Gesetze ergeben. Wenn bei Einstellung neuer Kräfte die einzige Sorge zu sein scheint, wie man sie 'kostenneutral' wieder los wird, wenn also im Moment des Aufbruchs das mögliche Scheitern als Bild alles andere überstrahlt, stimmt was nicht im Staate Dänemark. (Was mir immer dann besonders auffällt, wenn ich im Ausland nur gutes Feed-back zu Deutschland bekomme, das weiterhin das Image eines starken Exportlands hat - was der mit gutem Wetter, guter Laune und gutem Fußball verbrachte Sommermonat weiterhin verbessert hat.)
Im Lande selbst wird viel gejammert. Berliner Eltern klagen über die Schulen und sehen dort schon Ein-Euro-Kräfte zur nachmittäglichen Beaufsichtigung einrücken (Furcht? Realität?), wo doch die Nachmittagsunterricht neue Lehrangebote und bessere Bildungschancen bringen sollte. Aber wenn der Staat qualifizierte Kräfte nicht angemessen zu honorieren vermag ... (siehe: "Frauen auf dem Spielplatz").
In Tübingen war letzte Woche das Hauptgespräch in der Schlange beim Biobäcker, dass "der Daimler" sein Kultursponsering abgeschafft hat und auch Fabrikarbeiter entlassen wird. In Stuttgart hörte ich in der Straßenbahn, wie eine Tochter ihren Eltern von einem neuen Arbeitsvertrag erzählte. Mir schien, die Altvorderen hörten gar nicht richtig zu: "Hauptsache, Du hast dann bald was Festes!", sagten diese. Und sie fingen an über den Osten zu hetzen, der uns alle so viel gekostet hätte, dass jetzt alles bergab ginge. "Die DDR hat uns mit der Krise angesteckt!"
So klar, so offen, habe ich das in "Westdeutschland" (wie eigentlich nur noch 'alte Westberliner' sagen) noch nicht gehört.
Zurück nach Neukölln. Hier ist die Krise schon weiter, berufserfahrene und studierte Köpfe denken über die Folgen nach. Wir sind im "Kieztreff" in der Nachbarschaft. Ein Ladengeschäft wurde mit einfachen Mitteln zu einem kleinen Restaurant umgebaut, das jetzt ein Verein (1) dank EU-Förderung betreibt. Hier wird werktäglich zum Selbstkostenpreis ein ausgewogenes Mittagessen angeboten, hier essen neben Rentnern und Arbeitslosen viele Studenten, Maler, Ein-Euro-Jobber, Betreiber kleiner Geschäfte, Handwerker, Übersetzer, freie Journalisten. Etliche von ihnen sind Teil der "Neuen Berliner Ökonomie", der Klein- und Kleinstbetriebe, der Parallelwirtschaft ohne Geld, des "Dritten Sektors" von Stiftungen, Sozialwerken und Vereinen.
Die Stimmung in der "Kantine", wie viele den Ort nennen, ist offen und freundlich, man kommt schnell über den Tisch hinweg ins Gespräch. Hier einige Stichpunkte eines etwas anderen 'deutschen Stammtischgesprächs'. Da sagt Andy (2) , Architekt und (nach eigener Pleite) jetzt Ich-AGler im Handwerksbereich: "Das ganze Problem ist der Zinseszins. Dadurch wachsen die Schulden auch ohne weitere Verschuldung weiter. Wir werden bald auch in der westlichen Welt ein Zinsmoratorium brauchen, wie es für manche Dritteweltländer schon gilt. Oder gleich einen Schuldenerlass, denn immer größere Kreise der Bevölkerung stecken in der Zinsfalle, aus der sie nicht mehr rauskommen. Und das Geld fließt in großen Mengen immer schneller an die Spitze." (In den nächsten Tagen wird Andy mir das detailliert vorrechnen, ich freu' mich drauf.)
Thomas arbeitet in einem Kiez- und Internetcafé, das auch ein Ergebnis des Quartiersmanagements ist: "Wir beobachten hier, wie eine geldlose Parallelwirtschaft entsteht. Die Leute wissen sich zu helfen, viele sind gut ausgebildet, der Naturalientausch blüht auch in Sachen Dienstleistungen. Manche nennen das Schwarzarbeit, aber wenn kein Geld da ist, dafür Zeit und Können, müsste das eigentlich Selbsthilfe heißen. Und es gibt auch immer mehr kostenlose Angebote. Zum Beispiel unser Internetcafé. Rechner sind genug gekauft worden, die Flat ist nicht teuer, die Miete gering. Das Know-how haben wir selbst. Also werden hier Infos getauscht, Mails gecheckt, Pläne gemacht. Wir etablieren uns im Schatten der großen Geldwelt mit kleinen Summen. Gesamtwirtschaftlich gesprochen: Hier fallen immer mehr Leute als Konsumenten aus. Das geht für uns als Zwischenlösung, in Berlin kann man noch recht gut und ohne sozial isoliert zu sein mit wenig Geld auskommen. Die große Frage ist aber: Was will die Industrie machen ohne Käufer?" Auch Thomas werde ich bald mal länger sprechen.
Werner promoviert im Kiez. Er komme fast täglich in die Kantine, sagt, er, denn er wohnt im Nebenhaus. Als Ökonom, der an mehreren Hochschulen studiert hat, weiß er: "An deutschen Unis lehren fast nur noch Liberalisierungsbefürworter. Der Name Keynes kommt nur noch selten vor." Das Gleiche gelte auch für die deutschen Eliten in Wirtschaft und Politik, wie er gerade bei Albrecht Müller lesen würde (3). Und er erklärt einer Großmutter und Leonie, ihrer Enkelin im Teenageralter, am Beispiel zweier Geschäfte und der Schule im Kiez, was Keynesianismus bedeutet. Dazu liefert die sechzehnjährige Leonie Beispiele, zum Beispiel den Zustand der Schule, an der, seit ihre Tante sie besucht hat (vor 15 Jahren), nur noch das Wichtigste repariert worden ist.
Paula kommt hinzu. Sie studiert eigentlich in Florenz Politikwissenschaft, nachdem sie ein deutsch-französisches Diplom abgelegt hat. Jetzt schreibt sie in Neukölln das Exposé zu ihrer Doktorarbeit über die Veränderung der Arbeitswelt. Und sie referiert ihre neueste Lektüre, ein Buch des in London lehrenden Soziologen Richard Sennett. Laut liberaler Wirtschaftstheorie kurbele die Verringerung von Verwaltung, Gesetzen und der Staatsausgaben die Wirtschaft an. Gleichzeitig könne mehr Qualifikation zu mehr Arbeit führen und damit zu mehr Konsum. Das Schlagwort, mit dem uns das Ganze verkauft werde, sagt, Paula, heiße "Freiheit". Sie war, als die Mauer fiel, ein Teenager und ist in Ostberlin aufgewachsen. "Ich werde immer hellhörig, wenn jemand das Wort "Freiheit" verwendet, ich erinnere mich zu gut an die Mauer, an das Misstrauen, den Nachbarn gegenüber, an die Kontrolle in der Schule. Aber was soll in der jetzigen Situation "mehr Freiheit" bringen? Frei ist man oder man ist es nicht."
"Wie soll ich bitte zu guter Bildung kommen?", fragt Leonie, "wenn die Schule teilweise nicht mehr benutzbar ist und ich demnächst für die Uni Studiengebühren zahlen muss? In Deutschland macht man alles nur halb. Die führen Gebühren ein, aber keine Stipendienprogramme." Und, später, nach einigem Nachdenken: "Wie soll das überhaupt zusammenpassen, Verringerung der Staatsausgaben und bessere Bildung?"
Paula nickt. Dann erklärt sie Sennetts Beobachtungen, dass permanent drohende Arbeitslosigkeit, häufiger Job- und Ortswechsel und die Abwertung ihrer Vorerfahrungen die meisten Menschen unterminieren würden. Sie habe bei Praktika Unternehmen kennengelernt, in denen das "Firmenklima" hauptsächlich aus Angst bestehe. Alle hätten dauernd mehr Leistung liefern müssen, wären kaum gelobt worden. Das, so Sennett, entwurzele die Menschen. Sie fänden sich durchgängiger Biografien und nicht zuletzt ihrer Würde beraubt.
Sie selbst erinnerten die Schlagworte der Liberalökonomen, die wie Glaubenssätze immer nur leicht variiert zu allem und jedem fallen, an die Dogmen in der DDR, "das Verbot zum Weiterdenken inbegriffen." Und ihre Eltern, sie lebten noch heute im evangelischen Pfarrhaus im Brandenburgischen, dächten dasselbe.
Ihr gegenüber sitzt Hanka. Die Mittfünfzigerin hat als Sozialpädagogin jahrelang Mobbing-Opfer betreut. "Jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland hat innerlich gekündigt. Viele machen das, was man ihnen von oben aufträgt zu tun, auch wenn sie genau wissen, dass es nicht greift. Ihre Erfahrungen hat sie oft zu Spezialisten werden lassen, aber so, wie die Macht verteilt ist, klappt es nicht, dieses Wissen in den Arbeitsprozess zu integrieren. Dahinter stecken Unternehmer, die selbst Angst haben, denn angstgesteuerte Manager haben auch Angst vor Kritik. Ergebnis: Die Unternehmen verkalken und erstarren. Am Ende holen sie teure Berater von außen, weil ihre Chefs das Offensichtliche nicht mehr wahrnehmen. Die Berater sind oft junge Schnösel von irgendwelchen europäischen Managementschulen, die keine Berufserfahrung mitbringen. Sie gehen nur über Zahlen und durchschauen das Geflecht aus Informationsstau und Fehlplanung nicht, wie denn auch. Sie schlagen dann vor, verlustbringende Unternehmensteile zu schließen, Entlassungen werden ankekündigt, Börsenkurse steigen. Die Manager fühlen sich bestätigt: Sie haben wieder mal alles richtig gemacht. Und bekommen am Ende noch eine Prämie."
Und wie ist das nun mit der 'Neuen Berliner Ökonomie' hier im Kiez? Mit den Ich-AGs, den kleinen Geschäften, Handwerksbetrieben, dem Tausch von Waren und Dienstleistungen? Vieles entsteht mit Anschlubfinanzierungen eines Staates, der sich hier noch nicht zurückgezogen hat. Sind die Firmen, sozialen und kulturellen Projekte überlebensfähig, wenn eines Tages Förderungen auslaufen? Oder gibt es einfach Bereiche, die immer gestützt werden müssen? Wenn ja, wie groß ist die Rentabilität der Investitionen, mit welchen Summen werden wie viele Menschen erreicht, wie groß ist der Verwaltungsanteil? Und was leisten diese Strukturen in Sachen Aus- und Weiterbildung? Lässt sich der Wert der Waren und Dienstleistungen, die hier getauscht werden, bilanzieren? Wie groß ist der ökonomische Beitrag im Verhältnis zur Investition?
Die Praxis der "Neuen Berliner Ökonomie" schaue ich mir in den nächsten Monaten genauer an, ich freue mich aufs genaue Hinsehen, die Stichworte aus dem Wirtschaftsteil unserer Zeitungen stets im Hinterkopf. Und darauf, über die Grenzen der neokapitalistischen Modelle hinauszudenken. Was bedeuten das soziale Kapital und die Netzwerkarbeit - für unsere Funktionseliten offenbar von zentraler Bedeutung - hier im Kiez? Welche menschlichen Aufgaben und Grundbedürfnisse werden hier erfüllt? Wo kommt das Engagement so vieler her, die ihr Schicksal, oft mit trotzigem Unterton, selbst in die Hand nehmen? Wo haben Schüler wie Leonie, die aus einem "bildungsfernen Haushalt" stammt, ihren Bildungsoptimismus her?
____________________________________
(1) BBS e.V.: Basisgesellschaft für Bildung und Strukturentwicklung e.V.
(2) Einige Namen sind hier geändert, andere nicht.
(3) Bücher, die hier angesprochen werden:
Sennett, Richard: "Die Kultur des neuen Kapitalismus" und "Der flexible Mensch"
Müller, Albrecht: "Die Reformlüge" und "Machtwahn, Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet"
Das Land verbindet augenscheinlich eins: Angst vor der Zukunft. Da verwendet ein Ökonom in einem Zeitungskommentar den Begriff "Gefahrentarife" und summiert auf, welche Festkosten sich bei eventueller Entlassung durch (bald inkrafttretende) Gesetze ergeben. Wenn bei Einstellung neuer Kräfte die einzige Sorge zu sein scheint, wie man sie 'kostenneutral' wieder los wird, wenn also im Moment des Aufbruchs das mögliche Scheitern als Bild alles andere überstrahlt, stimmt was nicht im Staate Dänemark. (Was mir immer dann besonders auffällt, wenn ich im Ausland nur gutes Feed-back zu Deutschland bekomme, das weiterhin das Image eines starken Exportlands hat - was der mit gutem Wetter, guter Laune und gutem Fußball verbrachte Sommermonat weiterhin verbessert hat.)
Im Lande selbst wird viel gejammert. Berliner Eltern klagen über die Schulen und sehen dort schon Ein-Euro-Kräfte zur nachmittäglichen Beaufsichtigung einrücken (Furcht? Realität?), wo doch die Nachmittagsunterricht neue Lehrangebote und bessere Bildungschancen bringen sollte. Aber wenn der Staat qualifizierte Kräfte nicht angemessen zu honorieren vermag ... (siehe: "Frauen auf dem Spielplatz").
In Tübingen war letzte Woche das Hauptgespräch in der Schlange beim Biobäcker, dass "der Daimler" sein Kultursponsering abgeschafft hat und auch Fabrikarbeiter entlassen wird. In Stuttgart hörte ich in der Straßenbahn, wie eine Tochter ihren Eltern von einem neuen Arbeitsvertrag erzählte. Mir schien, die Altvorderen hörten gar nicht richtig zu: "Hauptsache, Du hast dann bald was Festes!", sagten diese. Und sie fingen an über den Osten zu hetzen, der uns alle so viel gekostet hätte, dass jetzt alles bergab ginge. "Die DDR hat uns mit der Krise angesteckt!"
So klar, so offen, habe ich das in "Westdeutschland" (wie eigentlich nur noch 'alte Westberliner' sagen) noch nicht gehört.
Zurück nach Neukölln. Hier ist die Krise schon weiter, berufserfahrene und studierte Köpfe denken über die Folgen nach. Wir sind im "Kieztreff" in der Nachbarschaft. Ein Ladengeschäft wurde mit einfachen Mitteln zu einem kleinen Restaurant umgebaut, das jetzt ein Verein (1) dank EU-Förderung betreibt. Hier wird werktäglich zum Selbstkostenpreis ein ausgewogenes Mittagessen angeboten, hier essen neben Rentnern und Arbeitslosen viele Studenten, Maler, Ein-Euro-Jobber, Betreiber kleiner Geschäfte, Handwerker, Übersetzer, freie Journalisten. Etliche von ihnen sind Teil der "Neuen Berliner Ökonomie", der Klein- und Kleinstbetriebe, der Parallelwirtschaft ohne Geld, des "Dritten Sektors" von Stiftungen, Sozialwerken und Vereinen.
Die Stimmung in der "Kantine", wie viele den Ort nennen, ist offen und freundlich, man kommt schnell über den Tisch hinweg ins Gespräch. Hier einige Stichpunkte eines etwas anderen 'deutschen Stammtischgesprächs'. Da sagt Andy (2) , Architekt und (nach eigener Pleite) jetzt Ich-AGler im Handwerksbereich: "Das ganze Problem ist der Zinseszins. Dadurch wachsen die Schulden auch ohne weitere Verschuldung weiter. Wir werden bald auch in der westlichen Welt ein Zinsmoratorium brauchen, wie es für manche Dritteweltländer schon gilt. Oder gleich einen Schuldenerlass, denn immer größere Kreise der Bevölkerung stecken in der Zinsfalle, aus der sie nicht mehr rauskommen. Und das Geld fließt in großen Mengen immer schneller an die Spitze." (In den nächsten Tagen wird Andy mir das detailliert vorrechnen, ich freu' mich drauf.)
Thomas arbeitet in einem Kiez- und Internetcafé, das auch ein Ergebnis des Quartiersmanagements ist: "Wir beobachten hier, wie eine geldlose Parallelwirtschaft entsteht. Die Leute wissen sich zu helfen, viele sind gut ausgebildet, der Naturalientausch blüht auch in Sachen Dienstleistungen. Manche nennen das Schwarzarbeit, aber wenn kein Geld da ist, dafür Zeit und Können, müsste das eigentlich Selbsthilfe heißen. Und es gibt auch immer mehr kostenlose Angebote. Zum Beispiel unser Internetcafé. Rechner sind genug gekauft worden, die Flat ist nicht teuer, die Miete gering. Das Know-how haben wir selbst. Also werden hier Infos getauscht, Mails gecheckt, Pläne gemacht. Wir etablieren uns im Schatten der großen Geldwelt mit kleinen Summen. Gesamtwirtschaftlich gesprochen: Hier fallen immer mehr Leute als Konsumenten aus. Das geht für uns als Zwischenlösung, in Berlin kann man noch recht gut und ohne sozial isoliert zu sein mit wenig Geld auskommen. Die große Frage ist aber: Was will die Industrie machen ohne Käufer?" Auch Thomas werde ich bald mal länger sprechen.
Werner promoviert im Kiez. Er komme fast täglich in die Kantine, sagt, er, denn er wohnt im Nebenhaus. Als Ökonom, der an mehreren Hochschulen studiert hat, weiß er: "An deutschen Unis lehren fast nur noch Liberalisierungsbefürworter. Der Name Keynes kommt nur noch selten vor." Das Gleiche gelte auch für die deutschen Eliten in Wirtschaft und Politik, wie er gerade bei Albrecht Müller lesen würde (3). Und er erklärt einer Großmutter und Leonie, ihrer Enkelin im Teenageralter, am Beispiel zweier Geschäfte und der Schule im Kiez, was Keynesianismus bedeutet. Dazu liefert die sechzehnjährige Leonie Beispiele, zum Beispiel den Zustand der Schule, an der, seit ihre Tante sie besucht hat (vor 15 Jahren), nur noch das Wichtigste repariert worden ist.
Paula kommt hinzu. Sie studiert eigentlich in Florenz Politikwissenschaft, nachdem sie ein deutsch-französisches Diplom abgelegt hat. Jetzt schreibt sie in Neukölln das Exposé zu ihrer Doktorarbeit über die Veränderung der Arbeitswelt. Und sie referiert ihre neueste Lektüre, ein Buch des in London lehrenden Soziologen Richard Sennett. Laut liberaler Wirtschaftstheorie kurbele die Verringerung von Verwaltung, Gesetzen und der Staatsausgaben die Wirtschaft an. Gleichzeitig könne mehr Qualifikation zu mehr Arbeit führen und damit zu mehr Konsum. Das Schlagwort, mit dem uns das Ganze verkauft werde, sagt, Paula, heiße "Freiheit". Sie war, als die Mauer fiel, ein Teenager und ist in Ostberlin aufgewachsen. "Ich werde immer hellhörig, wenn jemand das Wort "Freiheit" verwendet, ich erinnere mich zu gut an die Mauer, an das Misstrauen, den Nachbarn gegenüber, an die Kontrolle in der Schule. Aber was soll in der jetzigen Situation "mehr Freiheit" bringen? Frei ist man oder man ist es nicht."
"Wie soll ich bitte zu guter Bildung kommen?", fragt Leonie, "wenn die Schule teilweise nicht mehr benutzbar ist und ich demnächst für die Uni Studiengebühren zahlen muss? In Deutschland macht man alles nur halb. Die führen Gebühren ein, aber keine Stipendienprogramme." Und, später, nach einigem Nachdenken: "Wie soll das überhaupt zusammenpassen, Verringerung der Staatsausgaben und bessere Bildung?"
Paula nickt. Dann erklärt sie Sennetts Beobachtungen, dass permanent drohende Arbeitslosigkeit, häufiger Job- und Ortswechsel und die Abwertung ihrer Vorerfahrungen die meisten Menschen unterminieren würden. Sie habe bei Praktika Unternehmen kennengelernt, in denen das "Firmenklima" hauptsächlich aus Angst bestehe. Alle hätten dauernd mehr Leistung liefern müssen, wären kaum gelobt worden. Das, so Sennett, entwurzele die Menschen. Sie fänden sich durchgängiger Biografien und nicht zuletzt ihrer Würde beraubt.
Sie selbst erinnerten die Schlagworte der Liberalökonomen, die wie Glaubenssätze immer nur leicht variiert zu allem und jedem fallen, an die Dogmen in der DDR, "das Verbot zum Weiterdenken inbegriffen." Und ihre Eltern, sie lebten noch heute im evangelischen Pfarrhaus im Brandenburgischen, dächten dasselbe.
Ihr gegenüber sitzt Hanka. Die Mittfünfzigerin hat als Sozialpädagogin jahrelang Mobbing-Opfer betreut. "Jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland hat innerlich gekündigt. Viele machen das, was man ihnen von oben aufträgt zu tun, auch wenn sie genau wissen, dass es nicht greift. Ihre Erfahrungen hat sie oft zu Spezialisten werden lassen, aber so, wie die Macht verteilt ist, klappt es nicht, dieses Wissen in den Arbeitsprozess zu integrieren. Dahinter stecken Unternehmer, die selbst Angst haben, denn angstgesteuerte Manager haben auch Angst vor Kritik. Ergebnis: Die Unternehmen verkalken und erstarren. Am Ende holen sie teure Berater von außen, weil ihre Chefs das Offensichtliche nicht mehr wahrnehmen. Die Berater sind oft junge Schnösel von irgendwelchen europäischen Managementschulen, die keine Berufserfahrung mitbringen. Sie gehen nur über Zahlen und durchschauen das Geflecht aus Informationsstau und Fehlplanung nicht, wie denn auch. Sie schlagen dann vor, verlustbringende Unternehmensteile zu schließen, Entlassungen werden ankekündigt, Börsenkurse steigen. Die Manager fühlen sich bestätigt: Sie haben wieder mal alles richtig gemacht. Und bekommen am Ende noch eine Prämie."
Und wie ist das nun mit der 'Neuen Berliner Ökonomie' hier im Kiez? Mit den Ich-AGs, den kleinen Geschäften, Handwerksbetrieben, dem Tausch von Waren und Dienstleistungen? Vieles entsteht mit Anschlubfinanzierungen eines Staates, der sich hier noch nicht zurückgezogen hat. Sind die Firmen, sozialen und kulturellen Projekte überlebensfähig, wenn eines Tages Förderungen auslaufen? Oder gibt es einfach Bereiche, die immer gestützt werden müssen? Wenn ja, wie groß ist die Rentabilität der Investitionen, mit welchen Summen werden wie viele Menschen erreicht, wie groß ist der Verwaltungsanteil? Und was leisten diese Strukturen in Sachen Aus- und Weiterbildung? Lässt sich der Wert der Waren und Dienstleistungen, die hier getauscht werden, bilanzieren? Wie groß ist der ökonomische Beitrag im Verhältnis zur Investition?
Die Praxis der "Neuen Berliner Ökonomie" schaue ich mir in den nächsten Monaten genauer an, ich freue mich aufs genaue Hinsehen, die Stichworte aus dem Wirtschaftsteil unserer Zeitungen stets im Hinterkopf. Und darauf, über die Grenzen der neokapitalistischen Modelle hinauszudenken. Was bedeuten das soziale Kapital und die Netzwerkarbeit - für unsere Funktionseliten offenbar von zentraler Bedeutung - hier im Kiez? Welche menschlichen Aufgaben und Grundbedürfnisse werden hier erfüllt? Wo kommt das Engagement so vieler her, die ihr Schicksal, oft mit trotzigem Unterton, selbst in die Hand nehmen? Wo haben Schüler wie Leonie, die aus einem "bildungsfernen Haushalt" stammt, ihren Bildungsoptimismus her?
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(1) BBS e.V.: Basisgesellschaft für Bildung und Strukturentwicklung e.V.
(2) Einige Namen sind hier geändert, andere nicht.
(3) Bücher, die hier angesprochen werden:
Sennett, Richard: "Die Kultur des neuen Kapitalismus" und "Der flexible Mensch"
Müller, Albrecht: "Die Reformlüge" und "Machtwahn, Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet"
Mittwoch, 11. Oktober 2006
Staatsmacht II oder: Wieviel Bürokratie darf's denn heute sein?
Der Staat braucht Geld. Das holt er bei seinen Steuerbürgern, und das ist gut so.
Indes, die Sache ist so kompliziert geworden ...
Nachstehend Zitate aus dem Mailverkehr mit dem Steuerberater. Die Sache hat mich einen Vormittag lang vom Arbeiten abgelenkt.
- Sie haben 2004 eine Filmanalyse für ein Buch geschrieben und als Journalistin mit 7 % Mehrwertsteuer abgerechnet. Analysen sind doch aber Gutachten, und bei Gutachten und Studien werden 16% Mehrwertsteuer veranschlagt.
- Ja, aber die Analyse ist eine journalistische Textform, und daher bin ich von den 7 Prozent ausgegangen. Der Auftraggeber hat sicher die Steuererklärung schon gemacht, ich möchte jetzt ungern, dass die Steuerdifferenz von meinem Honorar abgeht.
- Im Gesetz heißt es: "Die Übergabe eines Gutachtens oder einer Studie ist regelmäßig nicht mit der Einräumung urheberrechtlicher Nutzungsrechte verbunden, auch wenn das Werk urheberrechtlichen Schutz genießt." Also doch 16 % ?
- Da ich im Hauptberuf Journalistin bin und keine Baurechtsspezialistin oder Kriminalsachverständige, wo Gutachten an der Tagesordnung sind, bleibt die Analyse für mich weiterhin eine Textform wie der Essay, die Kritik, die Glosse, der Bericht und der Kommentar ...
Sicher, mein Text belegt etwas, er beweist aber nichts im juristischen Sinn, es sind niemandem aus meinem Text wirtschaftliche Vor- oder Nachteile erwachsen. Keiner hat einen Prozess, mancher vielleicht ein paar Einsichten gewonnen.
Ein Journalist, der die weltpolitische Lage im nahen Osten analysiert und das Wort Analyse in der Überschrift stehen hat, muss nicht deshalb auch gleich 16 Prozent zahlen und für den Kommentar zur Sache eine Spalte weiter nur sieben, oder?
- Entwarnung, UStR 2005 Abschnitt 168: journalistische Leistungen unterliegen dem ermäßigten Steuersatz, grundsätzlich.
Dazu Bea, sie arbeitet allein und von zu Hause aus als PR-Agentin: "Jeden Monat gehen allein mit der Buchhaltung zwei Tage drauf und für Streit mit dem Finanzamt noch einmal drei Tage. Macht monatlich fünf Arbeitstage, das wäre ein Viertel meiner Arbeitszeit, wenn ich nicht am Wochenende und am Abend noch arbeiten würde, was übrigens zu Lasten meines Kindes geht, ich bin alleinerziehend."
Indes, die Sache ist so kompliziert geworden ...
Nachstehend Zitate aus dem Mailverkehr mit dem Steuerberater. Die Sache hat mich einen Vormittag lang vom Arbeiten abgelenkt.
- Sie haben 2004 eine Filmanalyse für ein Buch geschrieben und als Journalistin mit 7 % Mehrwertsteuer abgerechnet. Analysen sind doch aber Gutachten, und bei Gutachten und Studien werden 16% Mehrwertsteuer veranschlagt.
- Ja, aber die Analyse ist eine journalistische Textform, und daher bin ich von den 7 Prozent ausgegangen. Der Auftraggeber hat sicher die Steuererklärung schon gemacht, ich möchte jetzt ungern, dass die Steuerdifferenz von meinem Honorar abgeht.
- Im Gesetz heißt es: "Die Übergabe eines Gutachtens oder einer Studie ist regelmäßig nicht mit der Einräumung urheberrechtlicher Nutzungsrechte verbunden, auch wenn das Werk urheberrechtlichen Schutz genießt." Also doch 16 % ?
- Da ich im Hauptberuf Journalistin bin und keine Baurechtsspezialistin oder Kriminalsachverständige, wo Gutachten an der Tagesordnung sind, bleibt die Analyse für mich weiterhin eine Textform wie der Essay, die Kritik, die Glosse, der Bericht und der Kommentar ...
Sicher, mein Text belegt etwas, er beweist aber nichts im juristischen Sinn, es sind niemandem aus meinem Text wirtschaftliche Vor- oder Nachteile erwachsen. Keiner hat einen Prozess, mancher vielleicht ein paar Einsichten gewonnen.
Ein Journalist, der die weltpolitische Lage im nahen Osten analysiert und das Wort Analyse in der Überschrift stehen hat, muss nicht deshalb auch gleich 16 Prozent zahlen und für den Kommentar zur Sache eine Spalte weiter nur sieben, oder?
- Entwarnung, UStR 2005 Abschnitt 168: journalistische Leistungen unterliegen dem ermäßigten Steuersatz, grundsätzlich.
Dazu Bea, sie arbeitet allein und von zu Hause aus als PR-Agentin: "Jeden Monat gehen allein mit der Buchhaltung zwei Tage drauf und für Streit mit dem Finanzamt noch einmal drei Tage. Macht monatlich fünf Arbeitstage, das wäre ein Viertel meiner Arbeitszeit, wenn ich nicht am Wochenende und am Abend noch arbeiten würde, was übrigens zu Lasten meines Kindes geht, ich bin alleinerziehend."
Donnerstag, 14. September 2006
(nichts Neues über NK) Staatsmacht I
"Ob das richtig so ist?!" tönt es laut aus dem Lautsprecher einer grünen Minna in meinem Rücken. Es ist morgens um halb eins. Ich bin gerade bei rot über die Kreuzung gefahren.
Lieber Herr Polizist,
Ihnen wird nicht entgangen sein, dass ich vorher nachgeschaut habe, ob kein Kind an der Ampel wartet, was morgens um halb eins doch eher unwahrscheinlich ist, aber ich hab mich eingehend davon überzeugt. Dabei mich auch noch einmal vergewissert, dass wirklich kein fahrendes Auto in der Nähe ist.
Vorher hatte ich an der roten Ampel in der schwarzen Nacht gewartet. (Ihren Wagen auf dem Parkplatz konnte ich im Dunkel nicht sehen.)
Wozu ist eine Ampel da? Ich denke, um den Verkehr zu regeln. Bin ich nicht der Verkehr, wenn sonst keiner unterwegs ist? Ist es dann nicht meine Ampel?
Wer ist für wen da, doch nicht der Mensch, hier also ich, als Daseinsberechtigung für die Ampel!
Außerdem kann ich als mündige Bürgerin Gefahren einschätzen. Den Zustand der Fahrbahn zu nachtschlafener Zeit konnte ich, nüchtern wie ich war, gut erkennen. Wäre ich angeschickert gewesen, ich hätte mich nicht aufs Rad gesetzt.
"Ob das richtig so ist?!" tönt es laut aus dem Lautsprecher einer grünen Minna in meinem Rücken. Wissen Sie, ob sie nicht einen Schläfer aus tiefer Erholung gerissen haben?
In Deutschland, letzte Anmerkungen, laufen die Kinder über die Straße, sobald die Ampel für sie grün anzeigt - oft ohne nach links und rechts zu sehen. Da passieren die meisten Unfälle. In Frankreich schaut man in jedem Falle. Die Ampel ist mehr ein Hilfsmittel. Ergo verunglücken dort viel weniger Menschen im Glauben, im Recht zu sein.
Kennen Sie Morgenstern? "Palmström, etwas schon an Jahren, / wird an einer Straßenbeuge / und von einem Kraftfahrzeuge / überfahren."
Hier geht's weiter:
http://www.mdzonline.de/lyrik/mor-tatsache-txt.htm
Wieder nichts Neues über Neukölln. Naja, beim nächsten Mal. Vielleicht.
Lieber Herr Polizist,
Ihnen wird nicht entgangen sein, dass ich vorher nachgeschaut habe, ob kein Kind an der Ampel wartet, was morgens um halb eins doch eher unwahrscheinlich ist, aber ich hab mich eingehend davon überzeugt. Dabei mich auch noch einmal vergewissert, dass wirklich kein fahrendes Auto in der Nähe ist.
Vorher hatte ich an der roten Ampel in der schwarzen Nacht gewartet. (Ihren Wagen auf dem Parkplatz konnte ich im Dunkel nicht sehen.)
Wozu ist eine Ampel da? Ich denke, um den Verkehr zu regeln. Bin ich nicht der Verkehr, wenn sonst keiner unterwegs ist? Ist es dann nicht meine Ampel?
Wer ist für wen da, doch nicht der Mensch, hier also ich, als Daseinsberechtigung für die Ampel!
Außerdem kann ich als mündige Bürgerin Gefahren einschätzen. Den Zustand der Fahrbahn zu nachtschlafener Zeit konnte ich, nüchtern wie ich war, gut erkennen. Wäre ich angeschickert gewesen, ich hätte mich nicht aufs Rad gesetzt.
"Ob das richtig so ist?!" tönt es laut aus dem Lautsprecher einer grünen Minna in meinem Rücken. Wissen Sie, ob sie nicht einen Schläfer aus tiefer Erholung gerissen haben?
In Deutschland, letzte Anmerkungen, laufen die Kinder über die Straße, sobald die Ampel für sie grün anzeigt - oft ohne nach links und rechts zu sehen. Da passieren die meisten Unfälle. In Frankreich schaut man in jedem Falle. Die Ampel ist mehr ein Hilfsmittel. Ergo verunglücken dort viel weniger Menschen im Glauben, im Recht zu sein.
Kennen Sie Morgenstern? "Palmström, etwas schon an Jahren, / wird an einer Straßenbeuge / und von einem Kraftfahrzeuge / überfahren."
Hier geht's weiter:
http://www.mdzonline.de/lyrik/mor-tatsache-txt.htm
Wieder nichts Neues über Neukölln. Naja, beim nächsten Mal. Vielleicht.
Montag, 14. August 2006
13. August
Wie heute war der Tag vor 45 Jahren ein Sonntag. Als die Berliner aufstanden, war die erste "Stadtbefestigung" aus Stacheldraht, Geröll, Militärwagen, Soldaten und Freiwilligen schon nahezu dicht. Kreuzberg und Neukölln, obwohl sie geographisch weit im Osten liegen, wurden zu Bezirken in der Sackgasse und gehörten doch politisch zum Westen.
Unweit meines Hauses, den Landwehrkanal nur ein wenig runter, stießen im Wasser die Bezirke Neukölln, Kreuzberg und Treptow aneinander. Dort partrouillierten seit jenem Sonntag am "Studentenbad" die Boote der Grenzer. Heute führen hier die beliebtesten Spazierwege der Gegend entlang.
Am Nachmittag grillt im Park am Studentenbad eine Familie - trotz der kühlen Witterung. In die Bäume haben sie Guirlanden gehängt. Ihre zwei Hunde rennen brav ihren Stöcken nach, Minis waten in bunten Gummistiefelchen durch große Pfützen. Die friedliche Stimmung lässt die Bilder im Kopf unrealistisch werden. Nein, man wisse nicht, was für ein Tag heute sei. Geburtstag halt, lautet die erste Antwort, als ich vorsichtig das Gepräch eröffne. Nur die Oma der Familie weiß etwas zu erzählen: "Ich wohne seit 50 Jahren in der Friedelstraße, also in Neukölln. Den Tag damals hab ich im Schrebergarten verschlafen, wir haben's erst am Abend erfahren. Aber zur Zeit damals fällt mir ein, dass, wenn der Wind schlecht stand, dicke Rußfladen von der anderen Seite zu uns rübergeweht kamen. Auch hier, nicht nur im Osten, haben viele Hausbesitzer ihre Häuser jahrzehnelang nicht mehr gestrichen, weil die Farbe nie lang hielt. Und es roch immer so komisch nach Reinigungsmittel und verbranntem Öl."
Für alle, die es möglicherweise nicht verstanden haben: dies ist ein Text über die Berliner Mauer. Das "raumteilende Bauwerk" (Peter Schneider) fiel in der Nacht zum 9. November 1989.
Unweit meines Hauses, den Landwehrkanal nur ein wenig runter, stießen im Wasser die Bezirke Neukölln, Kreuzberg und Treptow aneinander. Dort partrouillierten seit jenem Sonntag am "Studentenbad" die Boote der Grenzer. Heute führen hier die beliebtesten Spazierwege der Gegend entlang.
Am Nachmittag grillt im Park am Studentenbad eine Familie - trotz der kühlen Witterung. In die Bäume haben sie Guirlanden gehängt. Ihre zwei Hunde rennen brav ihren Stöcken nach, Minis waten in bunten Gummistiefelchen durch große Pfützen. Die friedliche Stimmung lässt die Bilder im Kopf unrealistisch werden. Nein, man wisse nicht, was für ein Tag heute sei. Geburtstag halt, lautet die erste Antwort, als ich vorsichtig das Gepräch eröffne. Nur die Oma der Familie weiß etwas zu erzählen: "Ich wohne seit 50 Jahren in der Friedelstraße, also in Neukölln. Den Tag damals hab ich im Schrebergarten verschlafen, wir haben's erst am Abend erfahren. Aber zur Zeit damals fällt mir ein, dass, wenn der Wind schlecht stand, dicke Rußfladen von der anderen Seite zu uns rübergeweht kamen. Auch hier, nicht nur im Osten, haben viele Hausbesitzer ihre Häuser jahrzehnelang nicht mehr gestrichen, weil die Farbe nie lang hielt. Und es roch immer so komisch nach Reinigungsmittel und verbranntem Öl."
Für alle, die es möglicherweise nicht verstanden haben: dies ist ein Text über die Berliner Mauer. Das "raumteilende Bauwerk" (Peter Schneider) fiel in der Nacht zum 9. November 1989.
Samstag, 12. August 2006
Konvergenztheorien
In unserer Straße wird gestrichen. Der Sockel eines Wohnhauses ist abgeklebt, als erstes sind die Graffitti dran, sie verschwinden unter weißer Fassadenfarbe. Der Maler in Aktion ist eigentlich "Kunstmaler" (1) und Grafiker. Er residiert seit einiger Zeit im Ladengeschäft auf der Ecke, das zuvor jahrelang leergestanden hatte. Denn der vom Hausbesitzer geforderte Mietzins war astronomisch hoch und hätte eigentlich nur von einer florierenden Kneipe gezahlt werden können. Dafür schienen aber die Räume nicht ausgelegt.
Dann kam das Quartiersmanagment. Inzwischen zahlt ein Künstler Nebenkosten und Versicherung - und streicht neu. Das Gebäude macht schon deshalb einen freundlicheren Eindruck, weil hinter der Schaufensterscheiber jetzt oft auch noch abends einer am Schreib- und Zeichentisch sitzt.
Während der Maler/Kunstmaler seine Farbtöpfe wegräumt, kommt es auf der Straße zu einem Gespräch unter Passanten. "Die Sache mit den Nebenkosten ist gar nicht schlecht", sagt ein Passant, der sich selbst "Kulturarbeiter" nennt. "Ich war lange in der Kulturwirtschaft tätig. Jetzt gibt es fast nur noch wirtschaftliche Argumente für oder gegen die Kultur. Mit dem Ergebnis, dass ich hier in der Kultur- und Jugendarbeit einen Ein-Euro-Job mache und zwar für fast die gleiche Tätigkeit, für die meine Freundin bei einem andren Träger als Sozialarbeiterin angestellt ist - zu normalem Gehalt natürlich. Irgendwann werden diese Jobs auch noch wegrationalisiert sein. Dann ist Kultur abseits vom Mainstream auf der einen Seite Staaatskultur und Touristenprogramm und auf der anderen Seite eine Existenzform auf niedrigster Stufe. Totengräber und Lyriker - und dabei ein minimales Auskommen haben. Das kennt man von früher aus der DDR."
Leider erfahre ich seinen Namen nicht. Auch nicht den seiner Freundin. Wir schauen weiter auf das Haus. Die Freundin sagt, sie komme auch aus "der Ehemaligen". Und sie vergleicht: "In Ost-Berlin kannten wir diesen Trend schon, nur besetzte man damals die Häuser, ging rein, ohne groß zu fragen. Das Leben in der Parallelwelt, in den berühmten Nischen, fühlt sich heute ähnlich an. Es geht oft darum, etwas zu organisieren, die richtigen Leute zu kennen und dem Menschen in der Behörde nicht das Falsche zu sagen. Früher bekam man (2) viele Baumaterialien nicht, heute muss man sie mangels Geld organisieren oder schauen, wer sie einem billiger besorgt. Nur eins ist verdammt nochmal anders: Heute reden alle fast nur noch über Geld, damals hatte man einfach, was man zum Auskommen brauchte. Und ins Theater zu gehen konnten sich alle leisten. Heute steht Campino als Mackie Messer in der Friedrichstraße und ein Herr Ackermann von der Deutschen Bank sponsert das ganze. Absurd!"
_________________________
Ein Weblog mit Fußnoten? Au weia! Aber weil ich mich hier vom Promovieren erhole, mir den Kick eines kurzen fertigen Textes hole, sei mir das verziehen. Wird nicht oft vorkommen, versprochen!
(1) Kurze Anmerkung zu den Malern. Das Wort "Kunstmaler" ist für mich typisch deutsch. Erst die Präsisierung, das Wort "Kunst", hebt den Maler vom Handwerksberuf ab, der für die Mehrheit der Bevölkerung der erste Wortsinn des Begriffs zu sein scheint. Auf Französisch ist es genau andersrum. "Le peintre" malt Bilder, das längere "peintre en bâtiment" bezeichnet denjenigen, der Fassaden und Zimmer anstreicht.
(2) Auch heute noch verwenden viele Leute aus dem Osten das Wörtchen "man", wenn sie "wir" oder "ich" meinen. Das Ich und das Kollektiv ...
Dann kam das Quartiersmanagment. Inzwischen zahlt ein Künstler Nebenkosten und Versicherung - und streicht neu. Das Gebäude macht schon deshalb einen freundlicheren Eindruck, weil hinter der Schaufensterscheiber jetzt oft auch noch abends einer am Schreib- und Zeichentisch sitzt.
Während der Maler/Kunstmaler seine Farbtöpfe wegräumt, kommt es auf der Straße zu einem Gespräch unter Passanten. "Die Sache mit den Nebenkosten ist gar nicht schlecht", sagt ein Passant, der sich selbst "Kulturarbeiter" nennt. "Ich war lange in der Kulturwirtschaft tätig. Jetzt gibt es fast nur noch wirtschaftliche Argumente für oder gegen die Kultur. Mit dem Ergebnis, dass ich hier in der Kultur- und Jugendarbeit einen Ein-Euro-Job mache und zwar für fast die gleiche Tätigkeit, für die meine Freundin bei einem andren Träger als Sozialarbeiterin angestellt ist - zu normalem Gehalt natürlich. Irgendwann werden diese Jobs auch noch wegrationalisiert sein. Dann ist Kultur abseits vom Mainstream auf der einen Seite Staaatskultur und Touristenprogramm und auf der anderen Seite eine Existenzform auf niedrigster Stufe. Totengräber und Lyriker - und dabei ein minimales Auskommen haben. Das kennt man von früher aus der DDR."
Leider erfahre ich seinen Namen nicht. Auch nicht den seiner Freundin. Wir schauen weiter auf das Haus. Die Freundin sagt, sie komme auch aus "der Ehemaligen". Und sie vergleicht: "In Ost-Berlin kannten wir diesen Trend schon, nur besetzte man damals die Häuser, ging rein, ohne groß zu fragen. Das Leben in der Parallelwelt, in den berühmten Nischen, fühlt sich heute ähnlich an. Es geht oft darum, etwas zu organisieren, die richtigen Leute zu kennen und dem Menschen in der Behörde nicht das Falsche zu sagen. Früher bekam man (2) viele Baumaterialien nicht, heute muss man sie mangels Geld organisieren oder schauen, wer sie einem billiger besorgt. Nur eins ist verdammt nochmal anders: Heute reden alle fast nur noch über Geld, damals hatte man einfach, was man zum Auskommen brauchte. Und ins Theater zu gehen konnten sich alle leisten. Heute steht Campino als Mackie Messer in der Friedrichstraße und ein Herr Ackermann von der Deutschen Bank sponsert das ganze. Absurd!"
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Ein Weblog mit Fußnoten? Au weia! Aber weil ich mich hier vom Promovieren erhole, mir den Kick eines kurzen fertigen Textes hole, sei mir das verziehen. Wird nicht oft vorkommen, versprochen!
(1) Kurze Anmerkung zu den Malern. Das Wort "Kunstmaler" ist für mich typisch deutsch. Erst die Präsisierung, das Wort "Kunst", hebt den Maler vom Handwerksberuf ab, der für die Mehrheit der Bevölkerung der erste Wortsinn des Begriffs zu sein scheint. Auf Französisch ist es genau andersrum. "Le peintre" malt Bilder, das längere "peintre en bâtiment" bezeichnet denjenigen, der Fassaden und Zimmer anstreicht.
(2) Auch heute noch verwenden viele Leute aus dem Osten das Wörtchen "man", wenn sie "wir" oder "ich" meinen. Das Ich und das Kollektiv ...
Freitag, 11. August 2006
Wo bin ich?
Neukölln ist der größte Stadtteil Berlins, an Einwohnern gemessen: 300.000 Menschen aus über 160 Ländern leben hier. Und so ist es auch logisch, dass der Bezirk fast täglich Schlagzeilen macht. Die Neuköllner haben jedoch die Themen dieser Nachrichten gründlich satt: "Das größte Sozialamt Europas" - steht natürlich in Neukölln. Hier soll demnächst eine große Moschee samt Schulungzsentrum entstehen - die Regierenden haben erst einmal Veto eingelegt. Noch geöffnet hat (außer in den Ferien) die Rütli-Schule, in der deutsche Schüler eine Minderheit darstellen. Deren Rektor hatte im Frühjahr die Waffen gestreckt vor der Gewalt in den Klassenzimmern und offiziel um die Schließung der Schule nachgesucht. Detlev Bucks letzter Film, der zeitgleich zu diesen Schlagzeilen ins Kino kam, fand dafür eindrucksvolle Bilder.
Und sonst? Über 20 % der 4493 Hektar Neukölln sind Grünfläche. Und wie das Unkraut aus dem Boden schießt (laut Stadtbauaumt verfügt man hier leider nur über 10 % des Geldes, das für eine ordentliche Pflege nötig wäre), und wie das Unkraut also aus dem Boden schießt, so schießen auch die neuen Projekte aus Neuköllner Erde. In NN (sprich "Nord-Neukölln") oder noch genauer: im Reuterkiez hat man sich jetzt eines Problems von zwei Seiten her angenommen: dem Leerstand von Gewerberaum. Zu dem passt nämlich die begrenzte Anzahl von Ateliers und Werkstätten für Bildende Künstler, Designer, Filmschaffende. Ein sehr lebendiges Quartiersmanagement moderiert seit einem Jahr beide Seiten aufeinander zu mit dem Ergebnis, dass die Straßen jünger werden, viele Läden wieder belegt sind und die Vermieter wenigstens ihre Grundkosten reinbekommen.
So wirkt Neukölln diesen Sommer eher friedlich, ein wenig verwachsen und auf jeden Fall eins: verdammt kreativ.
Und sonst? Über 20 % der 4493 Hektar Neukölln sind Grünfläche. Und wie das Unkraut aus dem Boden schießt (laut Stadtbauaumt verfügt man hier leider nur über 10 % des Geldes, das für eine ordentliche Pflege nötig wäre), und wie das Unkraut also aus dem Boden schießt, so schießen auch die neuen Projekte aus Neuköllner Erde. In NN (sprich "Nord-Neukölln") oder noch genauer: im Reuterkiez hat man sich jetzt eines Problems von zwei Seiten her angenommen: dem Leerstand von Gewerberaum. Zu dem passt nämlich die begrenzte Anzahl von Ateliers und Werkstätten für Bildende Künstler, Designer, Filmschaffende. Ein sehr lebendiges Quartiersmanagement moderiert seit einem Jahr beide Seiten aufeinander zu mit dem Ergebnis, dass die Straßen jünger werden, viele Läden wieder belegt sind und die Vermieter wenigstens ihre Grundkosten reinbekommen.
So wirkt Neukölln diesen Sommer eher friedlich, ein wenig verwachsen und auf jeden Fall eins: verdammt kreativ.
Mittwoch, 9. August 2006
Brückenzoll
Mitten auf der Brücke, am helllichten Tag: zwischen parkenden Autos liegt ein großes Stück knallroter Läufer auf der Straße. Darauf stehen zwei Klappstühle und ein schwarzes Korbtischchen. Richtig einladend wird das Ganze erst durch eine Glasvase mit weißen Lilien. Was ist hier los?
Um sechs Uhr abends fährt Carsten den Wagen auf die Brücke und bereitet alles vor. Auf umgedrehte Getränkekisten platziert er zwei kleine Weinpflanzen, die eben noch auf der Theke standen; aus dem schmalen Gang hinten holt er zehn Klappstühle und fünf Klapptischchen. Dann hakt er das Schutzdach fest, an dem die weiß-rote Markise baumelt: So öffnet allabendlich "La Chicha", die Eisdiele auf der Brücke.
Mit Beginn der WM hat der Dreißigjährige sein Geschäft eröffnet. Jetzt ist er von der Uferpromenade dreißig Meter weiter auf die Brückenmitte gezogen, dorthin, wo Kreuzberg aufhört und Neukölln anfängt. Und viele Passanten, die hier von der Ohlauer kommen und Richtung Friedelstraße gehen (oder andersum), unterbrechen ihren Weg. Studenten genehmigen sich eins, hier quengelt ein Kind, ein älteres Paar hat es auf Bionade und die Stühle mit "Seeblick" abgesehen: von oben aufs Wasser Richtung Potsdamer Platz, unverstellter Westblick, mit Sonnenuntergangsgarantie. Solange keine Wolken sind wie heute.
Trotz des kühlen Wetters halten viele an, entrichten ihren Brückenzoll und laben sich am selbstgemachten Gelato "aus ökologisch kontrollierten Zutaten". Elf Sorten sind im Angebot, auch Eis ohne Sahne oder ohne Milch, darunter "Joghurt-Mirabelle" und "Wahlnuss" - passend zum Wahlplakat vom Laternenmast daneben. Ein Ghettoblaster spielt dazu Chopin. Später werden Gäste den Vollmond am Osthimmel besingen und damit den Passanten ausnahmslos ein Lächeln ins Gesicht zaubern. (Wolken schieben sich vor den Erdtrabanten: "Seht ihr den Mond dort stehen? | Er ist nur halb zu sehen | und ist doch rund und schön. | So sind wohl manche Sachen, | die wir getrost belachen, | weil unsre Augen sie nicht sehn.")
Neben der Eistruhe steht ein Schild: "2- bis 3-Zimmerwohnung im Kiez gesucht, wir sind eine kleine Familie." Carstens Freundin Rebecca hatte sich gerade, als ich angekommen war, zum Filmegegucken verabschiedet. Die Familienbildung steht den beiden mehr als nur ins Gesicht geschrieben. "Ich werde ja bald Vater", sagt Carsten, der sich sein charmantes, jungenshaftes Lachen bewahrt hat, "und bin froh, jetzt nach Kreuzberg zu ziehen, wir haben was gefunden, das Schild kann weg. Ich bin Schauspieler, da gibt's natürlich immer wieder Phasen ohne Beschäftigung. Und ich habe die Ämter in Neukölln als einen ziemlichen Moloch erlebt als es darum ging, für den Eiswagen Existenzgründerhilfe zu bekommen. Mir hat sogar jemand von der Kreditanstalt für Wiederaufbau beim Schreiben des Businessplans geholfen, aber das Amt hat mir nur 170 Euro Grundförderung zugesagt, ist eben Ermessenssache. Ohne die Hilfe von Freunden und Familie stünde ich nicht hier. Die Ämter in Kreuzberg sind viel cooler, ich hab ja schon mit dem Ordnungsamt zu tun. In Kreuzberg sind die Ämter erste Welt, in Neukölln ist das wirklich dritte Welt. Da rennen eben die Massen aufs Amt und Perspektiven gibt's auch kaum."
Um neun ist vom Tag nicht mehr viel Licht übrig. Carsten nimmt Papiertüten aus einem Korb. Der Boden der Tüten ist mit Sand bedeckt, darin stehen Teelichte. Auf dem Landwehrkanal macht eine Entenfamilie mit Jungen Rabatz. Während jetzt nicht nur die Küken auf dem Wasser schlafen geschickt werden, weiß Carsten, dass er noch ein paar Stunden Arbeitszeit vor sich hat, bis er um Mitternacht oder ein Uhr morgens Stühle und Weinpflanzen wieder einpackt und die Nacht wirklich anbricht.
Und irgendwann am Nachmittag drauf wird er den roten Teppich wieder ausrollen als Platzhalter für seinen Eiswagen.
Um sechs Uhr abends fährt Carsten den Wagen auf die Brücke und bereitet alles vor. Auf umgedrehte Getränkekisten platziert er zwei kleine Weinpflanzen, die eben noch auf der Theke standen; aus dem schmalen Gang hinten holt er zehn Klappstühle und fünf Klapptischchen. Dann hakt er das Schutzdach fest, an dem die weiß-rote Markise baumelt: So öffnet allabendlich "La Chicha", die Eisdiele auf der Brücke.
Mit Beginn der WM hat der Dreißigjährige sein Geschäft eröffnet. Jetzt ist er von der Uferpromenade dreißig Meter weiter auf die Brückenmitte gezogen, dorthin, wo Kreuzberg aufhört und Neukölln anfängt. Und viele Passanten, die hier von der Ohlauer kommen und Richtung Friedelstraße gehen (oder andersum), unterbrechen ihren Weg. Studenten genehmigen sich eins, hier quengelt ein Kind, ein älteres Paar hat es auf Bionade und die Stühle mit "Seeblick" abgesehen: von oben aufs Wasser Richtung Potsdamer Platz, unverstellter Westblick, mit Sonnenuntergangsgarantie. Solange keine Wolken sind wie heute.
Trotz des kühlen Wetters halten viele an, entrichten ihren Brückenzoll und laben sich am selbstgemachten Gelato "aus ökologisch kontrollierten Zutaten". Elf Sorten sind im Angebot, auch Eis ohne Sahne oder ohne Milch, darunter "Joghurt-Mirabelle" und "Wahlnuss" - passend zum Wahlplakat vom Laternenmast daneben. Ein Ghettoblaster spielt dazu Chopin. Später werden Gäste den Vollmond am Osthimmel besingen und damit den Passanten ausnahmslos ein Lächeln ins Gesicht zaubern. (Wolken schieben sich vor den Erdtrabanten: "Seht ihr den Mond dort stehen? | Er ist nur halb zu sehen | und ist doch rund und schön. | So sind wohl manche Sachen, | die wir getrost belachen, | weil unsre Augen sie nicht sehn.")
Neben der Eistruhe steht ein Schild: "2- bis 3-Zimmerwohnung im Kiez gesucht, wir sind eine kleine Familie." Carstens Freundin Rebecca hatte sich gerade, als ich angekommen war, zum Filmegegucken verabschiedet. Die Familienbildung steht den beiden mehr als nur ins Gesicht geschrieben. "Ich werde ja bald Vater", sagt Carsten, der sich sein charmantes, jungenshaftes Lachen bewahrt hat, "und bin froh, jetzt nach Kreuzberg zu ziehen, wir haben was gefunden, das Schild kann weg. Ich bin Schauspieler, da gibt's natürlich immer wieder Phasen ohne Beschäftigung. Und ich habe die Ämter in Neukölln als einen ziemlichen Moloch erlebt als es darum ging, für den Eiswagen Existenzgründerhilfe zu bekommen. Mir hat sogar jemand von der Kreditanstalt für Wiederaufbau beim Schreiben des Businessplans geholfen, aber das Amt hat mir nur 170 Euro Grundförderung zugesagt, ist eben Ermessenssache. Ohne die Hilfe von Freunden und Familie stünde ich nicht hier. Die Ämter in Kreuzberg sind viel cooler, ich hab ja schon mit dem Ordnungsamt zu tun. In Kreuzberg sind die Ämter erste Welt, in Neukölln ist das wirklich dritte Welt. Da rennen eben die Massen aufs Amt und Perspektiven gibt's auch kaum."
Um neun ist vom Tag nicht mehr viel Licht übrig. Carsten nimmt Papiertüten aus einem Korb. Der Boden der Tüten ist mit Sand bedeckt, darin stehen Teelichte. Auf dem Landwehrkanal macht eine Entenfamilie mit Jungen Rabatz. Während jetzt nicht nur die Küken auf dem Wasser schlafen geschickt werden, weiß Carsten, dass er noch ein paar Stunden Arbeitszeit vor sich hat, bis er um Mitternacht oder ein Uhr morgens Stühle und Weinpflanzen wieder einpackt und die Nacht wirklich anbricht.
Und irgendwann am Nachmittag drauf wird er den roten Teppich wieder ausrollen als Platzhalter für seinen Eiswagen.
Montag, 7. August 2006
Sparen
Ich stehe auf der Sonnenalle im tiefsten Neukölln. Die Straße, die im einstigen Ostberlin endet, ist schon sehr osteuropäisch geprägt: Marktstände, Frauen mit Kopftüchern, Männer, die trotz des frischen Tages auf Stühlen vor dem Haus sitzen, Kaffee oder Tee trinken, die politische Lage diskutieren. An den Häusern viele in der Aufmachung billige Ladenschilder von McGeiz und wie sie alle heißen, oder auf Türkisch ohne Übersetzung. Einer der Ramschläden hat als Unterzeile: "Viel kaufen, viel sparen". Mein Blick fällt auf den Straßenbelag neben dem Haus. Ich fange an zu zählen. Sieben unterschiedliche Arten von Pflaster, Steinen und Platten, Asphalt, Bitumen und Macadam. Dazwischen große Löcher. Auch hier wurde kräftig gespart.
Sparen scheint das geheime "Wort des Jahres" zu sein, nicht nur in Neukölln. Drei Nachrichtenmeldungen: Bund und Länder sparen an Kulturausgaben, die ja nur freiwillige Leistungen sind, denen also kein Rechtsanspruch zugrunde liegt. VW würde 1,5 Milliarden Euro im Jahr sparen, wenn die Arbeitskosten in den Fabriken Deutschlands so niedrig wären wie in den französischen. Und die Hochschulen sparen Geld durch KW-Vermerke auf Stellenplänen in der Lehre.
KW-Vermerk – „kann wegfallen“. Die Professur in der Geisteswissenschaft kann wegfallen – dass das nicht nur zunehmende geistige Verarmung bedeutet, sondern auch die Karrierepläne von Nachwuchswissenschaftlern zerstört, ist keines Nebensatzes wert. Da hat sich jemand 12 Jahre lang von Zeitvertrag zu Zeitvertrag gehangelt, zu Facharbeitereinkommen halbierte oder gedrittelte Stellen innegehabt und Studenten ausgebildet, Nachwuchs geprägt, Wissenschaft betrieben. Nun: KW, auch das kann wegfallen. Sparen wir uns Wissen und Erfahrungen dieser Jungen, die zu alt sind für eine "Juniorprofessur", die wir uns demnächst auch sparen. Wir sparen uns auch das Wissen der späteren Jahre: 70 % der 60jährigen sind nicht mehr im Beruf, da können Unternehmen richtig sparen. Die fehlenden Renditen dieser Art von Kapital, nämlich dem geistigen, berechnet niemand.
Arbeitnehmer, also Menschen, werden auf „Kostenfaktoren“ miteinander konkurrierender „Standorte“ zusammengeschrumpft. Die dann perfide den Konsum verweigern und die Reproduktion der Spezies. Nicht nur bei Volkswagen überlegt jetzt der eine oder andere in Werkhalle oder Büro, ob sie oder er sich die neue Karre kauft - oder das Geld lieber spart.
Das Wort "sparen" hatte mal einen anderen Sinn. Sparen war was schönes, wir steckten das Geld ins Schweinderl, deponierten es vor dem Börsenboom auf dem Sparbuch und später im Aktienportefeuille. Am Ende hatten wir ein hübsches Sümmchen beisammen, mit dem wir dann in den Sommerurlaub fuhren, ein neues Sofa erwarben – oder eben besagtes Kraftfahrzeug. Auch Sprache kann durch Sparen ärmer werden.
Auf Neusprech kommt "sparen" praktisch nur noch in der semantischen Begriffsverengung vor, die der Präfix "ein-" mit sich bringt, "ein-sparen", also wenn im Grunde "kürzen“, "streichen“, "mit dem Rotstift drübergehen“ gemeint ist.
Was aber, wenn man in der Kultur zu viel spart? Zurück zum Volkswagenwerk, diesmal in den östlichen Teil des Landes, nach Westsachsen. Dort, so wurde mir vor Ort glaubhaft versichert, sei die werte Gattin des managenden Chefs in die westliche Heimat zurückgekehrt, weil es in der westsächsischen Provinz zu wenig Kulturangebote gibt. Volkswagen hätte sicher gern das Trennungsgeld gespart, das der Manager jetzt bekommt.
Volkswagen – das klingt genauso alt und unzeitgemäß wie Volkswirtschaft. Also sparen wir, damit dem Volk noch ein wenig Wirtschaft übrigbleibt? Oder glauben Sie etwa, „Bausparen“ heißt „Bausparen“, weil man sich das Bauen sparen will?
Sparen scheint das geheime "Wort des Jahres" zu sein, nicht nur in Neukölln. Drei Nachrichtenmeldungen: Bund und Länder sparen an Kulturausgaben, die ja nur freiwillige Leistungen sind, denen also kein Rechtsanspruch zugrunde liegt. VW würde 1,5 Milliarden Euro im Jahr sparen, wenn die Arbeitskosten in den Fabriken Deutschlands so niedrig wären wie in den französischen. Und die Hochschulen sparen Geld durch KW-Vermerke auf Stellenplänen in der Lehre.
KW-Vermerk – „kann wegfallen“. Die Professur in der Geisteswissenschaft kann wegfallen – dass das nicht nur zunehmende geistige Verarmung bedeutet, sondern auch die Karrierepläne von Nachwuchswissenschaftlern zerstört, ist keines Nebensatzes wert. Da hat sich jemand 12 Jahre lang von Zeitvertrag zu Zeitvertrag gehangelt, zu Facharbeitereinkommen halbierte oder gedrittelte Stellen innegehabt und Studenten ausgebildet, Nachwuchs geprägt, Wissenschaft betrieben. Nun: KW, auch das kann wegfallen. Sparen wir uns Wissen und Erfahrungen dieser Jungen, die zu alt sind für eine "Juniorprofessur", die wir uns demnächst auch sparen. Wir sparen uns auch das Wissen der späteren Jahre: 70 % der 60jährigen sind nicht mehr im Beruf, da können Unternehmen richtig sparen. Die fehlenden Renditen dieser Art von Kapital, nämlich dem geistigen, berechnet niemand.
Arbeitnehmer, also Menschen, werden auf „Kostenfaktoren“ miteinander konkurrierender „Standorte“ zusammengeschrumpft. Die dann perfide den Konsum verweigern und die Reproduktion der Spezies. Nicht nur bei Volkswagen überlegt jetzt der eine oder andere in Werkhalle oder Büro, ob sie oder er sich die neue Karre kauft - oder das Geld lieber spart.
Das Wort "sparen" hatte mal einen anderen Sinn. Sparen war was schönes, wir steckten das Geld ins Schweinderl, deponierten es vor dem Börsenboom auf dem Sparbuch und später im Aktienportefeuille. Am Ende hatten wir ein hübsches Sümmchen beisammen, mit dem wir dann in den Sommerurlaub fuhren, ein neues Sofa erwarben – oder eben besagtes Kraftfahrzeug. Auch Sprache kann durch Sparen ärmer werden.
Auf Neusprech kommt "sparen" praktisch nur noch in der semantischen Begriffsverengung vor, die der Präfix "ein-" mit sich bringt, "ein-sparen", also wenn im Grunde "kürzen“, "streichen“, "mit dem Rotstift drübergehen“ gemeint ist.
Was aber, wenn man in der Kultur zu viel spart? Zurück zum Volkswagenwerk, diesmal in den östlichen Teil des Landes, nach Westsachsen. Dort, so wurde mir vor Ort glaubhaft versichert, sei die werte Gattin des managenden Chefs in die westliche Heimat zurückgekehrt, weil es in der westsächsischen Provinz zu wenig Kulturangebote gibt. Volkswagen hätte sicher gern das Trennungsgeld gespart, das der Manager jetzt bekommt.
Volkswagen – das klingt genauso alt und unzeitgemäß wie Volkswirtschaft. Also sparen wir, damit dem Volk noch ein wenig Wirtschaft übrigbleibt? Oder glauben Sie etwa, „Bausparen“ heißt „Bausparen“, weil man sich das Bauen sparen will?
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