... Insider-Witze, für die andren: Sorry!
Okay, okay, ich erklär' sie doch.
Ich war neulich bei RFI, dem französischen Auslandsradio, und wurde interviewt. Jemand beschwerte sich darüber, dass letztens mal wieder der Franzose, der im Tatort vorgekommen ist, wie üblich Koch, Weiberheld, Weinkenner usw. hätte sein müssen. Das mit dem Klischeefranzosen verteidigte Søren Schumann, ein rbb-Arte-Mann, augenzwinkernd, müsse so sein, weil das Progamm ja schließlich “t’as tort" heißt :-)
(Tatort, sehr französisch ausgesprochen, klingt wie: Du bist im Unrecht).
... und der Arte-Beauftragte sei der “bof tracté” (B'e'of-trag-té-r), konterte prompt der Redakteur des Radios ... (Das 'e' wäre hier das umgedrehte 'e', das als stummes 'e' oft nicht gesprochen wird.)
Ein Bof ist ein Kumpel, der Schwager eigentlich (beau frère), aber auch irgendwie ein Looser, ein Rumhänger. Tracté heißt so viel wie "flugblattisiert", das Wort gibt's irgendwie auch nicht, aber man meint, es zu verstehen. Also derjenige, der mit den Slogans anderer zugetextet wurde vielleicht.
Ohne doppelten Wortsinn, il y a le “mengengerüst” comme néologisme en Allemand - das Wort "Mengengerüst" ist für das ponderierte Zustandekommen der Arte-Programminhalte unter TV-Franzosen ein angenommenes deutsches Wort, was der neuen “Programmgrille” entspricht, von der die deutschen Kollegen sprechen, la grille des programmes: die Programmstruktur.
Was für 'ne Grille!
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Donnerstag, 10. Mai 2007
Mittwoch, 9. Mai 2007
Ein Link
... leider nur für Leute, die Französisch verstehen:
http://www.dailymotion.com/video/x1vfyt_gerard-miller-analyse-sarkozy
(funktioniert nur per 'copy & paste')
http://www.dailymotion.com/video/x1vfyt_gerard-miller-analyse-sarkozy
(funktioniert nur per 'copy & paste')
Sonntag, 3. Dezember 2006
Pardon!
Zwei Franzosen laufen einander über den Weg. Sagt der eine: "Pardon!", sagt der andere: "Pardon!"
Was ist hier los? Zunächst müssen Sie wissen, dass wir in einem schmalen Treppenhaus sind oder an einem anderen nicht sehr geräumigen Ort. Der eine lässt den anderen vorbei und entschuldigt sich dabei für die Unbequemlichkeit, die er durch seine physische Anwesenheit unglücklicherweise dem anderen bereiten muss, dem er in die Quere gekommen ist. In Städten wie Paris, wo besonders viele Menschen auf engem Raum leben, ist das noch leichter verständlich. Hier ist jeder Moment des Alleinseins eine Ausnahme, deren Unterbrechung scheint schon mal eine Entschuldigung wert. So mutet es nur für Ausländer komisch an, dass sich alle Franzosen, auch die aus der Provinz, anstatt einander freundlich einen guten Tag zu wünschen, wie es alle gesitteten Völker dieser Erde tun, möglichst leise für ihre Gegenwart entschuldigen. Vorausgesetzt natürlich, sie kennen sich nicht.
Aber auch Franzosen entdecken in Deutschland Merkwürdiges. Zwei Deutsche laufen einander über den Weg. Sagt der eine: "Mahlzeit!", sagt der andere, "Mahlzeit!"
Was ist hier los? Zunächst müssen Sie wissen, dass der Vormittag schon fortgeschritten ist, die Uhr zeigt mindestens halb zwölf. Und wahrscheinlich ist der Tag ein Werktag, das heißt, unsere Probanden begegnen einander auf dem Flur eines Unternehmens oder auf dem Weg in Restaurant und Kantine. Die beiden Menschen sind der lebende Beweis dafür, dass in Deutschland der Tag beizeiten beginnt. Je tiefer man in Verwaltung und Fabrik hineinkommt, je tiefer wir in den Osten gelangen, desto früher beginnt der Arbeitstag. Wenn die Sonne im Zenith steht, verlangt der deutsche Magen nach kräftigem Essen. Und man wünscht sich "Gesegnete Mahlzeit!", nur dass eben das "gesegnet" mit der Zeit verloren gegangen ist.
Um nachzuspüren, wie das auf Menschen anderer Länder wirkt, genügt es, das "Mahlzeit" einfach in eine andere Sprache zu übersetzen. Stellen Sie sich mal zwei Briten vor, die einander mit ernstem Gesicht ein "Meal!" zuraunen - ist doch komisch, oder?
Was ist hier los? Zunächst müssen Sie wissen, dass wir in einem schmalen Treppenhaus sind oder an einem anderen nicht sehr geräumigen Ort. Der eine lässt den anderen vorbei und entschuldigt sich dabei für die Unbequemlichkeit, die er durch seine physische Anwesenheit unglücklicherweise dem anderen bereiten muss, dem er in die Quere gekommen ist. In Städten wie Paris, wo besonders viele Menschen auf engem Raum leben, ist das noch leichter verständlich. Hier ist jeder Moment des Alleinseins eine Ausnahme, deren Unterbrechung scheint schon mal eine Entschuldigung wert. So mutet es nur für Ausländer komisch an, dass sich alle Franzosen, auch die aus der Provinz, anstatt einander freundlich einen guten Tag zu wünschen, wie es alle gesitteten Völker dieser Erde tun, möglichst leise für ihre Gegenwart entschuldigen. Vorausgesetzt natürlich, sie kennen sich nicht.
Aber auch Franzosen entdecken in Deutschland Merkwürdiges. Zwei Deutsche laufen einander über den Weg. Sagt der eine: "Mahlzeit!", sagt der andere, "Mahlzeit!"
Was ist hier los? Zunächst müssen Sie wissen, dass der Vormittag schon fortgeschritten ist, die Uhr zeigt mindestens halb zwölf. Und wahrscheinlich ist der Tag ein Werktag, das heißt, unsere Probanden begegnen einander auf dem Flur eines Unternehmens oder auf dem Weg in Restaurant und Kantine. Die beiden Menschen sind der lebende Beweis dafür, dass in Deutschland der Tag beizeiten beginnt. Je tiefer man in Verwaltung und Fabrik hineinkommt, je tiefer wir in den Osten gelangen, desto früher beginnt der Arbeitstag. Wenn die Sonne im Zenith steht, verlangt der deutsche Magen nach kräftigem Essen. Und man wünscht sich "Gesegnete Mahlzeit!", nur dass eben das "gesegnet" mit der Zeit verloren gegangen ist.
Um nachzuspüren, wie das auf Menschen anderer Länder wirkt, genügt es, das "Mahlzeit" einfach in eine andere Sprache zu übersetzen. Stellen Sie sich mal zwei Briten vor, die einander mit ernstem Gesicht ein "Meal!" zuraunen - ist doch komisch, oder?
Dienstag, 21. November 2006
Der Kulturbeutel
Die deutsche Sprache sei, so heißt es, wunderbar pragmatisch und anschaulich.
Georges-Arthur Goldschmidt zitiert dazu das "Vorhängeschloss", also ein Schloss zum Vorhängen, das verstehe doch jedes Kind. Das Wort "cadenas", so heißt das Objekt in Frankreich, erklärt sich indes nicht von selbst.
Auf Deutsch gibt es mindestens einen Gegenstand, für den die Regel der Anschaulichkeit nicht gilt. Sein Name ist wunderlich. Er vereint das scheinbar Unvereinbare: KULTUR - hier denken wir an die Oper und ans Theater, an Bücher und Malerei und an besondere Gebäude von der Kirche bis zur Schule - und BEUTEL: Ein Beutel ist ein verformbares Behältnis aus Stoff zur Aufnahme von Gegenständen oder Material. Er hat eine Öffnung, durch die es gefüllt und geleert werden kann.
Der "Kulturbeutel" also. Wie passt das zusammen? Oder wie passt die Kultur in den Beutel?
Es ist eine besondere Kultur, die im Beutel verschwindet. Auf jeden Fall ist es nicht, was man auf Deutsch "Hochkultur" nennt, jene eben erwähnten Einrichtungen, die der Erbauung, Erfreuung und der moralischen Erhabenheit dienen. Das Wort "Hochkultur" legt indes nahe, dass es eine "niedere Kultur" geben würde.
Und wirklich, es gibt sie. Bücken wir uns und betrachten wir die "Frühkultur" auf dem Land, wo in "Frühbeeten" das "Frühgemüse" herangezogen wird. Heben wir den Blick und werfen wir einen Blick auf die "Unternehmenskultur", bei der eigentlich die Kultur das Unternehmen steuern soll. Jetzt steuern manche Unternehmen großherzig der Kultur einen Obolus bei in der Hoffnung, ihre Unternehmenskultur (in der Steigerung: die Unternehmens"philosophie") geriete aus dem Blickfeld der Allgemeinheit, denn leider besteht sie allzuoft darin, Arbeitskräfte "freizusetzen", was ihnen in der Regel flugs an der Börse gedankt wird. Lassen wir die Augen auf der "Küchenkultur" ausruhen mit polierten Granit-Arbeitsflächen und sündhaftteuren japanischen Sushi-Messern, das klingt immer ein wenig nach Wohnzeitschrift. Hier sehen wir gepflegte "Lebenskultur", die offenbar noch einen Schritt vor der "Lebenskunst" liegt, der "art de vivre", vielleicht aus Unsicherheit heraus, ob man letztere wirklich beherrscht.
In Deutschland, besonders aber in der ehemaligen DDR, ist auch die "Freikörperkultur" sehr beliebt. Sommerwochen am besten am Meer so zu verbringen wie Adam und Eva in freier Natur - das ist der Traum vom einfachen Leben, von der klassenlosen Gesellschaft. Hier sind wir unserem "Kulturbeutel" schon recht nahe. Es geht nämlich um Existentielles, um “Körperkultur” und Körperpflege. Den "Kulturbeutel" findet man in Regalen der Drogerien, das verformbare Behältnis aus Stoff wird mit Deo und Seife, Shampoo und Kamm gefüllt. So ist der "Kulturbeutel" die Hülle, in der die Leute ihre Kultur mit sich herumtragen, wenn sie auf Reisen gehen.
Nur komisch, dass das Gleiche auf Französisch "le nécessaire" heißt, "die Notwendigkeit": Eine ungleich pragmatischere Beschreibung der Angelegenheit.
Georges-Arthur Goldschmidt zitiert dazu das "Vorhängeschloss", also ein Schloss zum Vorhängen, das verstehe doch jedes Kind. Das Wort "cadenas", so heißt das Objekt in Frankreich, erklärt sich indes nicht von selbst.
Auf Deutsch gibt es mindestens einen Gegenstand, für den die Regel der Anschaulichkeit nicht gilt. Sein Name ist wunderlich. Er vereint das scheinbar Unvereinbare: KULTUR - hier denken wir an die Oper und ans Theater, an Bücher und Malerei und an besondere Gebäude von der Kirche bis zur Schule - und BEUTEL: Ein Beutel ist ein verformbares Behältnis aus Stoff zur Aufnahme von Gegenständen oder Material. Er hat eine Öffnung, durch die es gefüllt und geleert werden kann.
Der "Kulturbeutel" also. Wie passt das zusammen? Oder wie passt die Kultur in den Beutel?
Es ist eine besondere Kultur, die im Beutel verschwindet. Auf jeden Fall ist es nicht, was man auf Deutsch "Hochkultur" nennt, jene eben erwähnten Einrichtungen, die der Erbauung, Erfreuung und der moralischen Erhabenheit dienen. Das Wort "Hochkultur" legt indes nahe, dass es eine "niedere Kultur" geben würde.
Und wirklich, es gibt sie. Bücken wir uns und betrachten wir die "Frühkultur" auf dem Land, wo in "Frühbeeten" das "Frühgemüse" herangezogen wird. Heben wir den Blick und werfen wir einen Blick auf die "Unternehmenskultur", bei der eigentlich die Kultur das Unternehmen steuern soll. Jetzt steuern manche Unternehmen großherzig der Kultur einen Obolus bei in der Hoffnung, ihre Unternehmenskultur (in der Steigerung: die Unternehmens"philosophie") geriete aus dem Blickfeld der Allgemeinheit, denn leider besteht sie allzuoft darin, Arbeitskräfte "freizusetzen", was ihnen in der Regel flugs an der Börse gedankt wird. Lassen wir die Augen auf der "Küchenkultur" ausruhen mit polierten Granit-Arbeitsflächen und sündhaftteuren japanischen Sushi-Messern, das klingt immer ein wenig nach Wohnzeitschrift. Hier sehen wir gepflegte "Lebenskultur", die offenbar noch einen Schritt vor der "Lebenskunst" liegt, der "art de vivre", vielleicht aus Unsicherheit heraus, ob man letztere wirklich beherrscht.
In Deutschland, besonders aber in der ehemaligen DDR, ist auch die "Freikörperkultur" sehr beliebt. Sommerwochen am besten am Meer so zu verbringen wie Adam und Eva in freier Natur - das ist der Traum vom einfachen Leben, von der klassenlosen Gesellschaft. Hier sind wir unserem "Kulturbeutel" schon recht nahe. Es geht nämlich um Existentielles, um “Körperkultur” und Körperpflege. Den "Kulturbeutel" findet man in Regalen der Drogerien, das verformbare Behältnis aus Stoff wird mit Deo und Seife, Shampoo und Kamm gefüllt. So ist der "Kulturbeutel" die Hülle, in der die Leute ihre Kultur mit sich herumtragen, wenn sie auf Reisen gehen.
Nur komisch, dass das Gleiche auf Französisch "le nécessaire" heißt, "die Notwendigkeit": Eine ungleich pragmatischere Beschreibung der Angelegenheit.
Montag, 20. November 2006
Montag, 13. November 2006
Weihnachten in der Feuerpause
Das vierte "Rendez-vous du cinéma"
Es war wie ein Familienfest zu Jahresende: Die meisten sehen sich gerne und feiern miteinander, aber dann ist da auch der Cousin, der einen beim Erbe (vielleicht) übers Ohr gehauen hat. Das vierte deutsch-französische Filmgespräch brachte am Wochenende knapp 300 Filmleute aus beiden Ländern in einem Münchener Kino zusammen.
Die "Rendez-vous" sind Ergebnis der von Jacques Chirac und Gerhard Schröder 2000 ins Leben gerufenen "deutsch-französischen Filmakademie". Die offiziellen Filmbeziehungen stehen jetzt also im schwierigen siebenten Jahr. Nach Krise sieht es nicht aus, im Gegenteil. Waren zuvor die Filmkulturen des jeweiligen Nachbarn nur noch wenigen bekannt, vor allem das deutsche Kino in Frankreich, sind deutliche Aufwärtstrends zu beobachten, nicht nur seitens der Kritik. Ein Grund war der Erfolgsfilm des Jahres 2002, "Good bye Lenin" von Wolfgang Becker. Er lockte als untertitelter Film mehr als anderthalb Millionen Franzosen ins Kino und setzte damit der unglücklichen Situation ein Ende, dass dort deutsche Filme wie "Lola rennt" oder "Anatomie" ohne Nennung des Herkunftslandes beworben worden waren, wenn sie nicht gleich in der englischen Sychronfassung, französisch untertitelt, ins Kino kamen. Jetzt spricht in Frankreich die Kritik von einer "nouvelle vague allemande", und auch wenn die Zuschauerzahlen bislang noch eher bescheiden sind, kommen vor allem endlich wieder mehr deutsche Filme ins Kino.
Zur Änderung trug sicher auch der 2001 aufgelegte und mit drei Millionen Euro pro Jahr ausgestattete deutsch-französische Filmfördertopf bei, das "Mini-Traité". Davon profitierten seither 36 Filme, von denen, so kritisierten die einen, fast drei Viertel auf französische Initiative zurückgingen. Und von denen wiederum, so befanden andere, etliche nicht ins Kino kamen. Man solle, so forderte am Abschlusstag denn auch Regisseurin Helma Sanders-Brahms, den "Mini-Traité" endlich zum "Maxi" und damit groß werden lassen.
Das jüngste Beispiel erfolgreicher Zusammenarbeit ist sicher "Das Parfum" vom Tom Tyckwer, der, so herrschte hinter vorgehaltener Hand Einigkeit, die Förderung nicht gebraucht hätte. Eine andere Großproduktion, kleiner im Budget, aber just vor einem Jahr sehr präsent in den Medien, war "Merry Christmas" von Christian Carion, zu dem beim Filmtreffen vor einem Jahr in Köln das Marketingkonzept vorgestellt worden war. Der französische Verleih hatte bei dieser Fußnote des Ersten Weltkriegs, einer Weihnachtsverbrüderung über Schützengräben hinweg, auf die historische Einzigartigkeit des Moments gesetzt. Die Deutschen, vielleicht aus der Angst heraus, dass man in hierzulande in den letzten Jahrzehnten ohnehin schon genug von Kriegen gesprochen hat, hoben mitwirkende Stars wie Daniel Brühl und die Diane Krüger hervor. Die Hauptwirkungsstätte Krügers, ein Produktionsstandort im englischsprachigen Raum, schien denn auch den "deutschen" Verleihtitel zu inspirieren. Gemessen an den Erwartungen floppte der Film selbst in Frankreich, wo ihn knapp 2 Millionen Kinobesucher sahen, in Deutschland nur 250 Tausend. (Zum Vergleich: "Die Kinder des Monsieur Mathieu" hatte mehr als sieben Millionen Kinozuschauer in Frankreich bzw. hierzulande mehr als eine Million.)
Die Auswertung dieser Ergebnisse fand nur im kleinen Kreis statt. Ansonsten gab es große Runden, knapp dreihundert Gäste, viel Programm: erst Diskussionen, dann Hochkultur, zwischendurch Esskultur, so lassen sich trefflich neue Projekte vorantreiben. Die bei einem "Pitching" öffentlich vorgestellt wurden - in jeweils drei Minuten präsentierten Produzenten oder Regisseur ihre Stoffe auf der Suche nach Koproduzent, Verleih oder Sender. Hier fiel der Trend zum Autorenfilm auf, zum kleinen bis mittelgroßen Projekt, dessen Story am besten auch noch eine deutsch-französische oder sogar trilaterale Koproduktion anbietet. Geschichten von Flucht und Vertreibung, über Liebe und Altwerden sowie historische Stoffe. Wobei der Entwicklung der Filmhandlung eine gewisse Zufälligkeit anhaftet - "wir drehen entweder in Baden-Württemberg oder in Norddeutschland" - je nachdem, welche regionale Einrichtung das Projekt fördert.
Da scheint wichtiger zu wissen, mit wem man zusammenarbeiten will, zu wem man Vertrauen hat. Die Filmförder- und Finanzierungssysteme beider Länder unterscheiden sich stark voneinander, selbst wenn sich die Deutschen in den letzten Jahrzehnten wiederholt von den französischen Förderinstrumenten anregen ließen und das zentralistische Frankreich seit der Jahrhundertwende auch mit Blick auf Deutschland ihre regionalen Filmförderungen stärken. Die Systeme sind derart verschieden, dass auch im siebenten Jahr intensivierter Gespräche von deutscher Seite nicht selten mit Verwunderung kommentiert wird, dass französische Produzenten offiziell gar kein eigenes Geld in Projekte investieren müssen, während sie doch auf dem Papier zu einem Drittel ihr eigenes Kapital einsetzen. Dahingegen mutmaßen viele Franzosen noch immer, die angebliche Unterfinanzierung der deutschen Filmproduktionen existiere nur in der Außendarstellung, denn von so wenig Geld, wie da übrigbleibe, könne man ja nicht leben.
Das "Mini-Traité", das von der Branche angeregt worden war, könnte nun eine Novellierung erfahren. Die im Vergleich zu anderen politischen Einrichtungen kleine, unverschlissene und einmütige Szene regte nun an, Projekte auch schon in der Drehbuchphase bilateral zu unterstützen - und auch den Verleih von Koproduziertem. Die Problemanalyse mündete gleich in Vorschläge. Einmütigkeit sei überlebenswichtig, kommentierten viele Produzenten beider Länder. Angesichts der Stärke des amerikanischen Kinos wirke jede Erfolgsmeldung zum europäischen Kino wie das Bejubeln einer Feuerpause.
Frankreich setzt auf Zusammenarbeit. Letztes Jahr wurde dort die noch nie dagewesene Zahl von 240 Filmen hergestellt, fast jeder zweite in Koproduktion. In Deutschland ist das nur jeder dritte der 146 produzierten Filme. Auch, wenn das jeweilige Publikum derzeit Filme aus dem eigenen Land mag, die Angst vor der kalifornischen Studioregion, die in München übrigens selten beim Namen genannt wurde, besteht weiter. Der Blick geht dabei über Frankreich und Deutschland hinaus. "In Zeiten, wo Flugzeugbauer nicht mehr weiterwissen, legen wir mit unseren Geschichten die wirklichen Grundlagen Europas" resümierte Regisseur Jean-Jacques Beineix die Lage - und alle klatschten Beifall.
Es war wie ein Familienfest zu Jahresende: Die meisten sehen sich gerne und feiern miteinander, aber dann ist da auch der Cousin, der einen beim Erbe (vielleicht) übers Ohr gehauen hat. Das vierte deutsch-französische Filmgespräch brachte am Wochenende knapp 300 Filmleute aus beiden Ländern in einem Münchener Kino zusammen.
Die "Rendez-vous" sind Ergebnis der von Jacques Chirac und Gerhard Schröder 2000 ins Leben gerufenen "deutsch-französischen Filmakademie". Die offiziellen Filmbeziehungen stehen jetzt also im schwierigen siebenten Jahr. Nach Krise sieht es nicht aus, im Gegenteil. Waren zuvor die Filmkulturen des jeweiligen Nachbarn nur noch wenigen bekannt, vor allem das deutsche Kino in Frankreich, sind deutliche Aufwärtstrends zu beobachten, nicht nur seitens der Kritik. Ein Grund war der Erfolgsfilm des Jahres 2002, "Good bye Lenin" von Wolfgang Becker. Er lockte als untertitelter Film mehr als anderthalb Millionen Franzosen ins Kino und setzte damit der unglücklichen Situation ein Ende, dass dort deutsche Filme wie "Lola rennt" oder "Anatomie" ohne Nennung des Herkunftslandes beworben worden waren, wenn sie nicht gleich in der englischen Sychronfassung, französisch untertitelt, ins Kino kamen. Jetzt spricht in Frankreich die Kritik von einer "nouvelle vague allemande", und auch wenn die Zuschauerzahlen bislang noch eher bescheiden sind, kommen vor allem endlich wieder mehr deutsche Filme ins Kino.
Zur Änderung trug sicher auch der 2001 aufgelegte und mit drei Millionen Euro pro Jahr ausgestattete deutsch-französische Filmfördertopf bei, das "Mini-Traité". Davon profitierten seither 36 Filme, von denen, so kritisierten die einen, fast drei Viertel auf französische Initiative zurückgingen. Und von denen wiederum, so befanden andere, etliche nicht ins Kino kamen. Man solle, so forderte am Abschlusstag denn auch Regisseurin Helma Sanders-Brahms, den "Mini-Traité" endlich zum "Maxi" und damit groß werden lassen.
Das jüngste Beispiel erfolgreicher Zusammenarbeit ist sicher "Das Parfum" vom Tom Tyckwer, der, so herrschte hinter vorgehaltener Hand Einigkeit, die Förderung nicht gebraucht hätte. Eine andere Großproduktion, kleiner im Budget, aber just vor einem Jahr sehr präsent in den Medien, war "Merry Christmas" von Christian Carion, zu dem beim Filmtreffen vor einem Jahr in Köln das Marketingkonzept vorgestellt worden war. Der französische Verleih hatte bei dieser Fußnote des Ersten Weltkriegs, einer Weihnachtsverbrüderung über Schützengräben hinweg, auf die historische Einzigartigkeit des Moments gesetzt. Die Deutschen, vielleicht aus der Angst heraus, dass man in hierzulande in den letzten Jahrzehnten ohnehin schon genug von Kriegen gesprochen hat, hoben mitwirkende Stars wie Daniel Brühl und die Diane Krüger hervor. Die Hauptwirkungsstätte Krügers, ein Produktionsstandort im englischsprachigen Raum, schien denn auch den "deutschen" Verleihtitel zu inspirieren. Gemessen an den Erwartungen floppte der Film selbst in Frankreich, wo ihn knapp 2 Millionen Kinobesucher sahen, in Deutschland nur 250 Tausend. (Zum Vergleich: "Die Kinder des Monsieur Mathieu" hatte mehr als sieben Millionen Kinozuschauer in Frankreich bzw. hierzulande mehr als eine Million.)
Die Auswertung dieser Ergebnisse fand nur im kleinen Kreis statt. Ansonsten gab es große Runden, knapp dreihundert Gäste, viel Programm: erst Diskussionen, dann Hochkultur, zwischendurch Esskultur, so lassen sich trefflich neue Projekte vorantreiben. Die bei einem "Pitching" öffentlich vorgestellt wurden - in jeweils drei Minuten präsentierten Produzenten oder Regisseur ihre Stoffe auf der Suche nach Koproduzent, Verleih oder Sender. Hier fiel der Trend zum Autorenfilm auf, zum kleinen bis mittelgroßen Projekt, dessen Story am besten auch noch eine deutsch-französische oder sogar trilaterale Koproduktion anbietet. Geschichten von Flucht und Vertreibung, über Liebe und Altwerden sowie historische Stoffe. Wobei der Entwicklung der Filmhandlung eine gewisse Zufälligkeit anhaftet - "wir drehen entweder in Baden-Württemberg oder in Norddeutschland" - je nachdem, welche regionale Einrichtung das Projekt fördert.
Da scheint wichtiger zu wissen, mit wem man zusammenarbeiten will, zu wem man Vertrauen hat. Die Filmförder- und Finanzierungssysteme beider Länder unterscheiden sich stark voneinander, selbst wenn sich die Deutschen in den letzten Jahrzehnten wiederholt von den französischen Förderinstrumenten anregen ließen und das zentralistische Frankreich seit der Jahrhundertwende auch mit Blick auf Deutschland ihre regionalen Filmförderungen stärken. Die Systeme sind derart verschieden, dass auch im siebenten Jahr intensivierter Gespräche von deutscher Seite nicht selten mit Verwunderung kommentiert wird, dass französische Produzenten offiziell gar kein eigenes Geld in Projekte investieren müssen, während sie doch auf dem Papier zu einem Drittel ihr eigenes Kapital einsetzen. Dahingegen mutmaßen viele Franzosen noch immer, die angebliche Unterfinanzierung der deutschen Filmproduktionen existiere nur in der Außendarstellung, denn von so wenig Geld, wie da übrigbleibe, könne man ja nicht leben.
Das "Mini-Traité", das von der Branche angeregt worden war, könnte nun eine Novellierung erfahren. Die im Vergleich zu anderen politischen Einrichtungen kleine, unverschlissene und einmütige Szene regte nun an, Projekte auch schon in der Drehbuchphase bilateral zu unterstützen - und auch den Verleih von Koproduziertem. Die Problemanalyse mündete gleich in Vorschläge. Einmütigkeit sei überlebenswichtig, kommentierten viele Produzenten beider Länder. Angesichts der Stärke des amerikanischen Kinos wirke jede Erfolgsmeldung zum europäischen Kino wie das Bejubeln einer Feuerpause.
Frankreich setzt auf Zusammenarbeit. Letztes Jahr wurde dort die noch nie dagewesene Zahl von 240 Filmen hergestellt, fast jeder zweite in Koproduktion. In Deutschland ist das nur jeder dritte der 146 produzierten Filme. Auch, wenn das jeweilige Publikum derzeit Filme aus dem eigenen Land mag, die Angst vor der kalifornischen Studioregion, die in München übrigens selten beim Namen genannt wurde, besteht weiter. Der Blick geht dabei über Frankreich und Deutschland hinaus. "In Zeiten, wo Flugzeugbauer nicht mehr weiterwissen, legen wir mit unseren Geschichten die wirklichen Grundlagen Europas" resümierte Regisseur Jean-Jacques Beineix die Lage - und alle klatschten Beifall.
Sonntag, 29. Oktober 2006
Brot und Reiterspiele
Frankreich gilt als Land von Wein und Käse, Deutschland als Land der vielen Bier- und Brotsorten. Indes: Wenn nicht Masse zählt, sondern Symbolik, dann ist Frankreich das größere Brotland. Nicht nur, dass die Franzosen zu jeder Mahlzeit davon essen, auf le pain wurde die Republik erbaut! Da ist zunächst der französisch-österreichischen Königin Marie-Antoinette unerträglicher Satz angesichts dräuender Untertanen: "S'ils n'ont pas de pain, qu'ils mangent de la brioche." Dass die brotlosen Massen stattdessen Brioche essen sollen, wird heute als böse Nachrede Rousseau nachgeschrieben, aber seit dieser genial erfunden Logline vom Vorabend der Revolution war Brot in Frankreich immer ein sensibles Thema. Noch lange fürchteten dessen Gewählte den Volkszorn, daher wurde der Brotpreis dort bis in die späten 80er Jahre von der Regierung festgelegt. Und noch heute legt das Dekret Nr. 93-1074 fest, wie "Brot französischer Tradition" herzustellen sei. Das Reinheitsgebot des Brotes begrenzt zum Beispiel die Verwendung von Sojamehr im Teig, aus dem sich sicher auch "pain à l'ancienne" backen ließe, ein mit gemahlenen Weizenkeimen und allenfalls mikroskopisch nachweisbaren Schrotspuren auf rustikal gemachtes Brot, das, goldbraun durchgebacken, mit Mehl bestreut wird.
Oder die "baguette", dieser angeblich in Paris erfundene Vorwand eines Brotes zur Erzeugung von möglichst viel Kruste, daher auch nur die geringe Dicke von durchschnittlich fünf Zentimeter. Die Kruste wiederum ist sowohl der Vorteil des Backerzeugnisses als auch sein Nachteil: Es wird rasch weich. Und für dieses weichgewordene, ein Meter lange Weißmehletwas haben die Franzosen Worte, die Deutsche in dieser Genauigkeit für ihre Dauerbackwaren gar nicht kennen. Wegen raschen Alterns wird in französischen Bäckereien auch mehrfach am Tag gebacken. Und weil man die Qualität des (noch frischen) Brotes daran prüft, ob das weiche Innere, wenn man es knetet, in seine Ausgangsform zurückstrebt, gibt es auch hier ein Wort für die Knetmasse, la mie, für das die deutsche Sprache mit "Brotkrume" keine echte Entsprechung kennt.
Während in sehr volksnahen Kneipen der deutschen Hauptstadt "ein Meter Bier" konsumiert werden kann, das ja bekanntlich auch 'flüssiges Brot' genannt wird, haben sich die Berliner gestern bei einer historischen Rekonstruktion um das Andenken Napoleons verdient gemacht. Es ging um die Frage, warum das französische Meterbrot ausgerechnet diese Form hat. Napoleons Mannen und seine Reiter zogen nach 200 Jahren erneut durch das Brandenburger Tor, auch um zu prüfen, ob das Baguette wirklich einstmals in diese Form gebracht wurde, um in die Hosentasche der Soldaten zu passen. Aus gut informierten Kreisen wissen wir jetzt: Das kann nicht die Erklärung sein. Die Hosentaschen der zeitgenössischen Uniformen sind zu klein und marschieren lässt sich mit dem Stock in der Hose auch nicht.
Die Dame der Quadriga hoch oben auf dem Tore, schon lange von ihrer damaligen Besuchsreise nach Paris zurückgekehrt, wird sich gewundert haben. Und sie wird ihren Rössern die Anekdote erzählt haben, wie das westfälische Schwarzbrot zu seinem Namen gekommen sein soll. Napoleon, der auf dem Feldzuge des schwarzen, weil extrem langsam ausgebackenen Brotes angesichts ward, soll befunden haben, dieses sei allerhöchstens gut für sein Ross mit Namen Nickel. Und aus "bon pour Nickel" soll "Pumpernickel" geworden sein. Schluss mit der Schwarzweißmalerei in Sachen Brot!
P.S.: Den Gedanken hab ich hier nirgendwo reingekriegt: les "copains", die Kumpel, sind auf Französisch natürlich jene, mit denen wir das Brot teilen. Und ein berühmter copain, Georges Brassens - les copains d'abord - starb genau heute vor 25 Jahren.
Oder die "baguette", dieser angeblich in Paris erfundene Vorwand eines Brotes zur Erzeugung von möglichst viel Kruste, daher auch nur die geringe Dicke von durchschnittlich fünf Zentimeter. Die Kruste wiederum ist sowohl der Vorteil des Backerzeugnisses als auch sein Nachteil: Es wird rasch weich. Und für dieses weichgewordene, ein Meter lange Weißmehletwas haben die Franzosen Worte, die Deutsche in dieser Genauigkeit für ihre Dauerbackwaren gar nicht kennen. Wegen raschen Alterns wird in französischen Bäckereien auch mehrfach am Tag gebacken. Und weil man die Qualität des (noch frischen) Brotes daran prüft, ob das weiche Innere, wenn man es knetet, in seine Ausgangsform zurückstrebt, gibt es auch hier ein Wort für die Knetmasse, la mie, für das die deutsche Sprache mit "Brotkrume" keine echte Entsprechung kennt.
Während in sehr volksnahen Kneipen der deutschen Hauptstadt "ein Meter Bier" konsumiert werden kann, das ja bekanntlich auch 'flüssiges Brot' genannt wird, haben sich die Berliner gestern bei einer historischen Rekonstruktion um das Andenken Napoleons verdient gemacht. Es ging um die Frage, warum das französische Meterbrot ausgerechnet diese Form hat. Napoleons Mannen und seine Reiter zogen nach 200 Jahren erneut durch das Brandenburger Tor, auch um zu prüfen, ob das Baguette wirklich einstmals in diese Form gebracht wurde, um in die Hosentasche der Soldaten zu passen. Aus gut informierten Kreisen wissen wir jetzt: Das kann nicht die Erklärung sein. Die Hosentaschen der zeitgenössischen Uniformen sind zu klein und marschieren lässt sich mit dem Stock in der Hose auch nicht.
Die Dame der Quadriga hoch oben auf dem Tore, schon lange von ihrer damaligen Besuchsreise nach Paris zurückgekehrt, wird sich gewundert haben. Und sie wird ihren Rössern die Anekdote erzählt haben, wie das westfälische Schwarzbrot zu seinem Namen gekommen sein soll. Napoleon, der auf dem Feldzuge des schwarzen, weil extrem langsam ausgebackenen Brotes angesichts ward, soll befunden haben, dieses sei allerhöchstens gut für sein Ross mit Namen Nickel. Und aus "bon pour Nickel" soll "Pumpernickel" geworden sein. Schluss mit der Schwarzweißmalerei in Sachen Brot!
P.S.: Den Gedanken hab ich hier nirgendwo reingekriegt: les "copains", die Kumpel, sind auf Französisch natürlich jene, mit denen wir das Brot teilen. Und ein berühmter copain, Georges Brassens - les copains d'abord - starb genau heute vor 25 Jahren.
Sonntag, 22. Oktober 2006
Die Macht der Cineasten
In Deutschland leben mehr Cineasten als in Frankreich! Wetten?
Die Verwirrung hat ihren Ursprung in einem Übersetzungsfehler. Während in Frankreich nur die an der Filmherstellung künstlerisch Beteiligten Cinéasten genannt werden (mit Accent aigu), sind in Deutschland alle Filmliebhaber Cineasten (ohne Accent). Also Menschen, die Filme nicht nur konsumieren, sondern die kenntnisreich zu schätzen wissen, was auf der Leinwand geschieht. Sie lesen Filmzeitschriften und gehen auf Festivals. So findet man selbst zu Berlinalezeiten in Neukölln mehr Cineasten deutscher Herkunft als frankophone Filmschaffende in ganz Berlin.
Ein echter Cineast lebt im, durch und für das Kino. Die Generation um François Truffaut, Jean-Luc Godard und Agnès Varda lernte einander in der Cinémathèque Française kennen, zunächst waren sie nur Kritiker. Hier gab man sich auch als Tipp weiter, wer als Kameramann gut mit der neuen Technik umgehen könne. So wurde aus Raoul Coutard der "Fotograf" der Nouvelle Vague. Und aus den Filmliebhabern wurden Filmschaffende, aus Cineasten wurden Cinéastes.
Die Online-Enzyklopädie "Wikipedia" schreibt: "Cineasten tragen nicht selten einen wesentlichen Anteil dazu bei, dass aus manchen Filmen letztendlich Kultfilme werden." Das kann auch in Berlin passieren, und das liegt am ganz normalen Publikum. Denn in Cannes können interessierte Verleiher die Filme nur inmitten von Fachpublikum sehen, und das reagiert anders.
Cineasten verändern auch nachhaltig die Alltagssprache. In Frankreich vielleicht mehr als in Deutschland. Das geht schon mit dem Begriff "le septième art" los. Auf der anderen Seite des Rheins bezeichnet man als die siebente (der schönen) Künste die Filmkunst. Etliche Repliken sind Gemeingut geworden, und völlig unvermittelt können erwachsene Menschen heute ins Blödeln verfallen: "Bizarre, vous avez dit bizarre?" fragt der eine, lakonisch kommentiert vom andren: "Comme c'est bizarre!" Der Satz stammt aus der Kinderzeit des Tonfilms; Louis Jouvet sprach ihn in einem Film des vor zehn Jahren verstorbenen Marcel Carné ...
Eines haben die Liebhaber des Lichtspiels damals jedoch nicht verhindern können. In der dunklen (tausendjährigen) Epoche wurde selbst aus der Frage, wer denn das Kino erfunden habe, zum Zankapfel der damaligen "Erbfeinde". Hier standen die Berliner Gebrüder Skladanowsky mit ihrem Bioscop, das in einem Variété-Theater vor ziemlich genau 111 Jahren zum ersten Mal bewegte Filmbilder auf der Leinwand vorstellte; dort die frères Lumière mit ihrem Cinématographe und der Vorführung im luxuriösen Grand Café am Boulevard des Capucines im gleichen Jahr. Für die Nazis reimte sich das so: hüben die Arbeitersöhne, die kaum Geld hatten für Plakate, drüben die Industriellensprösslinge, die sich rund um die Uhr der Bewerbung ihrer Entwicklung widmen konnten.
Nimmt man die Ideologie weg, stimmt die Sache im Kern. Doch das Thema ist größer: Le cinéma war im fortschrittsbegeisterten Frankreich von Anfang an in Frankreich ein "salonfähiges" Medium, während sich hierzulande, wo mangels intellektuellem Zentrum vieles langsamer ging, sich die bewegten Bilder erst aus der leicht schmuddeligen Atmosphäre der Jahrmärkte und Variétés befreien mussten.
Was das jetzt mit dem Bedeutungswandel des Wortes "Cineast" zu tun hat? Vielleicht glauben in Deutschland viele, dass Filmliebe in direkter Linie aus Frankreich stammt?
Vive le Cinéma ! Atmosphère ! (Arletty)
Die Verwirrung hat ihren Ursprung in einem Übersetzungsfehler. Während in Frankreich nur die an der Filmherstellung künstlerisch Beteiligten Cinéasten genannt werden (mit Accent aigu), sind in Deutschland alle Filmliebhaber Cineasten (ohne Accent). Also Menschen, die Filme nicht nur konsumieren, sondern die kenntnisreich zu schätzen wissen, was auf der Leinwand geschieht. Sie lesen Filmzeitschriften und gehen auf Festivals. So findet man selbst zu Berlinalezeiten in Neukölln mehr Cineasten deutscher Herkunft als frankophone Filmschaffende in ganz Berlin.
Ein echter Cineast lebt im, durch und für das Kino. Die Generation um François Truffaut, Jean-Luc Godard und Agnès Varda lernte einander in der Cinémathèque Française kennen, zunächst waren sie nur Kritiker. Hier gab man sich auch als Tipp weiter, wer als Kameramann gut mit der neuen Technik umgehen könne. So wurde aus Raoul Coutard der "Fotograf" der Nouvelle Vague. Und aus den Filmliebhabern wurden Filmschaffende, aus Cineasten wurden Cinéastes.
Die Online-Enzyklopädie "Wikipedia" schreibt: "Cineasten tragen nicht selten einen wesentlichen Anteil dazu bei, dass aus manchen Filmen letztendlich Kultfilme werden." Das kann auch in Berlin passieren, und das liegt am ganz normalen Publikum. Denn in Cannes können interessierte Verleiher die Filme nur inmitten von Fachpublikum sehen, und das reagiert anders.
Cineasten verändern auch nachhaltig die Alltagssprache. In Frankreich vielleicht mehr als in Deutschland. Das geht schon mit dem Begriff "le septième art" los. Auf der anderen Seite des Rheins bezeichnet man als die siebente (der schönen) Künste die Filmkunst. Etliche Repliken sind Gemeingut geworden, und völlig unvermittelt können erwachsene Menschen heute ins Blödeln verfallen: "Bizarre, vous avez dit bizarre?" fragt der eine, lakonisch kommentiert vom andren: "Comme c'est bizarre!" Der Satz stammt aus der Kinderzeit des Tonfilms; Louis Jouvet sprach ihn in einem Film des vor zehn Jahren verstorbenen Marcel Carné ...
Eines haben die Liebhaber des Lichtspiels damals jedoch nicht verhindern können. In der dunklen (tausendjährigen) Epoche wurde selbst aus der Frage, wer denn das Kino erfunden habe, zum Zankapfel der damaligen "Erbfeinde". Hier standen die Berliner Gebrüder Skladanowsky mit ihrem Bioscop, das in einem Variété-Theater vor ziemlich genau 111 Jahren zum ersten Mal bewegte Filmbilder auf der Leinwand vorstellte; dort die frères Lumière mit ihrem Cinématographe und der Vorführung im luxuriösen Grand Café am Boulevard des Capucines im gleichen Jahr. Für die Nazis reimte sich das so: hüben die Arbeitersöhne, die kaum Geld hatten für Plakate, drüben die Industriellensprösslinge, die sich rund um die Uhr der Bewerbung ihrer Entwicklung widmen konnten.
Nimmt man die Ideologie weg, stimmt die Sache im Kern. Doch das Thema ist größer: Le cinéma war im fortschrittsbegeisterten Frankreich von Anfang an in Frankreich ein "salonfähiges" Medium, während sich hierzulande, wo mangels intellektuellem Zentrum vieles langsamer ging, sich die bewegten Bilder erst aus der leicht schmuddeligen Atmosphäre der Jahrmärkte und Variétés befreien mussten.
Was das jetzt mit dem Bedeutungswandel des Wortes "Cineast" zu tun hat? Vielleicht glauben in Deutschland viele, dass Filmliebe in direkter Linie aus Frankreich stammt?
Vive le Cinéma ! Atmosphère ! (Arletty)
Mittwoch, 18. Oktober 2006
(aus dem Notizbuch) Küsschen!
Eigentlich ist das Ganze ziemlich komisch: Die Köpfe der Beteiligten kommen sich näher, dann weichen sie, um nicht mit den Nasenspitzen aneinanderzustoßen, ein wenig zur Seite aus und nähern sich von dort der Wange des Gegenübers, die kurz und zart touchiert wird. Nach einem (leisen!) Kuss in die Luft wird das Procedere mit der anderen Backe wiederholt. Wenn beide zu lange zögern oder die Koordinierung nicht stimmt, stoßen die Nasen aneinander. Spätestens jetzt sind ein paar Worte über das Wie und Warum des Zeremoniells « la bise » fällig.
Kuss. Schon die Urchristen sollen den Kuss als Begrüßung gekannt haben, daraus wurde dann der heilige Kuss, aber das ist eine andere Geschichte.
Klar ist, Küssen verbindet, das Gefühl kurzzeitiger körperliche Nähe auch. Dabei nehmen die Küssenden die Witterung auf. Erschnuppern den Reinlichkeitsgrad des anderen, aber auch die Qualität von Parfum oder After Shave. Und Rezeptoren in der Nase prüfen kurz, ob die Gene des Gegenübers im Fall der Fälle zum eigenen Erbgut passen würden. Die Natur will stets alles neu mischen, nur unterschiedliche DNAs werden als angenehm empfunden. Ist das nicht so, können wir "den anderen nicht riechen", im wahrsten Sinne des Wortes. Und wir klären ab, ob die Luft rein. Ist mein Gegenüber entspannt oder gestresst, führt er oder sie etwas im Schilde?
Das zu wissen war für die frühen Christen überlebensnotwendig.
Küsser. Im Frankreich Ludwigs des Vierzehnten, nachdem dieser 1685 den Toleranzedikt von Nantes widerrufen hatte, galt die Anzahl der Küsse insgeheim als Erkennungszeichen der Hugenotten. (Sie küssten sich drei Mal, im Gegensatz zu den zwei Küssen der Katholiken.)
Heute entscheidet nicht die Religion, sondern die Region darüber, wie oft geküsst wird: a) in Paris, im Elsass und in Toulouse sind es zwei Küsse; b) unter Pariser Studenten und im Languedoc wird dreimal geküsst); c) im Westen Frankreichs und in etlichen Pariser Vororten oft sogar vier. Das erklärt sich wie folgt: a) In grenznahen Gegenden (terrestrische Grenze) verliert sich der Gebrauch (im Elsass ist man schon auf halbem Weg nach Hohenzollern); b) bei Pariser Studenten ist der Flirtfaktor groß, ergo braucht die Erspürung des originären Aromas mehr Zeit; c) im Westen und Südwesten gibt es viele Urlaubsregionen, also wird auch intensiver geflirtet; und in der Banlieue muss man sich seiner Gruppenzugehörigkeit stets aufs Neue versichern - und der harmlosen Absichten des Gegenübers.
1685 wanderten viele Hugenotten aus, auch nach Preußen, den Kuss haben sie einst leider nicht mitgebracht.
Küssestens. Jetzt ist « la bise » auch immer öfter in Deutschland zu beobachten. Was die Frage, mit welcher Wange es losgeht, wichtiger werden lässt. Feste Regeln dafür gibt es nicht, das entscheidet meist der dominante Part der Begegnung. Die meisten fangen auf der linken Seite an und machen dafür die Vorherrschaft der Rechtshänder in unseren Kulturen verantwortlich. Auch wichtig: Nicht jeder küsst jeden. Man muss einander schon einmal vorgestellt worden und sympathisch sein - oder aber man ist verwandt. Frauen küssen sich öfter untereinander als Männer. Den Chef/die Chefin küsst man nicht, es sei denn, die Firma ist klein oder das Geschäftsfeld besonders hip. Im Ausland führt « la bise » interkulturell ungeübte Franzosen unter Umständen auf rutschiges diplomatisches Parkett. Man stelle sich einen Politiker oder Ökonom vor, der es wagen würde, the Queen zu küssen oder sonst irgendwie zu berühren - oder Mister President oder den Parteivorsitzenden von China! Absolutely shocking!
Witzig dagegen die Variante, die aus einer Irritation entsteht: In Deutschland lebende Franzosen oder französisch sozialisierte Deutsche zögern manchmal zwischen Pfötchengeben und der « bise ». Dann wird eben doppelgegrüßt: Die Hände schütteln sich, während der Kopf:
Cous-cous!,
Caroline
P.S.: Geschriebene Küsse sind Gespensterküsse. Franz Kafka
Kuss. Schon die Urchristen sollen den Kuss als Begrüßung gekannt haben, daraus wurde dann der heilige Kuss, aber das ist eine andere Geschichte.
Klar ist, Küssen verbindet, das Gefühl kurzzeitiger körperliche Nähe auch. Dabei nehmen die Küssenden die Witterung auf. Erschnuppern den Reinlichkeitsgrad des anderen, aber auch die Qualität von Parfum oder After Shave. Und Rezeptoren in der Nase prüfen kurz, ob die Gene des Gegenübers im Fall der Fälle zum eigenen Erbgut passen würden. Die Natur will stets alles neu mischen, nur unterschiedliche DNAs werden als angenehm empfunden. Ist das nicht so, können wir "den anderen nicht riechen", im wahrsten Sinne des Wortes. Und wir klären ab, ob die Luft rein. Ist mein Gegenüber entspannt oder gestresst, führt er oder sie etwas im Schilde?
Das zu wissen war für die frühen Christen überlebensnotwendig.
Küsser. Im Frankreich Ludwigs des Vierzehnten, nachdem dieser 1685 den Toleranzedikt von Nantes widerrufen hatte, galt die Anzahl der Küsse insgeheim als Erkennungszeichen der Hugenotten. (Sie küssten sich drei Mal, im Gegensatz zu den zwei Küssen der Katholiken.)
Heute entscheidet nicht die Religion, sondern die Region darüber, wie oft geküsst wird: a) in Paris, im Elsass und in Toulouse sind es zwei Küsse; b) unter Pariser Studenten und im Languedoc wird dreimal geküsst); c) im Westen Frankreichs und in etlichen Pariser Vororten oft sogar vier. Das erklärt sich wie folgt: a) In grenznahen Gegenden (terrestrische Grenze) verliert sich der Gebrauch (im Elsass ist man schon auf halbem Weg nach Hohenzollern); b) bei Pariser Studenten ist der Flirtfaktor groß, ergo braucht die Erspürung des originären Aromas mehr Zeit; c) im Westen und Südwesten gibt es viele Urlaubsregionen, also wird auch intensiver geflirtet; und in der Banlieue muss man sich seiner Gruppenzugehörigkeit stets aufs Neue versichern - und der harmlosen Absichten des Gegenübers.
1685 wanderten viele Hugenotten aus, auch nach Preußen, den Kuss haben sie einst leider nicht mitgebracht.
Küssestens. Jetzt ist « la bise » auch immer öfter in Deutschland zu beobachten. Was die Frage, mit welcher Wange es losgeht, wichtiger werden lässt. Feste Regeln dafür gibt es nicht, das entscheidet meist der dominante Part der Begegnung. Die meisten fangen auf der linken Seite an und machen dafür die Vorherrschaft der Rechtshänder in unseren Kulturen verantwortlich. Auch wichtig: Nicht jeder küsst jeden. Man muss einander schon einmal vorgestellt worden und sympathisch sein - oder aber man ist verwandt. Frauen küssen sich öfter untereinander als Männer. Den Chef/die Chefin küsst man nicht, es sei denn, die Firma ist klein oder das Geschäftsfeld besonders hip. Im Ausland führt « la bise » interkulturell ungeübte Franzosen unter Umständen auf rutschiges diplomatisches Parkett. Man stelle sich einen Politiker oder Ökonom vor, der es wagen würde, the Queen zu küssen oder sonst irgendwie zu berühren - oder Mister President oder den Parteivorsitzenden von China! Absolutely shocking!
Witzig dagegen die Variante, die aus einer Irritation entsteht: In Deutschland lebende Franzosen oder französisch sozialisierte Deutsche zögern manchmal zwischen Pfötchengeben und der « bise ». Dann wird eben doppelgegrüßt: Die Hände schütteln sich, während der Kopf:
Cous-cous!,
Caroline
P.S.: Geschriebene Küsse sind Gespensterküsse. Franz Kafka
Samstag, 16. September 2006
(aus dem Notizbuch) Du, ich und das Regal
Was macht die Stadtschreiberin, wenn sie nicht schreibt?
Sich einrichten und Hin- und Herübersetzen mit http://babelfish.altavista.com/tr
1. Versuch
Du kommst wie gerufen, ich muss ein Regal aufbauen.
Tu viens comme appelé, moi dois une étagère développer.
Du kommst als gerufen, mich muß ein Regal entwickeln.
Tu viens quand appelé, mois dois une étagère développer.
Du näherst wo gerufen, mich muß ein Regal auspacken.
Tu m'approches où appelé, dois une étagère déballer.
Du mich müssen Konzepte wo genannter ein Regal auspacken.
Tu moi dois déballer là plus cité des concepts une étagère.
Du mich mußt dort mehr Stadt der Konzepte auspacken ein Regal.
Tu moi dois déballer là une étagère à plus de ville des concepts.
Du mich mußt dort mehr Stadt der Konzepte auspacken ein Regal.
Tu moi dois déballer là une étagère à plus de ville des concepts.
Du mich mußt dort ein Regal auf mehr Stadt der Konzepte auspacken.
Immerhin, ein Regal aufzubauen setzt in den meisten Fällen voraus, es zuvor auszupacken ;-)
2. Versuch: in die andere Richtung
Tu tombes à pic, je dois monter une étagère.
Du Steilgräber muß ich ein Regal aufrichten.
Tu tombes raides dois redresser moi une étagère.
Du müssen steife Gräber mich korrigieren ein Regal.
Tu dois corriger des tombes rigides moi une étagère.
Du mußt starre Gräber verbessern mich ein Regal.
Tu dois améliorer rigide des tombes moi une étagère.
Du mußt starr von den Gräbern mich ein Regal verbessern.
quite fishy, babel!
(Versuche: Sommer 2005)
Sich einrichten und Hin- und Herübersetzen mit http://babelfish.altavista.com/tr
1. Versuch
Du kommst wie gerufen, ich muss ein Regal aufbauen.
Tu viens comme appelé, moi dois une étagère développer.
Du kommst als gerufen, mich muß ein Regal entwickeln.
Tu viens quand appelé, mois dois une étagère développer.
Du näherst wo gerufen, mich muß ein Regal auspacken.
Tu m'approches où appelé, dois une étagère déballer.
Du mich müssen Konzepte wo genannter ein Regal auspacken.
Tu moi dois déballer là plus cité des concepts une étagère.
Du mich mußt dort mehr Stadt der Konzepte auspacken ein Regal.
Tu moi dois déballer là une étagère à plus de ville des concepts.
Du mich mußt dort mehr Stadt der Konzepte auspacken ein Regal.
Tu moi dois déballer là une étagère à plus de ville des concepts.
Du mich mußt dort ein Regal auf mehr Stadt der Konzepte auspacken.
Immerhin, ein Regal aufzubauen setzt in den meisten Fällen voraus, es zuvor auszupacken ;-)
2. Versuch: in die andere Richtung
Tu tombes à pic, je dois monter une étagère.
Du Steilgräber muß ich ein Regal aufrichten.
Tu tombes raides dois redresser moi une étagère.
Du müssen steife Gräber mich korrigieren ein Regal.
Tu dois corriger des tombes rigides moi une étagère.
Du mußt starre Gräber verbessern mich ein Regal.
Tu dois améliorer rigide des tombes moi une étagère.
Du mußt starr von den Gräbern mich ein Regal verbessern.
quite fishy, babel!
(Versuche: Sommer 2005)
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