Posts mit dem Label Kunst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kunst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 4. November 2011

Laienschauspieler gesucht

Jugendliche und junge Erwachsene (15 bis 30 Jahre) aus Berlin-Neukölln – mit und ohne Migrationshintergrund – als Laien-Schauspieler für soziokulturelles Theaterprojekt in Neukölln gesucht!

In der Produktion „Ortswechsel. Szenen aus dem Leben einer Stadt“ gehen die Darsteller auf Spurensuche nach den Geschichten von Räumen und Menschen im Reuterkiez. Fragen zu Heimat, Identität und Migration werden in Form eines Theaterparcours, bei dem sich die Zuschauer zwischen unterschiedlichen Aufführungsorten bewegen, szenisch vermittelt.

Die Proben beginnen Mitte November. Die Premiere findet am 16. Dezember statt.

Schickt bitte eine Mail an: reuterkieztheater@yahoo.de oder ruft an unter: 0151 5665 7413. Wir freuen uns auf Euch! Theater der Migranten, www.migranten-projekt.de"

Donnerstag, 19. Juni 2008

La Bohème

Letztens in der Deutschen Oper: eine Bohème-Inszenierung, bei der das überaus kitschige Bühnenbild (aus dem Jahre 1988!) von der schönen musikalischen Durchführung ablenkte, ja sie stellenweise konterkarierte. Eine Bühne wie eine Kitschpostkarte des späten 19. Jahrhunderts: Schön anzusehender Miserabilismus, adrett verdreckte Glasscheiben eines riesengroßen Ateliers hoch oben über den Dächern der Stadt (im Libretto steht was von "Mansarde"), schmucke alte Stühle, ein Kanonenofen voller Zierrat, dekoratives Gekritzel auf Leinwänden. Niedliche Armut - das Bühnenbild des Mariinsky-Theaters St. Petersburg, 2007 zu Gast im Baden-Badener Festspielhaus sah fast genauso aus, siehe links ... Dazu vermeintlich Frierende, die stets die Tür zum Dach hin offen stehen lassen. Ich bekam allein schon vom Zusehen kalte Füße - im Juni.

Dann fröhliches Weihnachtsmarkttreiben an einer viel zu breiten Montmartre-Treppe, Blumen- und Luftballonverkäufer, Passanten, Kinder, die Reifen treiben, kapriolenschlagende Artisten, Feuerspeier und Feuerwerker. Viel hilft viel, mag sich da jemand gedacht haben, eine Attraktion ist aufmerksamkeitsheischiger als die nächste, kurz: Ein Bühnenbild wie das funkelnde, blinkende, sich bewegende und übervolle Weihnachtsschaufenster der Galeries Lafayette oder eines anderen grand magasin mit seinem unregelmäßigen Rand aus Sprühschnee und der Menschentraube davor, notabene aus Winzlingen, die sich hier die Nase an der Scheibe plattdrücken.

Dann ein Bild mit Stadtmauer, Marktweibern, Gensd'armes, einer Kneipe von außen und fröstelnden Februargestalten mit Liebeskummer, alles weiter derart pittoresk, als hätte heimlich Spitzweg Pate gestanden. Im Schlussbild wanderte das Atelier mit seinen großen Scheiben in den Keller, wurde zu einem Raum ähnlich einer Tiefgarage mit übergroßem Abluftrohr - und, als wäre das zu gewagt gewesen, standen hier wie zuvor historisierende Requisiten im Bild herum.

Warum nicht das Stück nach heute transferieren? Ein Bühnenbild wie ein Puppenhaus oder ein angedeutetes solches. Nicht bespielt: der Atelierraum, den sich ein Besserverdiener gesichert und modern möbliert hat. Teils daneben, teils darüber, in der Mansarde, über zwei Stockwerke Dienstbotenkammern, und in zwei von ihnen haust die fröhliche Belegschaft nun und bibbert neben leeren Räumchen der gleichen Art, in denen nur die Erinnerungsstücke der Beletage-Mieter verstauben. Mimi hat deshalb keinen Strom mehr, weil sie die Rechnung nicht hat zahlen können, wir sehen als Parallelhandlung am Anfang, wie die Herren der EDF ihr den Strom abdrehen. Dann holt sie sich beim Nachbarn Licht für ihre Kerze.

Die "Stickerin" Mimi malt allerhöchst dekorative Blumen, Kaufhauskunst in hoher Auflage, hyperrealistisch. Wie viel Prozent bildender Künstler leben von dem, was sie machen? Der Autor unter den Bohémiens klappt, als er noch einen Artikel fertig schreiben muss, selbstredend seinen Apple-Computer auf, denn an Technik wird nicht gespart, die Kommunikation mit der Außenwelt ist auf dem neuesten Stand, Standards werden in den Dienstbotenkammern gesetzt. Entsprechend bilden eben jene Künstler die tableaux vivants der Weihnachtsschaufensterdekoration, schlüpfen in historisierende Roben, stellen ihresgleichen dar, Maler und Bildhauer und Schriftsteller, während sie im Schaufenster des grand magasin (in dem ein Caféhausleben abgebildet ist) für Animation sorgen - und für den Fortbestand sämtlicher Paris-Klischees.

Am Ende haben sie nicht einmal ihre enge Bleibe unterm Dach retten können. Sie malen jetzt die Wanddekoration für ein Restaurant, im Hintergrund sieht man überfettete Wänster genüsslich speisen.

Warum nicht den Kunstbetrieb karikieren, anstatt dem feinen Bürgertum ein antiquiertes "Bild" künstlerischer Existenz vorzuführen, das schon damals in kürzester Zeit zum Klischee geronnen war? So, wie die Inszenierung jetzt ausschaut, habe ich den Eindruck, dass sie sich über die materielle Armut von Künstlern lustig macht. Und die ist für viele nicht erst seit 1896, dem Jahr der Uraufführung von Puccinis La Bohème, aktuell ...

_________________________________
Zum 2. Bild: Nach etwas Recherche finde ich etwas, das zumindest von der Architektur her in die Richtung geht, in die ich dachte, das Bühnenbild der Metropolitan Opera New York, so, wie die Inszenierung am 5. April 2008 live vom NRD übertragen wurde.

Sonntag, 28. Oktober 2007

Altes und Neues im Gropius-Bau

Gestern Abend im Gropiusbau. Kaum bin ich wieder in Neukölln, verlasse ich es wieder ...

An der Grenze von Kreuzberg zu Mitte, face à face mit dem Preußischen Landtag, in dem heute der Berliner Senat tagt, liegt der vermutlich wichtigste Berliner Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst und Fotografie, der sich durch Stetigkeit seit seiner Eröffnung in Westberliner Tagen diesen Platz erobert hat. Das Gebäude selbst, italienische Renaissance aus der Zeit des ersten deutschen Einheitsstaats, besticht durch ein gelb bis rostrotes Farbenspektrum mit feuer- und ziegelroten Steinen, Fayencen, floralen und figürlichen Darstellungen. Es war als Kunstgewerbemuseum und -schule geplant und wurde zum Glück ab den späten 70er Jahren restauriert.

September 1989 war ich das erste Mal mit meinem Vater dort. Damals diente der Seiteneingang als Haupteingang, und vor der doppelten Haupttreppe mit überdachtem Vorbau stand die Mauer und verstellte den Blick auf den Preußischen Landtag. Jetzt bin ich wieder mit meinem Vater hier, die Mauer ist lange schon weg, an den Nebeneingang erinnern sich nur noch wenige.

Wir sehen: Atget, Pariser Bilder von kurz vor der Jahrhundertwende bis in die Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Und eine Vernissage - vom "Funken zum Pixel" zu neuer Medienkunst.

Atget hat Ecken der Stadt Paris fotografiert, die oft heute verschwunden sind. Er ging dabei systematisch und dokumentarisch vor, bildete "Menschen vor ihren Ladengeschäften" ab und dabei die Bandbreite des damaligen Handels. Das ist aber eine Reihe, die untypisch ist. Menschen kommen bei Atget nur am Rande vor, wie die "zonards" einer anderen Serie, die Underdogs der Stadtrände, die in Blechhütten und Wagen hausen. Meistens bildet er windschiefe, feuchte Häuser ab, die Gebäude von vor der Haussmann-Ära, oder er inventarisiert die Stuckdecken und Marmorkamine der Pariser Palais. In etliche Straßen kehrt er nach zwanzig Jahren noch einmal zurück, und wir sehen das Werk der Zeit: Läden wurden geschlossen, die Wände haben Flecken, hier gibt es plötzlich eine neue Durchsicht, dort steht plötzlich ein Automobil.

Überhaupt sieht Paris ohne Autos abstrakt aus. Und es ist fast menschenleer: Atget war Frühaufsteher, das Morgenlicht ist eindeutig; oder aber ein Bild heißt "Quai soundso ..." (auf der Ile Saint Louis), "... an einem Sonntagvormittag". Beruhigend, dass sich die Gewohnheiten der Pariser so wenig verändern.

Was mir bei Atgets urbanem Inventar, das er an Maler und Archive verkaufte, am besten gefiel: Die Intérieurs verschiedener gesellschaftlicher Schichten und die Inschriften der Werbeplakate für chininhaltige Alkoholika (aus Chinarinde) - einst ein Medikament gegen Malaria, war derlei damals als Apéritif "in". Slogan: "Qui le boit, l'adopte. Qui l'adopte, bien se porte!" - Sinngemäß: "Wer ihn einmal trinkt, trinkt ihn regelmäßig. Wer ihn regelmäßig trinkt, ist fit!" Alkohol plus Wellness, schon damals.

Es sind Originalabzüge ausgestellt, die Mitnahme einer Lupe empfiehlt sich für die Details. Die Ausstellungsmacher hätten einige große Vergrößerungen um eine Sitzbank herum anordnen können, kritisiert mein Vater am Ende in Museen verbrachten Woche.

Mein Lesetipp, der über die Ausstellung weit hinausgeht: Atget Paris, Bibliothèque Nationale/Hazan, 1992

Eine andere Zeitreise verspricht die Ausstellung "Vom Funken zum Pixel". Wir waren zur Vernissage da - und enttäuscht. Viel Flirren, viel Effekt, einige schöne und witzige Exponate, doch das meiste zu banal, vor allem in seiner Zusammenstellung. Hier korrespondiert wenig miteinander, wird keine These durch Antithese(n) hinterfragt, überhaupt scheint hier an allen Ecken ein Problem vieler zeitgenössischer Arbeiten durch: Sie wollen gefallen, sind beliebig in der Aussage, selten politisch und schielen auf den Markt, arbeiten dabei mit billigen und fragwürdigen Effekten. Nur manches gefiel uns durch den Unterhaltungswert oder die Grenzerfahrung, wie die überdimensionierte Petrischale mit elektronischen Würmchen drin, die durch Elektrizität und Licht wuchsen, sich veränderten und die eigene Retina mit ihren Reaktionen auf Lichteffekte an die Grenze des Aushaltbaren führte. Das Publikum liegt dazu auf dem Boden und lässt das schwindelerregende Lichtspiel über sich ergehen.

Die angekündigten "neuen Positionen" von Kunst und Medienkunst fanden wir nicht, stattdessen elektronische Lagerfeuer, Lichtdecken wie aus der Disko, eine 3-D-Installation zu indischen Kultstätten, die so auch im modernen Tourismusbüro stehen könnte.

Das überzeugendste Werk war von 1975: eine Kerze, von Nam Jun Paik in die Hülle eines Fernsehgeräts gestellt.