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Montag, 11. Dezember 2017

Goldnuggets

Unser Bezirk droht, in der Goldgräberstimmung unterzugehen. Und jetzt kennen auch schon ganz normale Hauswartsfrauen englische Fremdwörter. Wo soll das noch hinführen! Aufgeschnappt:

"Ihr Immofuzzis glaubt wohl, dass in Neukölln jeder dahergelaufene Straßenköter Goldnuggets scheißt!“ Die Hauswartsfrau, nicht mehr ganz jung an Jahren und mit ausreichend körperlichem Aplomb versehen, droht wütend mit dem Besen, als sie zwei jüngere Männer, Anzug, Krawatte, teuere Budapester-Schuhe und viel Gel im Haar, vom Hof jagt.

Später sagt sie zu einer Nachbarin: „Die ham ausjesehen wie die Zeugen Jehovas. Ich jloob, die Sektenheinis war’n mir lieber!“

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Rich art Kiz

So sehen in Neukölln uns jene, die Wohnungsanzeigen aufgeben ...
Wonung im Rich art Kiz mit schöne Dilefussbode und Guteschnitt und Sonne im Hinterhaus. Getopt ist das durch total ruhige Hof und die U-Bahn vor die Haustür. Und da findet auch der derzeit heißeste Kiz in Berlin. Hier IST Leben. Hier ENTSTEHT Leben. Neukölln ist eine Mischung aus Boheme, El-Arenal und Kunstcafe. Unglaublich!
Und das sind die Begleiterscheinungen, aus einer anderen Wohnungssuchseite (grafisch verändert):


P.S.: Für die Nichtberliner ... es gibt einen Richardkiez, in dem in der Tat viele Künstler leben.

Sonntag, 8. Mai 2011

The sound of summer

Nein, ich fürchte, wir werden ihn nicht sehr lieben, und küssen schon gar nicht.

Seit drei Tagen sitzt er nun da, an der anderen Uferseite des Landwehrkanals, auf der Bank direkt gegenüber: der dunkelhaarige Mann mit seiner Quetschkommode. Er holt aus seinem Instrument so ziemlich alles das heraus, was die Pariser, Berliner und Londoner Straßen- und U-Bahnmusikanten auch an Bekannterem zu fiedeln, flöten oder quetschen imstande sind, also sämtliche Gassenhauer, die für kurze Zeit Aufmerksamkeit und eine wohlwollende, das Portemonnaie lockernde Stimmung bei Passanten erzeugen können.

Dagegen sind Balkonkatzen leise ...
Ich sage "können", wie als wär's ein Beipackzettel eines nicht anerkannten Medikaments. Und ich schrieb "Passanten". Nein, ich bin keine Passantin, und er sitzt meinem Balkon direkt gegenüber. Die Balkontür steht den halben Sommer lang offen da. Mein "Vorbeigehen" beschränkt sich zur gemeinsamen Arbeitszeit auf kurze Gänge zum Balkon, um nach Balkonpflanzen zu sehen oder dem Wetter, oder in die Küche, Tee kochen.

Am ersten Tag erfreut mich sein Gequetsche noch, da es sich mit dem Zwitschern der Vögel, dem Plappern der Kinder und dem dümmlichen Gelaber vom Band kommender Ortsbeschreibungen der Touristenschiffe mischt. Der Sound des Sommers halt ...

Am zweiten Tag sitze ich überraschend lang in der Küche, dann ist Haushalt angesagt und Freundinnenbesuch. Am dritten Tag bin ich viel draußen, es ist Sonntag, und trotzdem auch im Arbeitszimmer, ich bin selbständig.

Und morgen? Werde ich meine Gewohnheiten ändern? Im Balkonzimmer lerne ich immer Vokabeln und studiere im Lesesessel. Außerdem spreche ich mir dort am Esstisch die übersetzten Drehbücher laut vor. Im Arbeitszimmer schreibe und lerne ich, wenn es umfangreiche Dokumente gibt, die ich mit dem Stift in der Hand lesen muss. Hier liegt die Akte für die Buchhaltung, hier sind die Bücherschränke mit der Fachliteratur. In der Küche und im Gästezimmer lese ich Korrektur.

Der dunkelhaarige Mann mit der Quetschkommode wird meine Gewohnheiten durcheinanderbringen. Denn wie sagte meine Nachbarin Katrin gestern Abend, als wir uns an den Mülltonnen trafen: "Am Ende des Sommers werden wir ihn hassen!"

So lange, Katrin, wird's nicht dauern. Aber vielleicht kommt ja jemand aus der mitleidenden Nachbarschaft auf die Idee ihm Noten beizubringen, damit er seine manchmal etwas vage nachgespielten Tubes verbessern und sein Repertoire vergrößern kann. Während ich diese Zeilen schreibe, hat er gerade einen 34-minütigen Set von "Bésame mucho" beendet.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 28. August 2008

Historische Bauelemente

Was unser Nachbar "Herr Hartmut" ist, so hat dieser einen Kläffer. Einen immer schmutzigweißen Köter undefinierbarer Rasse, der jedes Türklingeln eilfertig anbellt. Dazu hat Herr Hartmut auch noch Fräulein Tochter, das bald schulreif ist - zwei Gründe, weswegen unser Bewohner im Erdgeschoss peinlich genau darauf achtet, dass die Hauseingangstür oft und lange offensteht.

Bis neulich, es war ein Julimittag zwischen drei und halb vier, ein harmloser Mittwoch noch dazu, ohne jeglichen Markt oder wochenendlichen Touristentrubel, böse Menschen durch diese stets einladend offene Tür das Haus betraten und von sehr vielen Wohnungstüren Türblätter und -knäufe abmontierten bzw. stellenweise sogar abrissen, an einem sonnenhellen, ruhigen Tag wie gesagt, vermutlich in irgendeinen Arbeitsoverall gekleidet, auf dass der Arbeitseinsatz auch schön offiziell aussehe. Die Nachbarn hier passen eigentlich immer auf, wenn hier neue Menschen ein- und ausgehen, so sehr, dass es mir manchmal zu viel ist. Hier aber ging alles so rasch vonstatten, dass von den Hausbewohnern niemand etwas mitbekam. Nicht mal Herrn Hartmuts Köter hatte angeschlagen.

Nur das Ergebnis war nicht zu übersehen. Als ich halb vier gehen und die Tür hinter mir zuziehen wollte, griff ich ins Leere. Da war anstelle des runden Knaufs nur noch ein hässliches Nichts.

Am Sonntag besuchte ich einen der Berliner Flohmärkte und sah haufenweise Türklinken, Knäufe, Schrankschilde, Türbeschläge akkurat präsentiert und was an derlei in manchen schicken Immobilien an Mobilem so vorhanden ist. Und ich erwarb, zum horrenden Preis von 10 Euro, nachstehend abgebildeten Griff.

Und ich stellte mir vor, wie diese Knäufe, Verschlüsse und Türblätter, zunächst nach Form und Stil wohlsortiert, von den Häusern auf die Märkte und dann wieder zurück in die Häuser wandern, von wo aus sie wieder ihre Reise antreten. Dabei müssen sie natürlich immer mehr durcheinander geraten, denn die Ware ist nicht sortiert und die Anzahl der gestohlenen und nachgekauften Messingdinge ist nie gleich ...

Wir Mieter der anderen Geschosse haben jetzt versucht, mit Herrn Hartmut von ganz unten ein ernstes Wörtchen zu reden. Das war wahrlich nicht einfach. Aber immer öfter klappt es und die Eingangstür wird nur kurz geöffnet für Hund und das gnädige Fräulein. So wisset, Ihr potentiellen Diebe, dass unser Haus inzwischen eine Alarmanlage hat. Und überhaupt: Die meisten historischen Türbeschläge sind gestohlen, bei uns ist fast nichts mehr zu holen! Wegbleiben!

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Andere Geschichten von und mit Herrn Hartmut (der natürlich anders heißt): hier und hier bitte klicken.

Freitag, 1. Februar 2008

Morgens um acht in der Tellstraße

Morgens um acht in der Tellstraße gegenüber der Rütli-Oberschule: Zwei Frauen und drei Männer stehen in einem Geschäft, in dem man Schleifmaschinen für den Bodenabschliff vermietet werden.

Die Frauen sind beide irgendwas zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig, schmal, nervös, in braunen, langen Mänteln den Modetipps der Saison entsprechend gekleidet, die eine kurzhaarig mit randloser Brille, die andere lockig ohne Brille. Die Männer in Monteurskluft, der eine kräftig, kurzhaarig und blond in den Dreißigern, die anderen beiden, die aussehen wie der junge und der ältere Entwurf ein- und desselben Mannes, eher kantig, untersetzt, dunkel- bis grauhaarig. Vater und Sohn sprechen leise miteinander. Das eine Team holt ab, das zweite Team bringt nach erfolgter Arbeit zurück.

Beide Frauen stehen nah bei der Warenausgabe, bekommen alles erklärt, nicken, wenden sich ab und zu den Männern zu, die in wenigen Metern Abstand stehen und die Szene wach beobachten. Die Worte des Geräteverleihers über Inbetriebnahme, Nutzung, Gefahren wiederholt die Frau, die gerade dran ist, bemüht um Einfachheit des Ausdrucks; die Männer im Blaumann sehen jetzt eher gelangweilt aus, sie kennen den Text.

Der einzige Text, der hier von Frau zu Frau gesprochen wird: "Isses schön geworden?" Darauf die andere: "Ja, sehr!"

Die Männer, sie stammen alle aus Polen, wechseln nur Blicke. Während sie jetzt mit dem schweren Gerät für Schliff bzw. Parkettpolieren schon an den Autos sind, sagt der Schleifmaschinenverleiher den Frauen zum Gruß: "Viel Spaß mit ihrem neuen Boden!"

Dienstag, 27. März 2007

Mittagsstimmung

Von draußen wehen ein warmer Frühlingswind und Geräusche herein, Worte, Fetzen von Gesprächen, zum Glück ist nichts zu verstehen.
Einer repariert im Hof ein Kinderfahrrad. Diana aus dem Nachbarhaus kommt aus der Schule. Ein anderer übt Oboe, Läufe und Partituren. Der Kameramann aus dem Erdgeschoss hat früh Feierabend. Zwei Mütter sprechen am Sandkasten über Kindergärten. Irgendwo schleudert eine Waschmaschine. Die Vögel sind schon leiser geworden, es geht auf Mittag. Und ich muss Vorhänge vorziehen, damit die Sonne mich nicht blendet.

Freitag, 23. März 2007

Filmtipp in Neukölln für Sonntag, 19.00 Uhr

self STORAGE

Hohe Mieten und knapper Wohnraum sowie der Trend zu einer mobilen Lebensführung machten nicht nur in New York privat genutzte Lagerhäuser - self storages - zu einem blühenden Geschäftszweig. Der Dokumentarfilm von Ingrid Molnar aus Hamburg zeigt diese Räume und dabei unterschiedlichste Schicksale und Lebensentwürfe, kurz: Einblicke in eine sehr private Sphäre.

Der Film läuft zur Finissage der Ausstellung IDENTITÄT im Kunstraum t27: http://www.kunstraumt27.de/profil.html

Mehr zum Film hier: http://www.kunstraumt27.de/vorschau.html

Die Regisseurin Ingrid Molnar, eine Wienerin mit Wohnort Hamburg, wird anwesend sein.

Hausgeister

In jedem Haushalt Europas befindet sich mindestens eine Sache von Ikea, selbst bei der Queen of England (ein Bilderrahmen soll es sein, da kam am Rande der Dreharbeiten zu "The Queen" heraus). Und in jedem dritten Haushalt Europas steht ein Billy-Regal.

Bei mir auch. Das kaufte die Firmenpartnerin für die Filmproduktion. Es sind nur Filmsachen drin, das Regal steht im steuerrelevanten Arbeitszimmer.

Unlängst wollte ich umräumen. Die Regale wanderten an die Wand, an deren Fußleiste ein Rohr entlangführt, das warm war. Es ist ein Heizungsrohr.

Morgens und abends nun hörte ich, wenn ich in der Küche saß oder in der Wanne lag, gelegentlich aus dem Arbeitszimmer Schüsse. Und zwar immer zu Zeiten, in denen ich nicht im Zimmer war. Es ging Tage so. Morgens ging ich furchtsam hinein. Es hatte sich nichts geändert. Einmal öffnete ich beim Schusswechsel vorsichtig ich die Tür. Niemand war hier verschanzt, Tote gab es auch nicht zu beklagen.

Letztens machte ich abends Überstunden. Die Heizung war schon abgedreht. Und ich hörte: Da sitzt ein Klopfgeist im Regal. Das Rohr ist dran schuld.

Was tun? Ingrid aus Hamburg sagte: "Du verlierst dabei wertvolle Energie ... oder tu nichts rein auf die Regalflächen unten!" Das Energieargument ist gut, aber hast Du schon mal gewogen, chère Ingrid, was Festivalkataloge, Filme und Akten so bringen an Gewicht? Ich hab Angst, dass, wenn ich unten nichts reinpack, mir die Dinger in die Knie gehen!

Wegstellen? Mir gefällt die neue Ordnung viel besser.

Gestern hab ich, einer Laune folgend, das besonders Laute einfach mal kurz in seiner Statik bedroht. Das ging auch ohne vorheriges Ausräumen, das Regal war nur zu Dreiviertel voll.
In der Absicht, es ein wenig von der Wand wegzubekommen, zog ich dran, schob, rüttelte, es war einfach zu schwer. Drohte zu verkeilen. Knirschte - und steht jetzt leicht schief.

Aber der Erfolg war und ist phantastisch. Der Klopfgeist ist sehr viel leiser geworden und hat die Schusswaffe gewechselt. War es vorher mindestens eine Magnum, ist es jetzt maximal ein Knöchelchen. Mit solchen Hausgeistern müsste auch die Queen leben können in ihren Möbeln, die nicht vom skandinavischen Einrichter sind.

Sonntag, 11. März 2007

Ode an den Sekretär

Hier sitz ich, tage-, wochen-, jahrelang.
Du bist immer hier. Wartest geduldig.
Nimmst mir nichts übel. Nicht
Meine Launen, meine Unruhe. Mein
Fernbleiben und die Rückkehr.

Dein Holz ist weich und glatt und warm.
Dein Licht erfreut meine Augen.
Deine Form beschwingt mein Gefühl.
Du bist leicht und solide zugleich. Klar
Und verspielt. Ein Ort der Heimat.

Mittwoch, 7. März 2007

Mein Schreibtischstuhl

Das wichtigste an meinem Arbeitszimmer ist der Blick in den Himmel. Ich neige zum Frieren und wärme mich sogar an in der Ferne gesehenen Frühlingssonnenstrahlen.

Das zweitwichtigste ist der Schreibtischstuhl. Den bekam ich geschenkt. Und das kam so:
Eines Tages vor nicht allzu langer Zeit, ich wollte mich gerade auf meinen Sessel flezen, ein Bein untergeschlagen, auf dass der Schenkel den Fuß wärme, da gab dieser unter mir nach. Geistesgegenwärtig hielt ich mich an der Tischkante fest, der Stuhl flog hinter mir weg. Die Sachen, die auf der Schreibtischplatte stehen, gerieten mitsamt der Platte kurz ins Wanken.

Ich besah mir das Desaster näher: Ein Haarriss in der Stange, die im Schaft steckt, um die Sitzhöhe zu variieren, hatte sich mit der Zeit zum Bruch entwickelt. Irreparabel, det Dingen. Ich trug es runter zum Müll. Und setzte mich auf den Küchenstuhl.

Eine halbe Stunde später fand ich eine Mail im Postfach: "Bürostuhl zu verschenken". Ich rief an - es handelte sich um eine Kollegin im weitesten Sinne, sie arbeitet im gleichen Bereich, wir waren uns noch nie über den Weg gelaufen. Und nun kommt's: Sie wohnt in Sichtweite, auf der anderen Uferseite, genau fünf Hausnummern weiter. Schon beim Telefonieren konnten wir auf den Balkon gehen und einander zuwinken. Den Stuhl besah ich mir fünfzehn Minuten später und trug ihn dann durch den Schnee nach Hause.

Wie dieses Wunder möglich war? Zufall.

Zufall und freecycle, eine Gruppe im Internet. Hier pinnen Leute die Dinge an die virtuelle Wand, die sie gern verschenken würden. Alte Sachen, die noch gut sind, aber die man dennoch nicht mehr braucht. Gegenstände, zu schade für den Müll, die andre erfreuen. So wie mich mein neu-alter Stuhl. Keine Stunde nach dem Bruch des alten Schreibtischsessels saß ich auf dem Ledersitz des neuen, ebenfalls höhenverstellbar mit Gas-Lift!, und konnte weiterarbeiten, eine knappe Stunde, nachdem der alte Stuhl gebrochen war. So schnell schafft das kein Kaufhaus!

Links: Freecycle Deutschland
Freecycle Berlin

Mittwoch, 21. Februar 2007

Goldenes Licht am Ufer


Das hier bietet nur ahnungshalber Eindruck vom goldenen Winterlicht, wie es uns am Ufer erfreut.

Die Berlinale ist vorbei, die Sonne noch schwach. Ich bin ausgepowert und fühle mich wie die Erde im Blumentopf: Sie ruht in Erwartung wärmerer Tage.

Montag, 22. Januar 2007

Möbel mit Geschichte

Was Möbel und Kleidung betrifft, bin ich nicht reich genug für meinen Geschmack. Auf das schwedische Möbelhaus habe ich auch nicht in allen Fällen Lust. Als ich die Stadtschreiberwohnung vor etwas mehr als einem Jahr bezog, war sie nicht mal zur Hälfte möbliert, das lag am Auszug von Mitmietern.

Ich fand eine neue Freundin, Jule, die hier als Holzkünstlerin mit der Bohrmaschine schon vorkam, sie half mir ab und zu, ich lernte aufmerksam. Als Schreinerin kann ich ihr nun auch einen Auftrag erteilen, zum Beispiel, für den ultraschmalen Flur ein Möbel mit Bauhaus-Türen aus einer Abrissvilla zu entwerfen und zu bauen.

Parallel dazu entdeckte ich einen Trödelladen in der Nähe, der abgeschliffene Möbel verkauft. Dessen Besitzer bot sich als Abschleifer an, das macht er selbst in einer Werkstatt in der Nähe. Das eine oder andere Ding fand ich dort: Mein Tischchen für den Drucker zum Beispiel. Die andren Sachen hab ich im wahrsten Wortsinn ausgebuddelt: aus Hinterzimmer-Möbelclustern in ranzigen Haushaltsauflösungsläden meinen schönen eingeschliffenen Spiegel mit Holzrahmen für drei Euro; ein Stück zog ich aus dem Müllcontainer, als unser Gemeinschaftskeller geleert wurde; ein Küchenregal verdanke ich einer betagten Nachbarin, die ins Altenheim zog.

Ich setze im Grunde hier nur etwas fort, das früh angelegt war: Schon im zarten Alter von acht habe ich auf dem Marburger Flohmarkt mein erstes Küchenoberteil gekauft - Abbildung rechts. Damals kostete es fünf Mark. 15 hätte es kosten sollen, aber kindlichem Charme konnte sich der Händler offenbar nicht entziehen.

Das Oberteil meines Wohnzimmerbuffets fand ich spätnachts auf der Straße. Es stand vor dem Haus, herrenlos. Und ich raffte all meinen Mut zusammen und bat zwei türkische Gängsta, so um die 18 Jahre jung, die mir gerade begegneten, das Ding für mich hochzutragen. Die waren überaus höflich und nett, weil ich ihre Schwester vom Rauchen abgebracht hatte, das ist aber eine andre Geschichte. Das Möbel ist sehr schön geworden - und vollständig, seit in einem andren Trödelladen das passende Unterteil rumstand. Das hatte eben gerade sein Oberteil verloren an eine Familie, die nur dieses als Bücherschrank haben wollte.

Solche Glücksfunde setzen zweierlei voraus: Geduld und gute Beziehungen zu den verschiedenen Trödlern. Meine Mittagspausen kennen viele Ziele auf den Spaziergängen im Kiez bis hin zum Südstern. Der Rest ist Handwerk und gutes Zuhören bei Jule oder bei Farben und Lacke Sachse vom Schlesischen Tor: Der maschinelle Abschliff des Trödlers geht bis zu einer Körnung von 350 (?), ich lege nach mit 600er und 1000er Körnung. Dann Schellack, dann nochmal schleifen, dann Wachs. Die Maserung kommt schön raus, die Farbe des Holzes, meist Kiefer, ist dann schön warm. Und das streichelzarte Holz ist jedes Mal wieder ein haptisches Erlebnis.

Unterm Strich kostet mich mein praktisches Hobby kaum mehr als Pressspan-Möbel vom Möbeldiscounter plus Zeit. Logisch, dass ich bei meinen Touren durch den Kiez immer Maßbänder in den Taschen aller Jacken habe. Natürlich die aus Papier, vom schwedischen Möbelhaus.

Dienstag, 16. Januar 2007

Havarie! oder: Anderen Menschen beim Denken zusehen

Nach einem langen, auswärts verbrachten Wochenende gluckert es Montagvormittag komisch in der Leitung. Es klingt, als hätten die Nachbarn eine neue Waschmaschine.

Mittags fließt das Wasser im Klo nicht mehr ab. Als die Nachbarn oben Wasser laufen lassen, entsteht ein Schmutzsee in der Wanne. Der Wasserspiegel steigt bei jedem Spülgang.

Die Hausverwaltung wird informiert. Erst per Mail, dann nochmal per Telefon. Eine Firma sei beauftragt, "bleiben Sie zu Hause!", heißt es.

Ich benachrichtige die Nachbarn und warte. Sage meine Termine ab. Warte. Ich bin froh, zu Hause zu arbeiten und nicht im Büro; zum Arbeiten komme ich dennoch nicht. Das Café nebenan freut sich über meine häufigen Besuche.

Zeitsprung: Fast 20 Stunden später werde ich massiv. Rufe allen hinterher. Nach weiteren drei Stunden kommen die Handwerker. Die Hausverwaltung hatte dem Mitarbeiter der Rohrfirma auf die Schadensmeldung hin eine Mail geschickt, indes: die Arbeiter waren den ganzen Tag auf der Baustelle.

Was sich die Sachbearbeiterin dabei gedacht hat?

Die Männer fangen mit einer Spirale an zu arbeiten. Üben Druck auf die Stelle aus, die blockiert ist, eine halbe Stunde lang. Es tut sich nichts. Dann stehen die beiden stumm und dräuen vor sich hin, der Dicke und der Dünne. Sie stehen da und schweigen, brüten, sagen nichts. So also sieht Nachdenken bei Leuten aus, die nicht wie wir permanent denken.

Zweite Strategie: Jetzt kommt zur Spirale auch der Pömpel zum Einsatz, die Saugglocke. Druck auf die Stelle, dazu Wasserdruck per Pömpel. Als das nach einer weiteren halben Stunde nicht verfängt, das gleiche Bild nochmal: Pat und Patachon stehen reglos und stumm da. Und ich daneben, bewundere ihre Ruhe und Gelassenheit. Sie sind den Tücken des Objekts ausgeliefert, schicksalsergeben. Eine solche Situation, die keine Wahl lässt, würde mich mal wütend, mal rasend, mal hilflos machen.

Am Ende reißen sie Rohre aus der Rigips-Wand zwischen Küche und Bad, pumpen ab, spiralen weiter aus einem anderen Winkel.

Nach genau zwei Stunden macht es "Blubb!" Wasser marsch!

Montag, 8. Januar 2007

Wegen Inventars geschlossen

Drei Zimmer mit Balkon, acht Fenster, die Kammer,
Küche, Bad, zwei Schreibtische, ein Sekretär,
Zwei Computer, drei Betten, zwei Buffets,
Zwei Küchenstühle am Tisch, der Herd. Sofa,
Sessel, Teppich, zwei Beistelltische, neun Regale.

Eine Vitrine, ein Esstisch mit vier Stühlen,
Schuhschrank, Flurschrank, Waschbeckentisch.
Schreibtischsessel auf Rollen, noch mehr Stühle,
Bücher, Akten, Gabel, Löffel, Topf und Teller
Wäsche, Kissen, Bilder, Lampen, Schmuck.

Zwei Radios, eine geschnitzte spanische Wand.
Ein durchschnittlicher Haushalt besteht aus 10.000 Dingen.

Montag, 27. November 2006

Die Frankfurter Küche

Gestern auf der Sonnenallee, hier hat ein teurer Küchenausstattungsladen zugemacht, ohne, dass ich es früher gemerkt hätte. Als ich jetzt hinschaue: einfach weg. Die Umgebung von Lebensmittel-, Textil- und Billighandel war wohl nicht die richtige, und Laufkundschaft gab es auch nicht. Allenfalls die Häuslesbauer aus Rudow, die mit dem Auto auf der Fahrt "in die Stadt" hier vorbeikommen.

Bauherren in Deutschland geben oft zehntausende Euro pro Küche aus. "Eine gute Küche - die Anschaffung fürs Leben", so oder so ähnlich wurden Küchen früher beworben. Dabei ist alles ganz einfach. Die praktischste Einbauchküche ist Teil der Wohnung und ihre Fronten sind weder teuer noch anspruchsvoll in der Pflege. Diese Einbau-Arbeitsküche wird dieses Jahr 80, erfunden wurde sie in Deutschland. Und das kam so:


Am Anfang war das Feuer. Im Laufe der Jahrtausende erhält es eine metallene Einfassung. Dann werden die ersten Küchenmöbel erfunden, Kästen und Schränke, ein Spülstein kommt hinzu. Für Jahrhunderte war das der Mittelpunkt der Familie: Tisch und Herd.

1926 ist Deutschland reif für die Erfindung der sogenannten Frankfurter Küche, der Mutter aller Einbauküchen. Wie für alle Erfindungen sind einige Zutaten nötig:
Vordenker, die überlegen, wie Hausarbeit einfacher geht. Vorbilder, die das Arbeitsleben neu strukturieren: Mit der Taylorisierung werden Abläufe erfasst und Fabriken entsprechend umgebaut. Vorreiter, die neue Technologien in großem Stil einführen. Vorgesetzte, die dringend Erfolge brauchen - und außerdem ein Talent: Margarete Schütte-Lihotzky. Weil sie sich selbst so nannte, nennen wir sie bei ihrem Spitznamen: Grete. Sie stammt übrigens aus Wien und ist Österreichs allererste Architektin.

Die erst 29jährige Grete plant also 1926 in Frankfurt am Main tausende von Wohnungen für den sozialen Wohnungsbau. Geld ist knapp, also soll die Kücheneinrichtung fest in der Wohnung installiert sein, praktisch und sparsam in der Herstellung. Gretes Team nimmt Maß: bei Hausfrauen, Wegen und Handgriffen - und zählt, wie oft was gebraucht wird.

Zu Hilfe kommt ihr die Einführung von Strom und Gas. Holzhacken, Feuermachen und es den ganzen Tag am Brennen zu halten ist nicht mehr nötig. Gretes Chef, Bauamtsleiter May, hat auch nichts dagegen, dass nach ihren Plänen die Küche einer wichtigen Funktion beraubt wird: dem Wohnen.

Denn trotz der Krise erhalten die unteren Schichten zum ersten Mal ein Wohnzimmer, der Esstisch wandert dorthin. Damit die Frau ihre Kinder im Blick behält, wird die Türöffnung breiter. Die Küchenmöbel, jetzt schlicht und kompakt, rücken zusammen. Sie werden so angeordnet, dass nur ein Minimum an Schritten nötig ist. Vorräte lagern in Schütten, das Licht ist immer dort, wo es gebraucht wird. Sogar ein Bügelbrett wird eingebaut. Fußleisten und eine teilweise abgesenkte Küchendecke schaffen Staub-Ecken ab, Fliesen sorgen für Hygiene. Und weil Fliegen kein Blau mögen, werden die Türen blau gestrichen.

Manche Zeitgenossen kritisieren, die Frau werde in ein Küchenlabor verbannt, wo sie in gefliestem Umfeld auf dem Gasbrenner Versuche mache. Die sind aber schnell verstummt, weil sie gemerkt haben, wie praktisch es ist, dass die Hausarbeit schneller geht, denn damals werden immer mehr Frauen erwerbstätig.

Grete baut von nun an Kindergärten und Schulhorte.

Sonntag, 19. November 2006

Die Mädchenkammer (ein Kurzfilm)

TEXT: So sieht in Paris das typische Stadthaus des ausgehenden 19. Jahrhunderts aus.

BILD: Echtfoto, das über eine Kontrastverstärkung immer mehr zur Schwarz-weiß-Zeichnung mutiert, gerät in Veränderung ...

TEXT: Konzipiert vom Baron Georges-Eugène Hausmann, der auch das Musterbuch für die einheitlichen Fassaden der französischen Hauptstadt zeichnete.

BILD: Musterbuch-Alternativen, noch immer schwarz-weiß, werden von Hand mit buntem Ärmel gezeichnet, dann sieht man immer mehr vom Mann bis zum Portrait. Das den Kopf hebt und auf der Straße die Fassade hochschaut.

TEXT: Der Balkon der Beletage wird bei besonders schönen Exemplaren von Karyatiden getragen. Wesen, die nur dazu da sind, das Leben, den Alltag aufrechtzuerhalten.

Das Pendant zum männlichen Karyatid ist die "bonne à tout faire", das Mädchen für alles. Auch sie hat in der Architektur Hausmanns ihre Spur hinterlassen, jedoch ganz oben unter der Dachjuché: Die Chambre de bonne.

BILD/TON: Karyatide hält einen Balkon in die Höh. Auf den ein Dienstmädchen tritt zum Ausschütteln des Staubtuchs. Sie trägt ein weißes Schürzchen. Kamerafahrt die Fassade hoch. Reinfahrt durch Gaubenfenster.

TEXT: Die Mädchenkammer ist klein und spartanisch möbliert. Ein Ort zum Schlafen und zum Verstauen der Kleidung, oft gibt es hier nur eine penderie, eine Kleiderstange, und eine einfache Waschgelegenheit.

BILD/TON: Bett, Tisch und Stuhl. Ablagen. Penderie hinter Vorhang. Kleine Kommode mit Wasserkrug und -schüssel. Koffer hinter der Tür oder oben auf einem Brett.

Und einen Ort, um den Koffer zu verstauen.

Denn das Mädchen kam meist vom Lande, stand als "gute Seele" der Herrin des Hauses (maîtresse de maison) bei und kam nur hoch, um zu schlafen.

BILD/TON: Die Mamsell im ländlichen Kostüm und wie die Stadt sie gemach, gemach verschickifiziert. Am Ende auf der Treppe ... die endlos ist. Hier beginnt der historische Exkurs.

TEXT: Nachdem die Bediensteten eine Zeitlang in einer Kammer neben der Küche geschlafen hatten, verbannte sie der Baron unters Dach, damit die Familie unter sich sein kann.

Unterm Dach ist noch nah genug, um diese Vertreter der einfachen Klassen zu kontrollieren. Denn in eigenen Vierteln hätte man sich ja zusammenrotten und Revolution machen können. Davor hatte der Baron Angst. Deswegen ist er auch weniger für die Chambre de bonne als für die Boulevards berühmt: breite Straßen, die er auf den Fundamenten der einstigen Mauern, der Bollwerke, anlegen ließ.

BILD/TON: Die Armen aus dem Viertel rotten sich zusammen, werfen Steine, bauen Barrikaden, verschanzen sich in kleinen Gässchen hinter Wegbiegungen, kommen durch Nebensträßchen von hinten und umkreisen das Militär. Die Zeichnung wird immer kontrastreicher bis hin zur schwarz-weiß-Darstellung. Die bunte Hand von Hausmann reißt das Papier mit einem Ruck durch, reißt eine Straße ins Gassengeflecht, pflastert sie links und rechts mit Haussmann-Häusern.
Das Ganze vor dem akustischen Hintergrund der Bonne, die die Treppe hochsteigt, wovon optisch auch etwas im Bild übrigbleibt. Dann wird sie wichtiger, ihre Tür mit draufschablonierter Ziffer, geht auf, dahinter Wasserkrug, Schürze, die auf die Kommode gelegt wird.

TEXT: Auch heute noch gibt es solche Kammern. Und auch heute kommen deren Bewohner von weit her.

BILD/TON: In der Bewegung weg von der Kommodenplatte: Hinter dem Wassserkrug hängen Postkartenmotive von Paris, die immer moderner werden, am Ende sieht man "La défense". Jemand steckt einen Blumenstrauß in den Wasserkrug ...

TEXT: Eins ist neu: in ihnen findet mehr statt als nur das nächtliche Ausruhen.
Hier wohnen Studenten, die auf Prüfungen lernen, auch mal einen Topf Pasta mit Fertigsauce kochen, das ist dann Luxuscamping. Oder die auch mal Freunde zu Besuch haben, dann wird es sehr rasch sehr eng.

BILD/TON: Erst solitäres, dann gemeinsames Lernen, Platz machen fürs Kochen, Bücher auf ein Bord in luftiger Höh', Beine einziehen, Tisch an die Wand klappen, Stuhl wegklappen, Gäste sitzen auf dem Bett, dann Essen, dann Feiern: einer spielt Gitarre.

TEXT: Und auch lauter, was die Nachbarn en détail mitbekommen, die Wände sind dünn.

BILD/TON: Puppenhaus-Draufsicht: In der Mitte jene Mini-Party, drumherum dreht einer das Radio lauter, ein anderer setzt sich Ohrenschutz wie vom Bau auf, ein Dritter macht das Licht an, er schlief wohl schon, der Vierte greift zum Besenstil.

TEXT: Oder es wohnen Arbeitsmigranten hier, Männer und Frauen mit oder ohne Aufenthaltspapieren.

BILD/TON: Mann und Frau, die sich nacheinander reinschleichen, sich vorher umschauen, drinnen leise sind.

TEXT: Andere Besucher des Stockwerks wollen auch nicht bemerkt werden. Sie wohnen eigentlich unten, zumindest einer der beiden, sie kommen aber ab und zu hoch um ...
Du "cinq à sept" heißt das amouröse Stelldichein nach der Arbeit, wofür sich die Dienstbotenetage hervorragend eignet.

BILD/TON: ... die auch reinschleichen, aber gemeinsam, sich unterwegs küssen. Dann eindeutig. Und auf einem alten Nachttischchen steht ein 50er-Jahre-Wecker, auf dem die Zeit vergeht.

TEXT: Oft wohnen in den Zimmerchen aber nur die Erinnerungen der Bewohner aus den unteren Stockwerken.

BILD/TON: Pappkarton blättert sich wie von Zauberhand selbst auf, desgleichen die Fotoalben. Über allem thront die Spinne und schaut nach dem Rechten. Zuckt zusammen: laut!

TEXT: Komfort gibt es hier oben übrigens kaum. Die Sommer sind heiß, die Winter kalt, das Klo ist für alle da und Badezimmer - Fehlanzeige.
Sommer: Sonne und das typische laute Knacken der Zinkdächer!

BILD/TON: Runterschwenk auf Fenster: Winter und Wind: Elektroheizung! Toilette turque / Steh-Klo & Point d'eau dans le couloir / Handstein im Flur.

TEXT: Ein eigenes Waschbecken gilt hier oben seit guten alten Zeiten als Luxus.

BILD/TON: Rückblende: Wasserkrug und -schüssel.

TEXT: Dennoch sind die Preise gepfeffert. Für 10 Quadratmeter werden nicht selten um die 400 Euro gefordert. Nicht genug für manchen Investor. Deshalb werden die Zimmerchen jetzt auch immer öfter umgebaut - in großzügige Dachwohnungen.

BILD/TON: Baulärm, Wände bekommen Risse, Stücke brechen raus, dahinter wird eine schicke Designerwohnung sichtbar.

TEXT: Adieu, chambre de bonne!

Mittwoch, 6. September 2006

Telefonterror

Drei Mal täglich klingelt das Telefon, weil jemand bei mir Gemüse bestellen will. Auf Ausländisch. Am Anfang hielt ich es für einen Scherz. Jetzt weiß ich, dass die Firma Azam oder so ähnlich in der Sonnenallee lange meine Nummer gehabt haben muss. Oder sie hat einfach nur eine ähnliche Nummer.

Das viele Angerufenwerden und die fröhlichen Begrüßungsrufe haben mich natürlich geprägt. "Salamalek!", sage ich beim Aufheben des Telefonhörers jetzt oft automatisch, bevor ich klarstelle, dass ich hier weder Salatköpfe noch Birnen verkaufe. Oder was noch könnte der Laden sonst verkaufen? Steckt vielleicht etwas ganz anderes dahinter? Meine Freunde wundern sich jedenfalls schon. Sie glauben, ich sei jetzt im tiefsten Neukölln unter die Fundamentalisten gefallen und konvertierte langsam.

Letztens konnte ein Mann etwas mehr Deutsch als die Anrufer sonst. Er sagte, er habe die Telefonnummer aus der Zeitung, der Laden befinde sich gegenüber einem Plus-Filialisten im Herzen Neuköllns und dass der Geschäftsinhaber Araber sei. Ich muss also mal in der Sonnenallee vorbeischauen und dem Besitzer sagen, dass er offenbar fehlerhafte Anzeigen drucken lässt.

Eben wollte ich gerade auf Tour, vielleicht sogar in Richtung Gemüse Azam, da klingelte das Telefon wieder.

"Salmalek!" rief eine Frau in den Hörer. "Guten Tag!" entgegnete ich ausnahmsweise mal wieder. "Ja, isch Scheff spreschen!" sagte die Frau. "Nur zu!" war meine Antwort. "Ja, Scheff geben!"- die Frau. "Ist dran!" - ich.

Darauf entstand eine Pause. Die aber nicht lang währte.

"Ja, isch anrufen von die Allianz. Die Preise für Auto heruntergesinkt, für Vasicherung. Du mir Preis sagen, den zahlen, und wir machen Vergleichenrechnung, ja? Ich dranbleiben, Du Vasicherung holen!"

"Wie bitte? Können Sie das bitte wiederholen?" Und sie wiederholt alles, nur ein bisschen lauter.
Jetzt lasse ich eine Pause entstehen.

"Allianz hat Autoversicherung eine Aktion gemacht. Praktisch ist billiga geworden. Und ich sagen, Sie zahlen bei uns so viel Geld, richtige Summe, und wenn das günstig ist, dann kommen zu uns, wir alles machen, auch Kündigen von die alte Versicherung."

Ich bin sprachlos. Diese Frau redet ja noch schneller als ich, das ist wirklich nicht zu glauben!

Darauf Sie: "Was haben für ein Auto?"
Das "Isch habe gar keine Auto!" aus der Nescafé-Werbung kann ich mir gerade noch verkneifen.

Werte Allianz, wie Sie wissen, ist diese Art von Anrufen in Deutschland strafbar. Auch unter Türken, Arabern oder sonstigen Ausländern. Muttersprachler einzusetzen ist schon ganz tricky, aber die sollten wie für obenbezeichnete Fälle der Landessprache mächtig sein. Damit man ihnen eindeutig erklären kann, warum man jetzt gerne den Namen des Anrufenden und die Anschrift des Call Centers hätte.

Obwohl ... geht auch so. Offenbar waren meine Fragen unmissverständlich. Noch bevor ich der Dame einen guten Tag wünschen und "Inshallah!" sagen kann, legt die Anruferin auf.

Freitag, 1. September 2006

Kleine Gäste zum Tee

Im Hof spielt oft ein etwa achtjähriges Mädchen mit ihrer kleinen Freundin. Wir haben uns mit der Zeit etwas kennengelernt, halten manchmal Schwätzchen miteinander.

Als ich vom Markt komme, lungern die beiden schlechtgelaunt im Hausflur rum. "Unsere Eltern sind einkaufen und wir haben Durst!" Da man in dem Haus alles hört, auch zurückkommende Eltern, lade ich die beiden auf einen Tee zu mir ein.

Der Lakritz-Minze-Tee kommt gut an. Ist ja auch was Besonderes - hier zumindest. In Frankreich ist "réglisse menthe" in jedem Monoprix zu haben. Der Tee ist von natürlicher Süße, die Kinder verlangen nach mehr.

Dazu kredenze ich holländische Bio-Waffeln mit Haselnuss. Sie knabbern vorsichtig dran rum.

Und das große Mädchen erzählt, dass sie nächstes Jahr zehn Jahre alt wird und dass sie Diana heißt. "Mein Papa hat keine Arbeit, meine Mama arbeitet in der Kneipe. Meistens ist jemand zu Hause, weil meine Schwester ja ein kleines Baby hat." - "Wie alt ist denn deine Schwester?", frage ich. "Die ist gerade 19 geworden."

Stimmen unten im Hausflur, Namen werden gerufen. Die improvisierte Teegesellschaft löst sich genauso schnell wieder auf, wie sie zusammengefunden hatte.

Diana hat ihre Waffel aufgegessen, ihre kleine Freundin legt die halbgegessene Waffel auf den Tisch und sagt: "Ich mag nicht mehr." Und fügt fast im Vorwurfston hinzu: "Das sind gar keine Süßigkeiten!"

Dienstag, 29. August 2006

Handwerkerlatein auf Berlinisch

"Schrauben in DER Länge und Stärke gibt es nicht! Was haben SIE denn vor? Au weia, DAS wird nicht klappen!", sagt Herr Schulz-bei-Scholz und runzelt die Stirn. Er schaut bestürzt auf Jules Zeichnung. Jule hilft mir beim Anmontieren eines Küchenschränkchens, in dem ich meinen Tee lagere, und das ist nicht einfach. Jule hat hintereinander aufgemalt, woraus die Wand besteht: Rigips, Luft, Stein.
"Was ist denn DAS für ein Haus?", fragt Herr Schulz-bei-Scholz, "doch hoffentlich kein ALTbau!"

"Genau, ein Altbau", gebe ich kleinlaut zu, und bin plötzlich einige Sekunden lang gar nicht mehr stolz auf meine Stadtschreiberwohnung am Maybachufer.

Immer, wenn ich in Berlin Handwerker befrage, hier den Mitarbeiter bei "Schrauben Scholz" in der Reichenberger, werde ich zunächst auf das handelsübliche Bittstellermaß zusammengestaucht. Und wie so oft scheine ich als Kundin grundsätzlich zu stören. Und überhaupt, was für unmögliche Anliegen immer! So, dass ich mich unterschwellig als der in Handwerksdingen unerfahrenste Weltenbürger fühle, der es je gewagt hat, seinen Fuß in die heiligen Hallen des Fachhandels zu setzen. Und ich bettele fast um eine Lösung: "Schauen Sie mal, vielleicht lässt sich das von der Zeichnung doch so umsetzen, dass es hält!"
Denn dass es diese oder jene Art Schrauben/Ersatzteile/Bauteile nicht fabrikmäßig geben soll, mag ich in keinem der Fälle glauben, in denen ich mit Menschen von Bau und Renovierung zu tun habe.

"Das wird nicht halten mit DER Luft dazwischen!", sagt Herr Schulz-bei-Scholz, wie er sich zwischendurch am Telefon meldet. "Haben SIE das so gebaut?" Der hagere Fachmann betont immer einzelne Worte ganz besonders. Sie hämmern mir fortgesetzt ein schlechtes Gewissen ein.

Nein, nicht eigenhändig gebaut, aber selbst in Auftrag gegeben. Die Küchenwand wäre sonst unerträglich kalt in der schlechten Jahreszeit, die in Berlin lange dauert, und bekannterweise sitzen nicht nur bei Parties die interessantesten Gäste am liebsten in der Küche.

"Da müssen sie das Rigips aufreißen, dahinter eine Verschalung machen, mit Holz verstärken, denn das Mauerwerk kann mal Stein, mal Bauschutt, mal sonst etwas sein, Berlin ist da besonders. SO kann ich keine Garantie geben, dass es hält! Au weia, DAS wird teuer!" und Herr Schulz-bei-Scholz schüttelt den Kopf ob so viel weiblicher Naivität.

Irgendwie habe ich immer noch das Gefühl, dass ich störe, aber das ergeht einem in vielen Berliner Läden so und mir ganz besonders bei allem, was irgendwie technisch angehaucht ist.

Ein anderer Kunde, der sich als Herr Jandl aus Österreich vorstellt, er kauft eben 100 Spezialschrauben zu 7,99 Euro, rät: "Sie könnten auch eine Trägerkonstruktion aus Metall von außen auf der Wand anbringen, dann verteilen sich die Lasten. Oder sie bringen eine Leiste an, die muss aber auf jeden Fall angeschrägt sein, und das Kasterl wird eingehängt. Sie müssen es aber noch unten fixieren, damit es sich nicht löst, wenn jemand aus Versehen dranstößt."

Und das Ganze nur für ein etwas größer geratenes Teeregal! Am Ende lässt sich der Fachmann vom Schraubenladen doch dazu herab, im Lager zu suchen. Und kommt nach elendig langen Minuten zurück. Er hat dicke Schrauben und Dübel in der gewünschten Länge dabei, nein: sie sind 12 statt 9 cm. Und größere Metallplättchen mit Loch in der Mitte, die von innen dagegen halten. Das war meine Idee, ja, da bin ich stolz, Herr Schulz. Denn die Löcher sind bereits gebohrt, das Mauerwerk hatte sich als unauffällig erwiesen.

Morgen kommt Jule wieder zum Frühstück. Dann wollen wir das Schränkchen aufhängen. Mal sehen, ob der Tee nicht zu schwer ist für die langen Schrauben.

Donnerstag, 24. August 2006

Noch vier Monate bis Weihnachten

Heute auf den Tag genau sind es noch vier Monate bis Heiligabend. Nicht, dass ich noch an den Weihnachtsmann glauben würde, und Kirche, naja. Aber ich mag Kerzenschein, Nadelduft und die Menschen um mich rum. Und ich bin für gut inszenierten Kitsch empfänglich.

Ich lebe in einem multikulturellen Bezirk. Und heute auf den Tag genau sind es noch vier Monate bis Weihnachten. Zwei plus zwei Monate.

Auf der Sonnenallee bei einer türkischen Variante von McBillig gibt's paketweise echte gelbe Weihnachtskerzen. Im August. Zugegeben, der Himmel hängt auf Halbmast, es riecht fast schon nach Herbst, alle sprechen davon. War ja auch zu nett von uns, dass wir uns die Capricen vom Aprilwetter und die Regenmenge vom Juli für den August aufgespart und den Hochsommer wegen der WM vorverlegt haben, oder? Wir sind halt gute Freunde. Ich schweife ab.

Noch einspluseinspluseinspluseins Monate bis "Gschenklefeschd" (nach den Türken sind hier die Schwaben die zweitgrößte ethnische Minderheit).
Und hier liegen sieben Päckchen echter Wachskerzen zum Spottpreis von jeweils 49 Cent. Die kann ich nicht liegenlassen. Ich schau nach links, ich schau nach rechts, keiner sieht hin. Okay, hier ist echt sparen angesagt, und ab geht's zur Kasse.

Wenig später. Ein Spiegel mit schönem Holzrahmen lockt mich ins Innere eines Trödelladens. Auch hier: Kleingewerbe fest in türkischer Hand. Beim Hinausgehen wäre ich fast über sie gestolpert: Weihnachtbaumfüße! Noch einer plus drei Monate ... Woher wissen die eigentlich, dass beim letzten Versuch, den großen Stamm in den kleinen Ständer zu bugsieren am Alditchibolidlfuß aus Plastik eine Strebe rausgebrochen ist, so dass die Statik immerwährend und auf ewig gefährdet ist. Und das bei echten Wachskerzen, nee, das passt nicht. Der Fuß hier, Modell Plattfuß nach versehentlichem Abwurf, ist noch richtig schön solide und gusseisern. "Der 'Christbaumständer' kostet einen Euro!" sagt der Verkäufer belehrend. Also los: Ein Blick nach links, einer nach rechts.

Sind ja nur noch vier Monate. Ach, wie schön ist es doch, in einem multikulturellen Bezirk zu leben.