Donnerstag, 8. November 2007

Peuplade !

Das Netz schafft Soziopathen, die nur noch hinter der Maschine hängen, ballern und chatten - und die ihre Mitmenschen kaum noch persönlich kennen. Richtig?

Im zweiten ist's wie im echten Leben: Die Dosis macht's. Und die Substanz. Nehmen wir eine Postgraduierten-Studentin, deren beide beste Freundinnen wegen anstehenden Familienstandswechsels den Kiez verlassen haben. Denn noch immer gilt diese Gegend als nicht ideal, um Kinder großzuziehen. Nämliche Person verspürt an einem Abend am Schreibtisch Lust, Leute zu sehen. Die neue Crêperie zu testen oder in eine Bar zu gehen. Aber nicht allein.

In Paris, Stadt der Soziopathen und Mega-Egos, hätte sie sich auf peuplade eingeloggt. Einst ein soziologisches Experiment, das auf einen Stadtteil beschränkt war und Kommunikationsweisen erforschen sollte, ist nun die reale Abbildung der echten Nachbarschaft in ganz Paris. Also doch "second life"? Nein, hier geht's brav mit Listen und Landkarten weiter, nicht mit virtuellen Räumen und Animation. Die jeweiligen Nachbarn - man kann die gewünschte Entfernung in Gehminuten eintragen - tauchen als Fähnchen im Stadtplan auf, je nach Filter erfahre ich, wer ähnliche Interessen hat und die gleichen Sprachen spricht.

Der Rest sind praktische Dinge. Misia fragt nach einem günstigen Klempner im Viertel, Apache verschenkt sechs Stühle, Oba verkauft, was sich auf dem Dachboden angesammelt hat, Gabriel8 jemanden für Englisch-Konversation. Ich finde Filmfan Abbeyroad im Kulturforum, schaue, wer von den Nachbarn meines Gebäudes sich eingetragen hat, und eine andere Rubrik bringt Eltern der verschiedenen Bildungseinrichtungen zusammen.

Oder ich gebe eine Suchanzeige auf: "Suche Menschen, mit denen ich die neue Crêperie testen kann". Wenn ich nicht Vali eine Sofortnachricht schicke, die mir durch ihr besonderes Wissen in der Diskussion über die Renovierung des markanten Baudenkmals an der Ecke aufgefallen ist.

Valis peuplade-Adresse finde ich auf ihrer Seite. Hier werden übrigens anders als sonst im Netz private Daten wie das eigene Alter nicht abgefragt. Und unter "Beruf" stehen vor allem die gelernten und früher ausgeübten Berufe eingetragen, daneben notiere ich, was ich gut kann und worin ich anderen helfen könnte. Ich kann auch ein Foto einstellen, das peuplade-Team empfiehlt indes, ein Foto zu wählen, das einen berührt hat und kein Portrait. Man will ja nicht zwangsläufig von allen Nachbarn erkannt werden ...

Denn das, was sonst typisch ist für virtual world - ich chatte mit jemandem meist anonym irgendwo auf dem Globus - gilt hier nicht. Ich muss auch hier nicht sofort sagen, wer ich bin, dennoch ist erklärtes Ziel, nach dem virtuellen Infoaustausch einige Nachbarn wirklich zu treffen.Nur ich durchbreche die Regel. September habe ich mich bei peuplade in meinem Pariser Lieblingsviertel eingetragen und gleich klargestellt, dass es mein 'alter Kiez' ist, dass ich jetzt in Berlin wohne. In einem Umkreis von 130 Metern treffe ich auf 30 Nachbarinnen und Nachbarn, nach drei Tagen habe ich als Neuling über deutsche Filme diskutiert, bin über den besten Bäcker im Kiez informiert und habe sogar die Grenzen des virtuellen Raums überwunden. Für Anne habe ein Buch im Antiquariat in Berlin um die Ecke abgeholt und am Tag drauf mit nach Paris genommen: Die Studentin hatte es im Netz gefunden und schnell gebraucht, so wurde aus der Netznachbarschaft gleich ein typischer Nachbarschaftsdienst.

Und dann sitze ich Mitte Oktober im "Café de la mairie" Anne, der Germanistin, gegenüber. Die dunkelblonde Endzwanzigerin träfe in Paris nur Ihresgleichen im der Presseagentur, ihrem Geldjob, an der Uni oder bei Kongressen, sagt sie, dann gebe es noch die Freunde aus Studium und Schule, ansonsten sei es in der Hauptstadt schwierig, jemanden kennenzulernen. Na klar, setzt sie lachend hinzu, hat sie jetzt mit mir im Netz jemanden gefunden, der in ihr Schema passt, wir hätten uns auch auf einer Konferenz kennen lernen können. Die anderen echten und virtuellen Nachbarn seien da schon bunter. Mit einer peuplade-Bekannten aus Ghana gehe sie jetzt zum Tanzkurs, die hat sie beim "Apéros de quartier" kennengelernt, dem reellen kleinen "Stammtisch" von peuplade in der Nachbarschaft. "Sie ist Verkäuferin, ein Herz von einem Menschen, ohne das Netz hätte ich sie nie kennengelernt", sagt Anne und winkt dem Kellner, von dem sie erst seit kurzem weiß, dass er eine Straße weiter lebt.

Beim nächsten Parisbesuch wohne ich vielleicht in "meinem" Kiez. Cat4 vermietet gelegentlich ein Zimmer, oder aber ich tausche nächsten Sommer die Wohnung mit Robinsonne, die findet Berlin nämlich auch prima.

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