Samstag, 17. November 2007

Kinderarmut

Vorhin durfte ich im tiefsten Neukölln ein Päckchen abholen. In der Warteschlange hatte ich Zeit, und habe mir die Leute um mich herum angesehen. Es ist kühl in Berlin, und mir fällt ein Kind auf, das wie für den Frühherbst gekleidet ist. Ein Junge, maximal acht Jahre, steht direkt hinter mir. Er hält ein etwa fünfjähriges Schwesterchen an der Hand, während die Mutter weiter hinten mit einem Säugling zu Gange ist.
Der Blick des Jungen ist leer, hart, scheinbar desillusioniert. Routiniert ruckelt er den Arm der kleinen Schwester, als diese zu übermütig wird, und bringt sie so zur Raison. Jetzt stiert auch das Mädchen vor sich hin. Die Kinder sind übergewichtig und nicht nur zu leicht, sondern auch mit Stücken gekleidet, die zu bunt sind, zu wenig zusammenpassen, auch so sieht neue Armut aus. Mir fällt ein, was ich gerade in der Süddeutschen Zeitung gelesen habe. Seit der Einführung von Hartz IV hat sich die Zahl der Kinder, die Sozialhilfe beziehen, verdoppelt. Jedes sechste Kind unter sieben Jahren bekommt in Deutschland diese Hilfe, weil die Eltern zu wenig oder gar nichts verdienen. 1967, kurz vor Studentenrevolte und Straßenschlachten, nach denen tausendjähriger Muff unter den Talaren gelüftet wurde, war es nur jedes 75. Kind.

Wie das zusammenhängt? Inhaltlich nicht. Was die Zeitung nicht brachte, ist die Entwicklung in diesem vierzigjährigen Zeitraum. In der gleichen Kurve wären abzubilden: Arbeitslosenkurve, Managergehälter, Spitzenvermögen, Entwicklung von Wohneigentum, Bildungsquote.

Die Mutter überlässt den Kindern allein die Warteposition und geht zum Tabakladen. Zurück kommt sie mit Zigaretten und einem ausgefüllten Lottoschein in der Hand. Ach ja, ich hatte die Erträge der Lottogesellschaften vergessen.

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